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Prozess
Dieter Behring: Angriff aus der Opferhaltung

Dieter Behring: Der einstige Finanz-Guru kämpft vor Gericht um seinen Ruf. Keystone

Anlage-Guru Dieter Behring sieht sich zu Unrecht wegen Betrugs angeklagt. Er streitet nicht ab, selbst 153 Millionen Franken bezogen zu haben. Seine Argumentation: Er habe die Summe verdient.

Von Michael Heim
am 03.06.2016

Dieter Behring ist alt geworden. Aus dem schwarzen Hünen, als der er als Hedgefonds-Betreiber einst beschrieben wurde, ist ein Mann geworden, der kleiner wirkt, als er ist, wenn er wie am Montag im Gerichtssaal in Bellinzona den Worten seines Anwalts folgt. In den Unterlagen blättert. Notizen macht.

Die schwarze Kluft hat der 61-Jährige gegen einen hellen Anzug eingetauscht. Das offen getragene Hemd soll kaschieren, dass er zugenommen hat. Es bewirkt das Gegenteil.

Wichtige Daten auf USB-Stick an einer Halskette

Nun ist er nur noch Dieter Behring, der seine wichtigsten Daten immer bei sich trägt – auf einem USB-Stick an seiner Halskette. Er verteidigt sich gegen eine Verschwörung der Behörden. So sieht er das.

Zwölf Jahre sind vergangen seit Behrings letztem Auftritt. Damals gab er unter Tränen bekannt, seine Firmen verkaufen zu wollen. Kurz darauf kam aus, dass 800 Millionen Franken fehlten, 2000 Anleger geprellt worden waren. Behrings System entpuppte sich als ertragsloser Geldtopf, aus dem sich viele bedienten. Es wurde der grösste Fall der Bundesanwaltschaft.

Behring fühlt sich von der Justiz verraten

Behring stellt den Prozess an sich infrage. Als Einziger wurde er angeklagt. Nicht die Vermittler, die Geld ins System getragen haben. Nicht seine Geschäftspartner. Er fühlt sich von der Justiz verraten. «Ich habe mich auf den Prozess gefreut», sagt er in einer Pause zu den Journalisten. «Ich dachte, ich stehe gemeinsam da mit den anderen neun Beschuldigten.» Nun schaut alles nur auf ihn.

Mit einer technischen, zwei Tage dauernden Tirade lässt er seinen Anwalt Bruno Steiner gegen den Prozess herziehen. Viele Worte sollten darlegen, weshalb die Anklage nicht rechtens sei. Worte, die mal einleuchtend, mal beleidigend sind. Auch Behring putzt Kritiker im direkten Gespräch entweder als dumm oder ignorant weg. So, wie er es schon damals tat, als er sein Anlagesystem bewarb.

Mehr Finanzwissen, als man unterstellt

Behrings Präsentationen seien technisch gewesen, erzählt ein Basler Bankier, der den Investment-Guru seinerzeit live erlebt hat. Er habe mehr Finanzwissen, als man ihm unterstelle. Vieles tönte gut, hielt dann aber einer Prüfung nicht stand. Wer kein Fachmann war, konnte drauf reinfallen. Der Bankier wandte sich von Behring ab. Andere liefen ihm nach.

Einer, der einzahlte, beschreibt Behring als Künstler und Finanzfachmann. Und ja, da war auch so etwas wie Bewunderung. Er habe Behring zur Präsentation eine Flasche Champagner mitgebracht und das Gespräch mit ihm gesucht, sagt der Baselbieter. Er sei zwar von einem Bankier gewarnt worden. 15 Prozent Rendite seien seriös nicht machbar. Und doch trug er fast eine Million zu Behrings Vermittler

Ritterschlag für Behring

Das Mitglied einer wohlhabenden Basler Familie, die ebenfalls investiert hat, erzählt vom Besuch an dessen altem Domizil in Riehen. Er trat solid auf, bodenständig. Das war kein Schwätzer. Dass später auch noch Sarasin, die Bank des Grossbürgertums, Behrings Papiere handelte, war für die Familie der Ritterschlag: Dem kann man vertrauen.

