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Dieser Wahlschweizer will Fifa-Blatter beerben

Jérome Champagne: Wäre ein valabler Kandidat. Keystone

Der in Zürich wohnende Ex-Diplomat Jérôme Champagne will Chef der Fifa werden, gab er heute bekannt. Er gilt als sauber und reformorientiert. Das sagte er der «Handelszeitung» zu seinem Programm.

Von Thomas Mersch und Stefan Merx
am 24.10.2015

Der in Zürich wohnende Ex-Diplomat Jérôme Champagne ist Kandidat um das Fifa-Präsidium, sagte er in der Nachrichtensendung 10vor10 von SRF. Er profiliert sich als Antipode zu Sepp Blatter und schlägt grosse Reformen vor. Vor einem Jahr gab er der «Handelszeitung» ein exklusives Interview - denn auch damals wollte er an die Fifa-Spitze:

Sie tragen ja gar keine Uhr. Andere Funktionäre im Weltfussball lassen sich durchaus mal eine schenken …

Jérôme Champagne: Ich mag keine Uhren. Zu meiner Kommunion habe ich eine Uhr geschenkt bekommen, sie aber nie getragen. François Mitterand hat einmal gesagt: Mit jeder Sekunde, die ich ticken sehe, werde ich daran erinnert, dass auch meine Lebenszeit abläuft.

Was haben Sie gedacht, als Sie gehört haben, dass Sepp Blatter - wie Dutzende andere Fifa-Leute - eine Luxusuhr erhalten hat, als Geschenk des brasilianischen Fussballverbands anlässlich der WM?

Manches ist legal, aber moralisch verwerflich. 25'000 Dollar teure Uhren? Ich glaube, das ist etwas zu dick in Krisenzeiten. Der brasilianische Fussballverband hat 60 solcher Uhren verschenkt, hätte mit dem Geld aber auch einen Kunstrasenplatz im Amazonasgebiet bauen können.

Die Geschenke verstossen gegen die Fifa-Regeln, oder?

Natürlich. Der neue Ethikkodex ist sehr klar, was den akzeptablen Wert von Geschenken angeht. Für mich ist die Fifa eine Regierung. Und kein Unternehmen und kein Verein. Wenn der französische Präsident ein Geschenk erhält, muss er es selbstverständlich abgeben.

Sie fordern mehr Transparenz im Weltfussballverband - auch finanziell?

Ja, und das gilt auch für die Offenlegung der Bezüge des Fifa-Präsidenten. Ich weiss zwar nicht, wie viel ich als Fifa-Präsident verdienen würde. Aber ich weiss, dass ich das sofort offenlegen würde. Schliesslich weiss man auch, wie viel der US-Präsident verdient. Das Geld der Regierung Fifa ist für mich eine Art öffentliches Geld. Es muss gerechtfertigt und offengelegt werden, so weit wie möglich.

Sie wollen weitreichende Reformen anstossen - wo brennt es besonders?

Ich will fünf grosse institutionelle Änderungen herbeiführen. Erstens: Die Zusammensetzung des Exekutivkomitees, des ExCo. Ein gewählter Fifa-Präsident muss wie ein gewählter Regierungschef in die Lage versetzt werden, sich sein Kabinett - also das Exekutivkomitee - selber zusammenzustellen. Derzeit wird es von den Kontinentalverbänden zusammengestellt. Sie spielen eine grosse Rolle, sind aber gar keine Mitglieder der Fifa. Es wäre so, als würde Barack Obama nach der Wahl John McCain in seinem Kabinett vorfinden, den er gerade in der Wahl geschlagen hat. Und der würde dann alles blockieren, was Obama vorhat. Science Fiction? Nein. Das ist Fifa-Realität.

Was schlagen Sie vor?

Ich schlage vor, dass die Mehrheit der Sitze im ExCo den Präsidenten der 209 Landesverbände vorbehalten ist. Sie sollen parallel zur Präsidentschaftswahl auf dem Fifa-Kongress gewählt werden. Warum? Weil die Fifa im Grunde dem Deutschen Fussball-Bund gehört, dem botswanischen Fussballverband und den 207 übrigen Verbänden. Wir müssen vom zentralistischen Gedanken abrücken, dass an der Spitze der Fussballpyramide die Fifa steht, darunter die Konföderationen und ganz unten die nationalen Verbände und Klubs. Es muss genau auf den Kopf gestellt werden. Die Fifa ist nur eine Serviceeinheit. Man gibt den wahren Anteilseignern der Fifa die Macht zurück: Den Klubs und den Nationalverbänden.

