Der Mann hat Humor. Als Dieter Zetsche den amerikanischen Präsidenten George W. Bush im Februar auf einer Veranstaltung des Detroit Economic Club als Vorredner einführen durfte, witzelte der deutsche Spitzenmanager, dass er an diesem Abend «wohl nicht der Einzige mit einem ausländischen Akzent sei». Zetsche hatte die Lacher auf seiner Seite.

Seit Anfang September ist er der neue Mercedes-Chef, zum Jahreswechsel 2006 übernimmt er den Gesamtkonzern. Und als künftiger DaimlerChrysler-Chef wird er seinen Humor gut gebrauchen können. Auf ihn wartet eine Herkulesaufgabe: Die Mercedes Car Group steckt in erheblichen Schwierigkeiten. Qualitätsprobleme bei diversen Modellen, Absatzschwierigkeiten und steigende Konkurrenz durch BMW oder Lexus machen Mercedes schwer zu schaffen.

Die Luxusmarke Maybach läuft ebenfalls nicht wie erhofft und das Desaster mit Smart lässt die Rufe nach Einstellung der Marke lauter werden. Vor allem wird Zetsche strategische Fragen beantworten müssen. Zieht sich DaimlerChrysler aus Sparten wie Luft- und Raumfahrt zurück und konzentriert sich wieder auf die Autoproduktion?

Anzeige

Anerkannter Sanierer

Zetsche hatte schon mehrfach mit Krisenszenarien zu tun. 1991 musste er bei der angeschlagenen LKW-Tochter Freightliner eingreifen, baute 25% der Arbeitsplätze ab, behob üble Qualitätsmängel und brachte die US-Tochter wieder auf Erfolgskurs.

Knapp sechs Jahre später half er beim «Elchtest»-PR-Desaster um die A-Klasse, als die kleinen Flitzer umkippten.

Doch sein Meisterstück lieferte Zetsche bei Chrysler ab. Als er im November 2000 in Detroit eintraf, fand der Feuerwehrmann Chrysler in einer desolaten Lage vor. Allein im letzten Quartal 2000 hatte der US-Autohersteller 1,3 Mrd Dollar Verluste eingefahren. Die Mitarbeiter waren verunsichert, die Gewerkschaften aufgeschreckt und die Lokalpresse hatte die Stimmung aufgeheizt. «Es herrschte Kriegsstimmung in Detroit», erinnert sich ein Weggefährte von damals.

In kürzester Zeit gewann Zetsche das Vertrauen der Amerikaner. Der Mann mit dem Walrossschnauz gab sich volksnah, ass mit den Mitarbeitern in der Kantine zu Mittag und hörte zu. Gleichzeitig umwarb er die Medien, gab bei seinem ersten Auftritt auf der Detroit Motor Show 25 Interviews und traf sich regelmässig mit den Arbeitnehmervertretern.

Seine verbindliche Art, sein legeres Auftreten und seine Natürlichkeit halfen ihm dabei. Zwar blieben die harten Sanierungsmassnahmen nicht aus Zetsche entliess 26000 Mitarbeiter und schloss sieben Chrysler-Fabriken , doch gleichzeitig gewann Zetsche Glaubwürdigkeit und Respekt, weil er bei jedem Schritt die Gewerkschaften vorher informierte und Wort hielt. «Er hat die harten Massnahmen gut kommuniziert und den Grabenkrieg beendet», betont ein enger Mitarbeiter, der Zetsche vor Ort beobachten konnte, ausserdem sei er kein Machtmensch, sondern ein Teamplayer, der für Vorschläge offen ist.

Anzeige

Zetsche sei völlig normal und sehr zugänglich, berichtet ein Angestellter aus Detroit, der ein persönliches Bewerbungsgespräch mit dem Chef führte, er habe ihm innerhalb weniger Minuten die Nervosität genommen, sei sehr offen, aber auch hart in der Sache. Auch könne er Probleme offen ansprechen, ohne verletzend zu wirken oder hemdsärmlig vorzugehen.

Versprechen einlösen

«Die Menschen wollen wissen, wohin die Reise führt und was sie dazu beitragen können», umschrieb Zetsche neulich in einem Interview seine Managementphilosophie, die Mitarbeiter hätten aber gleichzeitig ein Recht darauf, dass «die Führung eigene Versprechen auch einlöst». Um ein Unternehmen wieder auf die richtige Spur zu bringen, braucht man «realistische Ziele, messbare Zwischenstationen und konsequente Umsetzung», betont Zetsche, die «Meilensteine müssen Schritt für Schritt abgearbeitet und das Ziel darf nicht aus den Augen verloren werden».

Anzeige

Zu einer erfolgreichen Sanierung gehört zudem eine Vision. Darunter versteht Zetsche eine Perspektive, die hilft, die Mitarbeitenden zu motivieren. Zudem müsse man schnell handeln, weil Zeit bei jeglicher Reform eine wichtige Komponente sei.

