1. Finanzbranche: Rechtzeitig abgestossen
Die Schweizer Finanzbranche bekommt den rekordtiefen Ölpreis kaum zu spüren - das liegt auch daran, dass unter anderem die beiden Grossbanken rechtzeitig Schritte eingeleitet haben: Die UBS hat sich 2008 aus dem Rohstoffhandel verabschiedet, die Credit Suisse wurde ihn 2015 vollständig los - sie stiess das Geschäft an die amerikanische Citigroup ab.

In den USA ist die Sitution denn auch heikler als hierzulande. Dort sitzen nämlich deutlich mehr Institute, die in die Rohstoffbranche investiert sind - und wenn es Ölkonzernen, Förderern und Fracking-Unternehmen schlecht geht, trifft es auch die Kreditgeber. Wells Fargo und Citigroup - die der CS ihre Sparte abgekauft hatte - mussten Ende des vergangenen Jahres hohe Rückstellungen machen, um potenziell ausfallende Kredite im Zweifel auffangen zu können.
Prognose: So bald dürfte der Ölhandel bei Schweizer Banken kein Thema mehr sein.
 

2. Chemie: Firmen sind weniger betroffen als früher
Die Chemiekonzerne sind den Schwankungen des Ölpreises heute deutlich weniger ausgesetzt als früher, als die Basis-Chemie noch wichtiger war. Hierzulande hat sich die Branche in die höhermargige Spezialitätenchemie weiterentwickelt. Oft geht es um die Weiterverarbeitung von Stoffen, die nicht mehr am Anfang der Wertschöpfungskette stehen und deshalb beim Preis nicht mehr so stark an den Ölpreis gebunden sind.

Clariant beispielsweise stellt zunehmend Chemieerzeugnisse her, die in Konsumprodukten Verwendung finden. Allerdings verkauft Clariant auch Zusatzstoffe, die bei der Förderung von Öl wichtig sind. Hier herrscht Preisdruck, weil die Förderer weniger verdienen. Die Ems-Chemie ist laut eigenen Angaben nur wenig vom Ölpreis betroffen. Analysten erwarten dagegen wie auch bei Lonza einen positiven Effekt.
Prognose: Die Spezialisierung wird auch bei tiefen Ölpreisen weitergehen.
 

3. Luftfahrt: Nicht alle Airlines profitieren sofort
Die Treibstoffkosten sind ein wichtiger Kostenfaktor bei Airlines, laut Berechnungen des Weltverbands IATA machen sie im Schnitt rund einen Drittel der Gesamtkosten einer Fluggesellschaft aus. Dementsprechend müsste der niedrige Öl- und damit auch Kerosinpreis bei den Airlines eigentlich für Champagnerlaune sorgen. Doch so einfach ist das nicht. Die meisten grossen Fluggesellschaften haben beim Kerosin langjährige Hedging-Verträge abgeschlossen - eigentlich, um sich vor steigenden Preisen zu schützen. Sinken diese, geht die Wette nicht auf.

Die Lufthansa-Gruppe, zu der auch Swiss gehört, hatte für das Jahr 2015 rund 80 Prozent des Kerosins mit Hedging-Verträgen bezogen. Das hiess umgekehrt, dass die effektive Ersparnis bei den Treibstoffkosten im Konzern mit 11 Prozent deutlich geringer ausfiel, als wenn man sich nicht abgesichert hätte. Fluggesellschaften, die risikobereiter waren und nicht gehedgt haben, erhalten nun deutlich mehr Rückenwind. Die anderen müssen noch etwas abwarten.
Prognose: Nur wenn der Ölpreis tief bleibt, schlägt sich das auch in den Bilanzen nieder.

 

4. Logistik: Konzentration auf neue Branchen
Was die Kosten betrifft, hat der niedrige Ölpreis auf die Schweizer Logistikbranche einen eher geringen Einfluss: Die Unternehmen sind «Agents». Das heisst, sie nehmen die Kapazitäten anderer Anbieter in Anspruch, ohne die Schiffe oder Flugzeuge selbst zu bedienen. Bemerkbar macht sich die Ölkrise aber im Luftfrachtmarkt, wie man an den beiden Schweizer Branchengrössen Kühne + Nagel und Panalpina sehen kann.

Für Panalpina ist das Öl- und Gasgeschäft traditionell wichtig. Weil man die Industrie weniger belieferte, ging das Luftfrachtvolumen bei dem Logistikkonzern mit Minus 3 Prozent im dritten Quartal stärker zurück als der Gesamtmarkt, der um 1 Prozent schrumpfte. Panalpina will daher seine Abhängigkeit von der Branche reduzieren und mehr auf Geschäfte mit verderblichen Waren setzen. Kühne + Nagel hingegen hatte schon vorher einen stärkeren Fokus auf anderen Zweigen wie verderblichen Gütern, Pharma oder Luftfahrt. Die Volumen legten um mehr als 5 Prozent zu.
Prognose: Logistiker versuchen verstärkt, unabhängiger vom Ölgeschäft zu sein.

 

5. Industrie: Energieintensive Firmen profitieren
Industrieunternehmen, die Aufträge von Öl- und Gasförderern erhalten, dürften unter den tiefen Ölpreisen tendenziell leiden. Zu ihnen gehören etwa Sulzer, ABB, Burckhardt Compression und Phoenix Mecano. Ihre Maschinen, Pumpen und Antriebsteile sind schlicht weniger gefragt, weil die Ölbranche nicht mehr im grossen Stil wie früher in die Erschliessung neuer Felder investiert.

Generell profitieren dagegen all jene Unternehmen, die energieintensiv produzieren. So sinken die Brennstoffkosten etwa in den Giessereien von Georg Fischer. Zu den Gewinnern zählt grundsätzlich die verarbeitende Industrie. Eine gute Nachricht ist der Preiszerfall für die Automobilzulieferer-Industrie. Sie dürfte vor allem von den Autoproduzenten aus Deutschland mehr Aufträge erhalten. Dort erwartet die Branche wegen des tiefen Spritpreises einen Boom beim Verkauf von Neuwagen. Weltweit soll der Preiseffekt dazu führen, dass 600 000 Autos mehr verkauft werden können.
Prognose: Viele Industriefirmen werden ihre Margen für kurze Zeit erhöhen können.

 

6. Rohstoffhändler: Hauptsache Bewegung auf den Märkten
Für reine Ölhändler ist der absolute Preis des Rohöls nicht entscheidend. Viel wichtiger sind grosse Preisschwankungen auf den Märkten. In solchen Situationen verdienen die Trader ihr Geld. Wie Trafigura: Der Händler weist für das Geschäftsjahr 2015 einen Gewinnsprung von 28 Prozent aus. Die Trader verfügen über detailliertes Wissen, wo in der Welt gerade wie viel Öl in welcher Qualität überschüssig ist und wo welches tendenziell fehlt.

Es sind die Schnelligkeit, die Flexibilität und der Wissensvorsprung der Händler, welche sie etwa gegenüber den trägeren Erdölproduzenten besser positionieren. Die Händler sehen in einem fallenden Markt einfach schneller Arbitrage-Möglichkeiten als die Produzenten. Gefährlich wird es allerdings für Rohstoffkonzerne wie Glencore, die nicht mehr reine Händler sind und sich in Boomzeiten in Ölfelder eingekauft haben. Sie müssen nun Wertberichtigungen verkraften, weil der Wert des Rohstoffs auf absehbare Zeit geringer ist als vor zwei Jahren.
Prognose: Ohne weiteres Auf und Ab beim Preis werden die Margen der Händler sinken.

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