Sie monieren auch die Sitzverteilung im Exekutivkomitee.

Ja, denn sie repräsentiert längst nicht mehr die Verhältnisse unserer Zeit. Europa hat 53 Landesverbände und hat acht Sitze inne. Afrika hat 54 Landesverbände und vier Sitze. Das ist mein zweiter Punkt: Das Verhältnis muss neu ausbalanciert werden, indem wir mehr Sitze schaffen. Es ist ja fast wie im UN-Sicherheitsrat: Man verweigert Deutschland noch immer den ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat - wie 1949. Als französischer Diplomat sage ich: Das kann ich nicht mehr nachvollziehen.

Welche weiteren Anachronismen haben Sie festgestellt?

Heute geht es im bezahlten Fussball immer öfter um Fragen, die indirekt mit arbeitsrechtlichen Themen zusammenhängen: Transferregulierung, Schutz von Minderjährigen, Schutz der ausbildenden Klubs. Wie kann man diese Themen diskutieren, ohne die Beteiligten - nämlich Klubs und Spieler - und ihre Interessenvertreter an den Tisch zu holen? Also: Organisationen wie die Spielergewerkschaft Fifpro müssen als Mitglieder des ExCo mitreden können. Die Protagonisten müssen eine Stimme bekommen.

Was noch?

Viertens sehe ich ein Problem darin, dass bei der Fifa eine Trennung zwischen politischen und kommerziellen Interessen nicht stattfindet. Die politische Autorität trifft heute die wirtschaftlich relevanten Entscheidungen, indem sie die TV- und die Sponsoringverträge abzeichnet. Als die Fifa in den 1980er-Jahren noch kein Geld hatte und sich bei der Bank Geld leihen musste, um die Mitarbeiter zu bezahlen, war das noch kein Problem. Heute schon. Man muss die kommerziellen Aktivitäten sauber von den Regierungsaufgaben trennen. Eine solche "Chinese Wall" würde auch das Image verbessern helfen. Weiter muss man innerhalb der Fifa eine neue Division für Profifussball aufbauen.

Alle sagen, Sie hätten keine Chance gegen Sepp Blatter. Er werde zum fünften Mal gewählt werden. Wie gehen Sie damit um?

Abwarten. Die Wahl findet am 29. Mai statt, es sind noch acht Monate. Das Leben lehrt doch: Nichts läuft wie geplant. Ich stelle mich nicht mit einer Kampagne gegen irgendjemanden, etwa Herrn Blatter. Sondern ich trete für meine Ideen an. Ich glaube daran, dass im Fussball und in der Fifa Veränderungen nötig sind. Ein solcher Wahlkampf ist ein dynamischer Prozess, und am Ende kommt es auf 209 nationale Verbände an.

Welche Verbände oder Regionen werden Sie unterstützen?

Sie sitzen überall. Ich habe mich aber entschlossen, nicht zu früh über die Verbände zu sprechen. Auch wenn ich nicht an Verschwörungstheorien glaube, will ich niemanden unter Druck setzen, indem ich ihn als meinen Unterstützer bekannt gebe. Ausser bei Pelé - das ist öffentlich.

Sepp Blatter sieht sich ja nun auch als Reformer. Haben Sie ihm Ihre Ideen persönlich nähergebracht? Was hält er davon?

Weil ich ein höflicher Mensch bin, habe ich ihn wenige Tage vor meiner Ankündigung der Kandidatur um ein Treffen gebeten. Es ist keine Überraschung, dass wir einige generelle Ansichten teilen. Ich habe ja auch elf Jahre lang für Blatter gearbeitet, Reden geschrieben und Programme entwickelt. Aber gerade weil ich die Organisation von innen kenne, weiss ich, dass einige Dinge verändert werden müssen.

Sie haben das Fifa-Motto «Football for Hope» für Ihren Wahlkampf in «Hope for Football» geändert - ein Seitenhieb?

