Die Welt des Fernsehens wird zurzeit ähnlich stark erschüttert wie vor 50 Jahren: Die Digitalisierung hält Einzug. Bereits wurde das analoge terrestrische Netz im Tessin abgeschaltet. Bis Ende diesen Jahres sollen die Signale auch in der Romandie und in der Deutschschweiz durch die digitale terrestrische Verbreitung (DVB-T) ersetzt werden.
Konkret heisst das: Wer weiter über eine Haus- oder Zimmerantenne fernsehen will, braucht künftig eine sogenannte Settop-Box.
Diese kostet zwischen 120 und 300 Fr. Oder aber: Man steigt um auf Satellitenempfang. Diese Art des Fernsehkonsums wird seit geraumer Zeit als gleichsam heilbringende Alternative zu DVB-T und der mächtigen Cablecom gehandelt.

Zahl der Umsteiger wächst

Man darf aber die Relationen nicht verlieren: Nur gerade 14% der Schweizer Haushalte hängen ihren Fernseher an eine Satellitenschüssel (immer noch 76% haben Kabelfernsehen, die restlichen 10% empfangen Fernsehen über Antennen). Aber die Zahl der Umsteiger wächst. Im vergangenen Jahr hat die SRG gut einen Viertel mehr Decoder-Karten für die Entschlüsselung von öffentlich-recht-lichen Schweizer Fernsehprogrammen auf Satelliten-Receivergeräten verkauft als noch im Vorjahr – 371089 Stück zu 60 Fr. Gesamthaft wurden laut Luca Giuriato vom IHA-GfK rund 120000 Settop-Boxen für Satellitenempfang verkauft. Das entspricht einem Gesamtverkaufsvolumen von 33 Mio Fr. Der Vorteil ist klar: Die Anlage ist bereits ab etwa 500 Fr. zuzüglich Installationskosten erhältlich. Darüber hinaus bezahlen die Kunden keine Monatsgebühr.
Der Grosshandel ist zufrieden. Denn 90% der verkauften Empfangsgeräte werden über ihn vertrieben. Durchwegs bescheinigen die Marktleader, im vergangenen Jahr zwischen 20 und 50% mehr Satellitenanlagen verkauft zu haben. Hauptsächlich wurden Geräte nachgefragt, die den Empfang von Schweizer Programmen ermöglichen (Viaccess-Receiver).
Daniel Steiner, Mediensprecher der SRG, führt die gestiegene Nachfrage auf verschiedene Faktoren zurück: «Wesentlich war sicher die Fussball-WM 2006 mit hervorragender Bild- und Tonqualität über die SRG-SSR-Programme. Ausserdem können sämtliche 16 SRG-SSR-Radioprogramme über Satellit empfangen werden.» Auch die zunehmende Einführung von Breitbild über HDTV-Programme ist laut Steiner ein Grund für die steigende Beliebtheit.
Nicht bestätigen lässt sich dagegen die These, unzufriedene Ka-
belkunden würden zuhauf auf Satellitenempfang umsteigen. Ins Kreuzfeuer der Kritik war insbesondere Marktführerin Cablecom geraten. Der Kabelfernsehanbieter hat-te im Zuge der Digitalisierung seit 2001 bereits etliche Kanäle ins digitale Angebot migriert.

