FÄLSCHUNGEN. Nennen wir ihn Urs Müller; ihn könnte man als «gebranntes Kind» bezeichnen. Ausserdem ist ihm die Angelegenheit ausgesprochen peinlich. Deshalb möchte er seinen wahren Namen hier nicht lesen. Das, was ihm passierte, kann heutzutage aber vielen widerfahren. Und dazu braucht es nicht einmal das Internet.

Uhr ja – voller Preis aber nein

Der Tatbestand in aller Kürze: Müller liebt sportliche Armbanduhren, aber nicht das Zahlen des vollen Ladenpreises. Deshalb nimmt er jede Gelegenheit wahr, im Web oder auf Uhrenbörsen nach sogenannten Schnäppchen zu suchen. In Fachgeschäften sind solche bei begehrten Uhrenmarken wie beispielsweise Breitling, die es Urs Müller besonders angetan hat, hingegen kaum zu finden. Alternativen wie Börsen oder das Internet bieten weitaus bessere Möglichkeiten. Damit begann das Müllersche Drama. Unser Pechvogel besuchte eine der zahlreichen Uhrenbörsen. Und er wurde fündig. Ein Breitling Navitimer, Referenz A24322, wie aus dem Bilderbuch. Und der Preis stimmte auch. Die Hälfte vom Ladenpreis wollte der italienische Händler. Das klang mehr als verlockend. Auf einiges Insistieren hin liess er nochmals 200 Fr. nach.

Die einmalige Chance

Trotz seiner Leidenschaft ist Urs Müller kein Spezialist. Aber gerade deshalb hatte er sich mit diesem Modell ausgiebig befasst. Nicht nur ein Konzessionär, sondern gleich mehrere durften ihm das Objekt der Begierde ausgiebig zeigen und erläutern. Natürlich im Original. Somit wusste Müller um Gravuren und um die Tatsache, dass im Inneren ein Automatik-Chronograph des Rohwerkefabrikanten Eta tickt, welcher Breitling ausschliesslich in Chronometer-Qualität verbaut. Nach eingehender Begutachtung der Uhr von allen Seiten kam der Deal an der Uhrenbörse schliesslich zustande. Diese vermeintlich einmalige Chance wollte sich der Uhrenliebhaber nicht entgehen lassen. Ein Etui gab es dazu, die – angeblich verlorenen – Papiere leider nicht. Aber der attraktive Preis räumte alle Bedenken aus. Auf einige Tage voller Stolz und Freude folgten Enttäuschung und bitteres Erwachen. Die Uhr ging mächtig vor. Das wiederum ärgerte Müller, der infolge seiner Recherchen wusste, dass bei amtlich geprüften Chronometern pro Tag gerade mal 6 Sekunden erlaubt sind. Gegen 10 hätte er nichts gehabt. Aber mehr als 1 Minute war nicht akzeptabel. Zum Nachregulieren wandte er sich notgedrungen an den örtlichen Fachhändler. Dort folgte aufs Öffnen des Gehäuses ein mächtiger Paukenschlag: Müller hatte ein nahezu perfektes Plagiat erworben. So gut gemacht, dass selbst der erfahrende Konzessionär äusserlich zunächst nichts erkennen konnte.

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Qualität zweifelhafter Natur

Woher diese Fälschung stammte, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Aber die Vermutung, dass der Lieferant irgendwo im Mittleren Osten sitzt, hat eine gewisse Berechtigung. Der Navitimer, Referenz A24322, ist übrigens kein Einzelfall extrem originalnaher Plagiate, welche derzeit kursieren und sich mit den üblichen Bordmitteln äusserlich kaum identifizieren lassen. Auch die Breitling-Referenzen 13356 Chronomat und 17390 SuperOcean sind ins Visier unlauterer Uhrenproduzenten geraten. Allen gemein ist eine optische Gehäuse-, Zifferblatt- und Zeigerqualität, die selbst kritischer Begutachtung durch die Lupe fürs Erste standhält. Alle Zifferblattdetails stimmen mit den Originalen eidgenössischer Provenienz nahezu vollkommen überein. Auch die Zeiger kommen dem sehr nah, was Breitling vor dem Zifferblatt rotieren lässt. Die Schalenböden verfügen über Zentralverschraubung, stimmige Fräsungen und kaum unterscheidbare Gravuren einschliesslich der Referenz- und Seriennummer. Allein die Metall-Armbänder sind minderwertiger ver- und bearbeitet. Statt akkurater Kanten finden sich beispielsweise einfache, durch schnelles Arbeiten rund geschwabbelte Abschlüsse.

Unter dem Deckel die Wahrheit

Stichhaltige Beweise für die Herkunft aus einer obskuren Fälscherwerkstatt liefert – wie im Falle des Urs Müller – erst das Aufschrauben des Gehäuses. Die gängigen Breitling-Schlüssel liefern hierbei wertvolle Dienste, denn die passen einwandfrei. Nach dem Abheben des Schraubbodens sticht sofort der einigermassen grobschlächtige Nachbau des Eta/Valjoux 7750 ins Auge. Er entstammt chinesischer Produktion und ist das einzig Legale bei diesem verwerflichen Gegenstand. Nach dem Auslaufen des rechtlichen Schutzes darf sich jedermann am 1973 lancierten Chronographen-Bestseller versuchen. Kenner entlarven diese fernöstliche Version anhand des fehlenden Umlenkmechanismus zum Verstellen des Rückerzeigers. An die Stelle des signifikanten Bauteils tritt eine simple, ihren Zweck aber durchaus erfüllende Verstellmöglichkeit. Im Übrigen sind die Funktionen, die Einbaumasse und die Bohrungen zur Befestigung des Zifferblatts absolut gleich. Es bleibt also abzuwarten, wann darbende Schweizer Fabrikanten in Fernost einkaufen und ihre Uhren nach hinreichend wertschöpfenden Verfeinerungen trotzdem als «Swiss made» kennzeichnen dürfen.

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Versteckte Mängel

Dass sich die Plagiatoren die vergleichsweise aufwendigen Führungen der Chronographendrücker gespart haben, fällt vermutlich nur Kennern beim genauen Blick in die Tiefen des Gehäuses auf. Breitling verschraubt die kleinen, verstärkenden Röhrchen von innen mit der Flanke. Die Fälscher verwenden hingegen gesteckte Hülsen, gesichert durch simple Spaltscheiben. Hinsichtlich ihrer Funktion müssen die chinesischen Werke keineswegs passen. Der realitätsnah kopierte Navitimer 24322 verfügt sogar über den zentralen 24-Stunden-Zeiger samt Verstellmöglichkeit beim Wechsel der Zeitzone. Allem Anschein nach diente die Eta auch hier als konstruktives Vorbild.

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