Exakt. Ich bin besorgt um das Spiel. Werden die Fans wegbleiben, wenn die Wettbewerbsintensität verloren geht und damit die Spannung? In der französischen Liga ist es damit bereits aus: Paris St-Germain ist ein katarischer Klub, AS Monaco ein russischer, der nicht mal in Frankreich sitzt und allein deshalb 50 Millionen Euro Vorteil geniesst, weil er keine Steuern zahlt. Früher hat die Fifa mit ihrer Arbeit versucht, aus dem Fussball heraus Wohltaten für andere Lebensbereiche zu leisten. Jetzt mache ich mir Sorgen um den Fussball an sich.

Wie stehen Sie generell zu Investoren im Fussball?

Ich habe nichts gegen das Geld aus Katar in Paris. Ich habe aber etwas dagegen, wie es ausgegeben wird. Paris St-Germain hatte eine der besten Jugendakademien, aber selbst die besten Spieler sind fortgegangen, wurden teilweise zu Stars im Ausland, weil sie keine Chance mehr haben, ins Pariser Team zu kommen.

Was Sie da kritisieren, betrifft ja die internen Klubentscheidungen. Was könnten Sie als Fifa-Präsident strukturell ändern?

Das Scheckbuch hat vielerorts die Trainingsarbeit ersetzt. Und ich denke, wir müssen den Klubs vorschreiben, dass eine Mindestanzahl von einheimischen Spielern auf dem Platz stehen muss. Als Blatter die 6+5-Regel, wonach sechs einheimische Spieler zur Pflicht werden sollten, gegenüber der EU-Kommission verteidigt hat, habe ich ihn mit voller Überzeugung unterstützt. Grosse Klubs kaufen heute doch alle guten Spieler vom heimischen Markt - nicht, um sie spielen zu lassen, sondern damit sie die Konkurrenz nicht bekommt. Es liegt in der Verantwortung der Fifa, das zu korrigieren.

Entsprechende Versuche gibt es schon.

Ja, aber sie haben nichts bewirkt. Wenn die Regel besagt, dass ein Spieler, der im Alter von 15 bis 21 drei Jahre lang im Land gespielt hat, als Einheimischer gilt, dann verstärkt das nur einen Trend: Dass die grossen Klubs diese Jungs in noch jüngerem Alter unter Vertrag nehmen.

Die Ungleichgewichte zeigen sich besonders in der Champions League. Sie ist Sache der Uefa.

Die Fifa hat durchaus Kompetenzen für den europäischen Fussball - und sie ist eine politische Macht. Die Champions League ist ein hervorragender Wettbewerb, aber jeder weiss doch: Sie wird erst ab dem Viertelfinale wirklich spannend.

Zur Person: Nach seiner Karriere bei der Fifa hat Jérôme Champagne eine Firma in der Schweiz gegründet. Unter dem Namen Football Future ist seit dem Jahr 2010 in Steinhausen ZG ein Beratungsunternehmen eingetragen, bei dem Champagne als Präsident amtet. «Die Firma wurde mit dem Entscheid, die Präsidentschaftskandidatur zu starten, stillgelegt», so sein Geschäftspartner Patrick Magyar. Leichtathletik Magyar war bis vor kurzem als Chef der Leichtathletik-EM in Zürich engagiert. Das Sportereignis im Spätsommer dieses Jahres sorgte für ein millionenschweres Defizit, da zu wenige Zuschauer den Anlass besuchten. In den 1990er-Jahren war Magyar für das Leichtathletik-Meeting Weltklasse Zürich tätig. Danach war er, wie Champagne, bei der Fifa engagiert, bevor er in die Leichtathletik zurückwechselte. Ab 2007 war er Direktor des Zürcher Weltklasse-Meetings. Stabwechsel Magyar gab bereits letztes Jahr bekannt, dass er als Direktor des Leichtathletik-Meetings Weltklasse Zürich abtritt. Ab 2015 hat das Meeting eine Co-Direktion. Zur Leitung zählt auch Christoph Joho. Auch er sitzt im VR von Football Future.

Das Interview erschien erstmals in der Printausgabe der Handelszeitung am 16. Oktober 2014.

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