Den Fotolabors wurde vor drei Jahren angesichts des Trends zur Digitalkamera eine düstere Zukunft vorhergesagt. Der PC mit Drucker sei das perfekte Heimlabor; das mache die Dienste der professionellen Filmentwickler bald schon überflüssig, lautete die Prognose. Das wäre verheerend für die gesamte Fotobranche, die rund die Hälfte ihres knapp auf eine Mrd geschätzten Umsatzes mit der Filmentwicklung generiert.
Inzwischen hat sich die Digitalkamera auf breiter Verkaufsfront durchgesetzt. Seit der Markteinführung vor sieben Jahren hat sich der Absatz jedes Jahr verdoppelt. Im letzten Jahr wurden 215 000 Digitalkameras verkauft, in diesem Jahr werden über 300 000 Stück und damit erstmals mehr digitale als analoge Geräte (noch 230 000) über die Ladentische gehen. Wertmässig machen die teureren Digitalen jetzt zwei Drittel des Umsatzes mit Fotokameras aus. Dieser hat sich in den letzten fünf Jahren auf 300 Mio Fr. verdoppelt.
«Bezüglich Filmentwicklung haben der Fotofachhandel und die Fotolabors auf den Boom bei den Digitalkameras heftig reagiert und sich mit digitalen Labors aufgerüstet», sagt Paul Schenk, Präsident des Schweizerischen Verbands Photohandel. Diese Digilabs kommen heute mit allen verwendeten Speichermedien zurecht, arbeiten mit normalem Fotopapier und Chemie, und die Qualität der Abzüge ist besser als ab Tintenstrahldrucker.
*Kleine kooperieren*
Weil ein Digilab schnell einmal 100 000 Fr. kostet, kooperieren kleinere Fachgeschäfte, die eben noch Konkurrenten waren, bei der Fotoentwicklung. In vielen Shops stehen auch so genannte Foliendrucker, die direkt ab Kamera oder ab Speicherkarte hochwertige Abzüge liefern. In der Lancierungsphase befinden sich weiter so genannte digitale «Print-Reader-Stationen». Von Fuji sind bei Coop schon deren 40 in Betrieb, monatlich kommen 10 bis 20 neue hinzu. Der Kunde kann hier sein Speichermedium hineinstecken und jene Aufnahmen, die er auf CD oder als Abzug will, herausfiltern.
«Die Fotobranche ist für die digitale Filmentwicklung bereit, jetzt muss es der Konsument nur noch richtig merken», sagt Schenk.
Die Digitalkamera ist sogar für PC-Muffel zum bequemen Gerät und damit massentauglich geworden. Aber auch Homeprinter delegieren neuerdings die Bildentwicklung zusehends an die professionellen Anbieter. Denn die Bildbearbeitung am PC ist zeitraubend. Die horrenden Preise für Farbpatronen und Spezialpapiere machen zudem das Homeprinting teurer als Abzüge aus kommerziellen Fotolabors.
Diese können inzwischen einen kompletten Service anbieten, der den Workflow von der digitalen Aufnahme über die elektronische Gestaltung und Bildbearbeitung bis hin zum Druck vereinfacht und rationalisiert. «Das Homeprinting beschränkt sich mehr und mehr auf den ambitionierten Amateur, für ihn ist es gleichsam der Ersatz fürs frühere Filmentwickeln im Labor», schätzt Marcel Meierhofer, Produktmanager von Fujfilm Schweiz.
Für den entscheidenden Durchbruch einer vom Home-PC wegdelegierten digitalen Filmentwicklung wollen jetzt vor allem die Direktmailer wie Fotolabo Club, Photocolor Kreuzlingen, Belcolor, Colormailer, Fujifilm und Fotomaxx sorgen. Sie alle haben vor rund einem Jahr die Auftragserteilung via Internet lanciert. So richtig ins Rollen kommt die Sache laut Meierhofer aber erst jetzt «dank den sich rasch ausbreitenden Breitband-Anschlüssen».
Die Direktversender behaupten beim auf rund 465 Mio Fr. geschätzten Umsatz bei der Filmentwicklung in der Schweiz einen Marktanteil von 43% (200 Mio Fr.). Der Anteil der Digitalaufträge lag im Jahr 2002 zwar erst bei 6%. André Hurter, CEO der Fotolabo-Gruppe, mit 70 Mio Fr. Umsatz die Nummer eins knapp vor der Migros, Photocolor Kreuzlingen und Fuji, rechnet aber für dieses Jahr mit einer Zuwachsrate von 50% für den gesamten Digitalbereich. Bei den Online-Aufträgen via Internet prognostiziert er gar ein Wachstum von 150%.
*Bauchweh mit analogen Aufträgen*
Grosse Gewinner der Umrüstung an der Fotoentwickler-Front sind schon jetzt die Hersteller der Digilabs wie Agfa, Kodak und vor allem Fuji, die unbestrittene Nummer eins auf diesem Gebiet. Die neuste Generation digitaler Fotoprinter, die 20mal schneller sind als diese Digilabs, ist bereits lanciert: Von der Gretag-Nachfolgefirma Imaging Solutions.
Die Fotoentwickler wären nun bestens gerüstet, um die Ernte einzufahren. «Was der Branche allerdings Bauchweh macht, ist das sinkende Gesamtvolumen bei den Printaufträgen», erklärt Roland Waller, CEO des Fotolabors Pro Ciné (Fotomaxx). Das digitale Auftragsvolumen kann den Verlust bei den analogen Aufträgen vorderhand nicht wettmachen. Wichtiges Indiz für das schrumpfende analoge Entwickler-Geschäft: Es werden immer weniger Filme verkauft, im letzten Jahr noch 15,6 Mio Stück. In den letzten drei Jahren betrug der Rückgang 30%. Ernst A. Widmer, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft Schweizerischer Fotolieferanten beobachtet, dass der Konsument, weil er jetzt den Printauftrag zuerst elektronisch filtern kann, nur von den wirklich guten Aufnahmen Bildabzüge ordert. Carsten Peters, Marketingleiter von Photocolor Kreuzlingen, verdeutlicht: «Im Gegensatz zum traditionellen Film, bei dem man alle 36 Bilder entwickeln musste, um die eine gute Aufnahme zu sehen, kann jetzt der Hobbyfotograf an der Digitalkamera sofort das eine gute Bild entdecken und den Rest wieder löschen.»
Unter den Branchenexperten bleibt folglich umstritten, wo sich das Volumen für die digitale Bildentwicklung letztlich einpendeln wird. «Mehrumsätze könnten digitale Services bringen», skizziert Hurter eine neue Verdienstquelle. Der Fotolabo Club bietet jetzt Ausbildung für die User von Digitalkameras an, die online mit dem Labor verkehren möchten. Zudem können für 70 Rappen alte Fotos, wie sie bei vielen Hobbyfotografen zu Hause in Schuhschachteln herumliegen, eingescannt und digitalisiert werden. Sowieso werde sich mittelfristig der Hybrid-User, der über eine analoge und eine digitale Kamera verfüge, als wichtigster Kunde herauskristallisieren, ist Hurter überzeugt.

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