Seinen Führungsstil beschrieb der Automanager bei einem Auftritt vor der Harvard Business School so: «Die Verantwortung liegt beim Management, Risiko ist Teil des Lebens. Triff die Entscheidung und trage dafür die Verantwortung. Täusche nichts vor und gib dich so, wie du bist. Eine versteckte Agenda gibt der Glaubwürdigkeit den Todesstoss.»

Solche Töne haben Zetsche zu einem der populärsten Topmanager in den USA werden lassen. Er sei sogar beliebter als seine Rivalen in Detroit, heisst es vor Ort, er sei ein «American Hero», lobte kürzlich ein General-Motors-Manager und Ford-CEO Bill Ford hat soeben zugegeben, dass er vor Jahren versucht habe, Zetsche abzuwerben, weil der Deutsche «unglaublich talentiert» sei. Zetsche hat auch Zeit für die Familie, ist sozial engagiert und arbeitet schon mal in einer Suppenküche.

Anzeige

Eine Nummer grösser

Ob Zetsche allerdings auch der richtige Mann für den Spitzenjob bei DaimlerChrysler ist, bleibt abzuwarten, zumal er als Mercedes-Chef für die nächsten Monate einer Doppelbelastung ausgesetzt ist.

Viele wichtige Entscheidungen stehen an. Er muss einen Nachfolger für den Mercedes-Spitzenposten finden, im Vorstand eigene Gefolgsleute positionieren, ausserdem stehen strategische Entscheidungen an. Zetsche will nach eigenen Angaben künftig eher profitables Wachstum und weniger hohe Verkaufsvolumen in den Vordergrund rücken.

Das Milliardengrab Smart belastet den Konzern weiter, die Qualitätsoffensive bei Mercedes gilt es im Auge zu behalten. Das Unternehmen ist zudem im Belagerungszustand. Staatsanwälte ermitteln wegen Insiderhandel im Vorfeld des Schrempp-Rücktritts, internationale Hedge Funds sind bei DaimlerChrysler eingestiegen und werden mit den Muskeln spielen und die Ermittlungen wegen Untreueverdachts gegen ehemalige DaimlerChrysler-Manager haben dem Image des Konzerns geschadet.

Anzeige

Zetsche kann es schaffen, meint ein Insider, er kennt alle drei Sparten, ist Profi, ausgeglichen, agiert besonnen und ohne Hektik und hat eine positive Ausstrahlung. Die Investoren scheinen optimistisch, seit dem Abgang Schrempps hat der Aktienkurs um 30% zugelegt.


Dieter Zetsches Führungsgrundsätze

1. «Three gets»: Get over it. Get a plan. Get it on!

2. Strukturwandel erfolgt durch Technologie und globalen Wettbewerb.

3. Kundenorientierung ist zwingend.

4. Innovation und Produkte sind unser Heilmittel.

5. Wenn du die Leute nicht enttäuschst, enttäuschen sie dich auch nicht.

6. Ein Jahreserfolg macht noch keinen Trend.

7. Wir müssen schnell handeln.

8. Erfolg ist das Ergebnis harter Arbeit und harter Entscheidungen.


Zur Person

Dieter Zetsche spielt Violine und Bratsche, spricht sechs Sprachen und liebt es auch mal leger. Der «Car Guy» wurde in Istanbul geboren und als Baby in einem Chrysler zur Taufe gefahren. Dass er eines Tages als Chrysler-Chef den Sprung in die Mercedes-Chefetage und des Gesamtkonzerns schaffen würde, konnte damals niemand ahnen. Der studierte Ingenieur begann 1976 seine Karriere in der Forschungsabteilung von Daimler-Benz, leitete 1989 die Geschäfte in Argentinien, stieg 1991 zum Chef der LKW-Sparte Freightliner in den USA auf und wechselte 1997 als Vertriebschef in den Vorstand. Ende 2000 schickte ihn Konzernchef Schrempp als Sanierer zur angeschlagenen Chrysler-Gruppe.

Anzeige


DaimlerChrysler: Der Erbe der «Weltkonzern»-Strategie

DaimlerChrysler zählt mit einem Umsatz von 140 Mrd Euro und rund 385000 Beschäftigten zu den fünf grössten Automobilkonzernen der Welt. Neben dem Herzstück, der Mercedes Car Group (MCG) mit den Marken Mercedes, Smart und Maybach sowie dem Nutzfahrzeugsektor, ist der Industriekonzern auch im Bereich Luft- und Raumfahrt (EADS) sowie im Finanzdienstleistungsgeschäft (Leasing und Banken) tätig. 1998 übernahm Daimler-Benz Chef Jürgen Schrempp im Rahmen seiner «Weltkonzern»-Strategie den Chrysler-Konzern und schloss strategische Beteiligungen mit Mitsubishi und Hyundai. Diese Strategie gilt mittlerweile als gescheitert. (hjm)