Behring musste man aufsuchen, ihm musste man vermittelt werden. Es hatte etwas von einem Geheimbund, in den man aufgenommen wurde. Und so fanden viele Investoren über Freunde oder Geschäftspartner zu Behring.

Fonds-Einkauf am Pistenrand

Ein solches Netzwerk war der Basler Flughafen. Einer der wichtigsten Vermittler war Hobbypilot Peter Weibel. Am Pistenrand erzählte man sich von den sagenhaften Gewinnen, von den Zinsen, die seit Jahren regelmässig ausbezahlt würden. Und so investierte einer nach dem anderen über Weibel. Frühere Linienpiloten zahlten ihre Rentengelder ein, zum Teil mehrere Millionen. Der einstige Flughafendirektor Paul Rhinow zählte zu den engen Freunden Behrings.

Mit wachsendem Vermögen veränderte sich auch Behring. Er, der nicht die notorische Sparsamkeit des Basler Daigs eingeatmet hatte, gab aus, was er hatte. Einem Künstler kaufte er eine komplette Ausstellung in der Basler Galerie Carzaniga ab. Plötzlich erwarb er teure Häuser und kaufte abgehalfterte Banken.

100'000 Franken für ein Abendessen

Dieter Behring scheint zwei Seiten zu haben. Er war derjenige, der seinen Steuerausweis herumzeigte, um sein finanzielles Gewicht zu demonstrieren. Der in London für ein Essen und ein paar Flaschen Wein 100'000 Franken ausgab. Derjenige mit den vielen Uhren, die er von seinen Provisionen kaufte und mit denen er ein Museum bestücken wollte. Behring, ein typischer Neureicher halt?

Aber dann gibt es den Behring, der von Anlegern als freundlich, ruhig und bescheiden beschrieben wird. Der sich zwar an einer Charity-Veranstaltung vor versammelter Basler Prominenz für viel Geld ein Essen mit Society-Reporter Minu ersteigert, zum Essen dann aber nur mit ein paar Freunden erscheint und sich betont was Einfaches wünscht. Und der ein zweites Essen verfallen lässt, weil ihm das Kaufen offenbar mehr wert ist als das Einlösen solcher Gesellschaftsanlässe.

Das Fondsforum gab nochmals Schub

Ab 2003 wandelt sich das Mysterium zum Finanzstar. Zu einer halböffentlichen Person, die sich zwar selten zeigt, aber die man umso mehr wahrnimmt. Am Fondsforum von der UBS und Sarasin präsentiert er sich Anfang 2004 als Auserwählter, der sich von 90 Prozent der Fondsmanager, die nichts können – so seine Worte an das Fachpublikum – , abhebe. Das sind die Momente, die sein Image prägen. Und die ihm neue Kunden zutragen. In Bellinzona erzählt eine Privatklägerin in einer Prozesspause, sie habe lange gezweifelt. Doch nach diesem Anlass habe sie investiert.

Glaubte Behring da immer noch an sein System? Oder trat er mit der medialen Offensive bereits den Sprung nach vorne an? Weil er wusste, dass das Schneeballsystem an seine Grenzen gestossen war?

Heute gibt sich Behring als Opfer. Er wirkt angeschossen. Im Gespräch zuckt er oft mit den eingefallenen Schultern. Sein Körper wirkt nicht mehr stattlich, sondern behäbig. Angriffig wirkt vor allem seine Frau, die ihn überall hin begleitet.

Keine Fehler eingestanden

War Behring wirklich nur der Techniker im Hintergrund, als den er sich sieht? Der Handelssignale berechnete, mit denen andere dann Schindluder trieben?

Einsicht, Fehler gemacht zu haben, gibt es nicht bei ihm. Im Gespräch mit der Handelszeitung steht er dazu, 153 Millionen Franken bezogen zu haben. Es handle sich um Management-Gebühren für sein Handelssystem, sagt er. «Andere Hedgefonds-Manager verdienten auch so viel. Und das lief ja über mehrere Jahre.» Anders als seine Partner habe er nie etwas in Offshore-Domizilen versteckt.

Und der Rest der 800 Millionen? Es sei mehr als 1 Milliarde gewesen, korrigiert Behring. Gründe, den Betrag kleinzureden, sieht er keine.

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