Wissenschaft geht manchmal ihre eigenen Wege. Als Simon Ittig von seinem Doktorvater einen Gefrierschrank mit ein paar tausend präparierten Bakterien übernahm, ahnte er nicht, dass er damit den Grundstein für sein eigenes Unternehmen legen würde. «Das war kein planerischer Akt, es entsprach einfach nicht meinem Naturell, die Bakterien wegzuwerfen.»

Doch die Umsicht des damaligen Post Docs am Basler Biozentrum zahlt sich jetzt aus: Heute ist Simon Ittig Chef von T3 Pharmaceuticals und Pionier einer Technologie, mit der womöglich ein neues Kapitel bei der Bekämpfung von Krebs geschrieben wird: mit dem Einsatz von präparierten Mikroorganismen.

40 Millionen Franken hat er seither aufgenommen. Das ist viel für einen Jungunternehmer, der direkt von der Uni kommt. Sein grösster Investor ist der Venture-Fonds von Boehringer Ingelheim, einer der besten Adressen der Pharmaindustrie. In wenigen Wochen wendet der 38-jährige Startup-Gründer seine präparierten Bakterien in Tests bei Patienten und Patientinnen an – ein Schlüsselmoment für den jungen Krebsforscher und sein Team.

Mikroorganismen in der Bekämpfung von Krebs sind ein neues, noch weitgehend unbearbeitetes Feld. Simon Ittig arbeitet mit Yersinia enterocolitica – mikrobakteriellen Zeitgenossen, mit denen man, wie der Name vermuten lässt, sonst lieber nicht Bekanntschaft schliessen sollte. Sie finden sich in Schweinefleisch, das nicht genügend gegart wurde, und verursachen Bauschmerzen, Durchfall und anderes wenig Erfreuliches. Zudem sind sie nicht ungefährlich. Bei immungeschwächten Patientinnen und Patienten kann eine Infektion sogar lebensbedrohlich sein.

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Doch Simon Ittig mag den Übeltätern nur Gutes abgewinnen. Er benutzt sie als Vehikel, um Proteine in den Krebs einzuschiessen, die wie Warnsignale ans Immunsystem funktionieren und ihm sagen: Achtung, hier stimmt etwas nicht, hier hat es Krebszellen, hier musst du hin. Die eigentliche Arbeit erledige dann das Immunsystem. «Das ist die Schönheit unserer Technologie, dass sie die körpereigene Abwehr nutzt.» Die Bakterien sind dabei so präpariert, dass sie überall im Körper vom Immunsystem vernichtet werden, ausser im Tumor, wo das Immunsystem naturgemäss sehr geschwächt ist.

T3 Pharmaceuticals ist damit in der Immunonkologie tätig, einem der zurzeit spannendsten Gebiete der Krebsforschung. Dabei geht es nicht mehr darum, wie bei der Chemotherapie oder der Bestrahlung den Krebs von aussen zu bekämpfen, sondern mit dem körpereigenen Immunsystem zu arbeiten.

Doch es gibt auch hier schon Unterschiede. Anders als die ersten Immuntherapien, die sogenannten Checkpoint-Inhibitoren, welche die Bremse des Immunsystems zu lösen versuchen, drücken die Wirkstoffe von T3 Pharmaceuticals sozusagen aufs Gaspedal und stimulieren das Immunsystem, damit es den Krebs bekämpft. Zudem macht es die Technologie von T3 möglich, dem Bakterium verschiedene Proteine einzuschreiben, was es für den Krebs schwieriger macht, sich gegen die Therapie zu wehren. «Wir können immer neue bakterielle Wirkstoffe generieren», sagt Simon Ittig.

«Die Schönheit der Technologie ist, dass sie die körpereigene Abwehr nutzt», sagt Simon Ittig CEO T3 Pharmaceuticals.

Der Wirkstoff wirkt wie eine Impfung gegen den Krebs. In Mäuseversuchen konnte das Team von T3 zeigen, dass das Immunsystem Monate später Krebszellen an einem anderen Ort im Mäusekörper erkannte. Und doch trifft es auch das Bild von der Impfung nicht genau, denn: «Wir entscheiden nicht vorher, was das Immunsystem erkennen soll, sondern wir überlassen es dem Immunsystem selbst, worauf es reagieren möchte.» Das ergebe eine viel grössere Vielfalt, was, so die Hoffnung, die Heilungschancen verbessere.

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Tests an hundert Patienten

Den Tierversuch hat die Technologie hinter sich, nun wird sie an hundert Krebspatientinnen und -patienten mit verschiedenen Tumorarten getestet. Das ist viel für eine erste klinische Studie und zeigt, wie weit T3 mit der Technologie schon ist. Im Vordergrund stehen fürs Erste äussere Tumore an Nacken und Hals, die gar nicht so selten sind, aber noch nicht gut behandelt werden können, sowie Melanome.

Die Stunde der Wahrheit schlägt dann in ein paar Jahren, wenn es darum gehen wird, die Technologie im Rahmen einer grossen klinischen Studie an mehreren tausend Patienten und Patientinnen zu testen; vorausgesetzt, die Resultate der jetzt anlaufenden Tests erlauben es. Spätestens dann kommt für Biotech-Startups vom Schlag von T3 der Moment, wo der Finanzbedarf so gross wird, dass es ohne einen grossen Partner bei Big Pharma oder ohne ein IPO nicht mehr gehen wird. «Da bin ich realistisch», sagt Simon Ittig.

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Trotzdem hoffe er, dass er auch in zehn Jahren noch Unternehmer sein werde. Er selbst wird dann Mitte vierzig sein und sein ganzes Berufsleben den im Gefrierschrank stehenden Yersinien seines Doktorvaters gewidmet haben – was in der Biotech-Industrie mit ihren langen Entwicklungszyklen nicht unüblich ist. Trotzdem könne er sich keinen besseren Beruf vorstellen. Entscheidend sei, dass die Patientinnen und Patienten von der Technologie von T3 profitieren können.

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