Der Aufruhr von gestern interessiert heute keinen mehr. So etwa lässt sich das aktuelle Wettbewerbsumfeld im umkämpften Markt des digitalen Fernsehens zusammenfassen. Die Kabelnetzbetreiberin Cablecom, welche mit dem willkürlichen Abschalten von Sendern im Analog-Angebot die Kunden zum Wechsel auf das moderne Digital- TV erziehen wollte, wurde dafür hart gerügt, lacht heute aber schon wieder. Kein Wunder: «Allein in den Monaten März und April konnten wir 39000 zusätzliche Kunden für unser Digital-TV-Angebot gewinnen und der Trend hält an», strahlt Cablecom-CEO Rudolf Fischer. Pro Monat entscheiden sich im Moment schätzungsweise über 10000 Neukunden für Digital-TV.

*Die Verluste sind begrenzt*
«Digitales Fernsehen ist der Markt der Zukunft», ist auch Claudia Bolla-Vincenz überzeugt. Die Geschäftsführerin des Kabel-TV-Verbandes Swisscable spricht von heute rund 441000 Schweizer Haushalten, das sind rund 13% aller TV-Anschlüsse, die digitales Fernsehen bereits empfangen. Bis Ende Jahr dürfte es schon über eine halbe Million sein. Rund 350000 aktuelle digitale Fernsehanschlüsse sind ans Kabelnetz angeschlossen. Von den insgesamt über 250 nationalen Kabelnetzbetreibern beansprucht Cablecom mit heute rund 180000 digitalen Fernsehkunden mehr als die Hälfte.
Damit lässt Cablecom ihre Konkurrentin Swisscom, die mit ihrem Bluewin TV per Ende April 40000 registrierte Kunden gezählt hat, vorderhand noch weit hinter sich. Das ist einerseits klar, weil Bluewin TV noch sehr neu im Markt ist. Trotzdem: Sehr viele Kabelnetzkunden lassen sich vorderhand nicht zu einem Wechsel bewegen. Gemäss einer Studie vom Kabel-TV-Verband Swisscable sind seit dem Markteintritt von Bluewin TV vor acht Monaten nur 0,5% der Kunden von den schweizweit über 250 Kabelnetzbetreibern zum Digital-Fernsehen von Swisscom übergelaufen. Das entspricht 14400 Anschlüssen. Auch die Verluste von Cablecom halten sich in überschaubaren Grenzen. «Wir haben im 1. Quartal 2007 rund 18000 Analog-Kunden verloren, dafür 16000 Digital-Kunden dazugewonnen», sagt Cablecom-Sprecher Hugo Wyler. Die verlorenen 2000 dürften bei Bluewin TV gelandet sein.

*Cablecom: Bessere Qualität*
Mit der aktuellen Rallye bei den Neuanmeldungen hat Cablecom diese verkraftbare Einbusse inzwischen längst ausgebügelt. Offenbar scheint der Kabelnetzbetreiber im Kampf um Neukunden die besseren Trümpfe in der Hand zu halten. Das zeigt sich etwa beim Preis: Für das Grundangebot, digitales TV nur zu konsumieren, bezahlt der Cablecom-Kunde 6 Fr. pro Monat. Ein Recorder, der Aufnahmen ermöglicht, kostet 20 Fr., wird vom Anbieter als Einführungsangebot für die ersten drei Monate jedoch für 6 Fr. angeboten. Bei Bluewin TV kostet das Minimalangebot 29 Fr. pro Monat. Die beiden Angebote seien nicht direkt vergleichbar, lautet der Einwand von Swisscom. «Wir offerieren dafür ein breites Senderangebot, Video on Demand, mehr Sport und andere nützliche Funktionen», hält Sprecher Christian Neuhaus dagegen. Die Auswahl von 500 Video-Filmen werde Cablecom im kommenden Jahr auch bieten, kontert Hugo Wyler.
Bezüglich der Qualität hat Cablecom offensichtlich zurzeit auch die Nase vorn. Beim Verband Swisscable ist man jedenfalls überzeugt, dass sich mittelfristig nicht die günstigsten, sondern diejenigen Anbieter mit der besten Bildqualität durchsetzen werden. «Wer hier abfällt, wie im Moment zum Beispiel Bluewin TV, wird es gegenüber der Konkurrenz schwer haben», sagt Bolla-Vincenz.

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*Bluewin-TV: Grosse Umsatzziele
«Die Bildqualität wird weiter verbessert», verspricht Swisscom-CEO Carsten Schloter. «Bluewin TV ist ein sehr gutes Produkt.» Derzeit sei aber der Aufwand für die Installation noch zu hoch. Zu den Chancen von Bluewin TV im Wettbewerb gibt man sich bei Swisscom betont optimistisch. «Mittelfristig wollen wir mit Bluewin TV einen Umsatz von 200 bis 300 Mio Fr. generieren», sagt Neuhaus. Um diese Zielvorgabe zu erreichen, müsste dereinst ein grosser Teil der 2,3 Mio Schweizer Haushalte, die Bluewin TV empfangen können, zu Kunden werden.
Cablecom wie Swisscom, die als sogenannte Triple-Play-Anbieter mit Telefon, Internet und Fernsehen über einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil verfügen, werden ihre Klientel weiter ausbauen können. Cablecom-CEO Rudolf Fischer weiss auch schon wie: «Wir können uns gut vorstellen, dass Kunden, die bei uns Internet- und Telefonleistungen beziehen, zur Belohnung künftig auch günstigeres Fernsehen erhalten.»