Kundschaft verärgert

Für das laufende Jahr plant Cablecom die Abschaltung von sechs weiteren Sendern beim analogen Empfang. Auch hier ist mittelfristig der Kauf einer Settop-Box für den digitalen Empfang von rund 150 Fr., deren Miete oder aber der Umstieg auf Satellitenempfang nötig. Verärgert hat das Unternehmen die Kundschaft durch die gleich bleibenden Preise für das analoge Angebot bei sinkender Senderzahl. Wider alle Unkenrufe ist hier die Zahl von echten Umsteigern auf Satellitenempfang jedoch klein.
Cablecom verzeichnet mit 966 Mio Fr. für das Geschäftsjahr 2006 einen Rekordumsatz. Die Zahl der Fernsehkunden blieb stabil (ana-log und digital: 1,57 Mio per Ende 2005 und 1,56 Mio per Ende 2006). Die Zahl der Kunden, die das Digitalangebot nutzten, ist im vergangenen Jahr auf 138500 gestiegen, was im Vergleich zu 2005 einem Wachstum von 30% entspricht.
Allenfalls hat ein Teil der Cablecom-Kunden auf das Swisscom-Digitalangebot gewechselt. Bluewin-TV wächst seit der Einführung im vergangenen November rasant. Per Anfang März betrug die Zahl der Kunden bereits 30000. Doch auch bei Swisscom ist man skeptisch gegenüber der Umsteigerthese. «Viel eher profitieren wohl die Kunden von einer neuen Dimension des Fernsehens. Denn zuerst ermög-licht Swisscom mit Bluewin-TV ein neues TV-Erlebnis ohne Kabelanschluss», vermutet Mediensprecher Josef Frey.

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Trend zu mehr Fernsehen

Auch die Fachhändler gehen eher von einer Mehrnutzung und einer generellen Mehrfachnutzung von Empfangsmöglichkeiten aus als von einer Verlagerung. «Wir stellen allgemein einen Trend zu mehr Fernsehen fest, oft auch zu –Doppelempfang von Satellit und Kabel», so Roger Kissling, Geschäftsführer von Telanor. Viel Umsatzpotenzial für weitere Satellitengeräte versprechen sich die Fachhändler hierbei von der Verbreitung von HDTV.
Als interessanter Markt wird daneben aber auch der Verkauf der Settop-Boxen für DVB-T angesehen. «Ganze Blöcke und Hotels müssen dieses Jahr umgerüstet werden», freut sich Adrian Gloor, Verkaufsleiter bei Radio Matérial, dem Marktführer im Welschland. Dass der Grossteil der 27% bislang analog terrestrisch angeschlossenen Fernsehgeräte auf DVB-T umgerüstet wird, hat sich bereits im Tessin gezeigt. Telanor-Mann Kissling:«Nach der Abschaltung des analogen Netzes haben wir von einem Tag auf den anderen einen guten Absatz für DVB-T Settop-Boxen verzeichnet.»

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Nachgefragt

Bernhard Wenger, Geschäftsführer von Belsat:: «Branche entwickelt sich wellenartig»

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für die Branche der Verkäufer für Satellitenempfänger-Zubehör?

Bernhard Wenger: Die Verteilung wird einfacher, was für uns eine grosse Herausforderung darstellt. Ich meine damit beispielsweise die Installation für mehrere Empfänger in einem Einfamilienhaus. Hier ist es wichtig, nicht im ganzen Haus hässliche Leitungen verlegen zu müssen. Unser Unternehmen arbeitet an einem neuen System, welches hierzu das bereits bestehende Kabelnetz nutzt.

SF DRS rechnet mit einer Marktsättigung bei ungefähr 500000 Decoder-Karten. In zwei bis drei Jahren soll diese Zahl erreicht werden. Wird diese Entwicklung bei den Händlern für Satellitenschüsseln und Settop-Boxen zu einer Stagnation führen?

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Wenger: Der Markt für Ersatzteile und die technologische Weiterentwicklung werden den Handel auf einem gewissen Niveau weiter aufrechterhalten. Ich denke an die Einführung von HDTV, Kombi-Receivern für den PC und allgemein den Trend zur Konvergenz. Ich glaube, dass hier schon Potenzial für uns vorhanden ist.

Rechnen Sie mittelfristig mit einer Konsolidierung der Branche?

Wenger: Nein. In den letzten beiden Jahren wurde das Thema Satelliten-Empfang von den Medien aufgegriffen und überspitzt dargestellt. Aber das ist nicht richtig. Eigentlich hatten wir viel grössere Zuwächse als jetzt in den Jahren 2001 und 2002 mit dem Aufkommen des digitalen Satellitenfern-sehens. Grundsätzlich entwickelt sich unsere Branche seit Jahren wellenartig. Es wäre jedoch übertrieben, derzeit von einer Gold-
gräberstimmung zu reden. Denn gäbe es sie tatsächlich, müssten wir viel mehr Satellitenzubehör verkaufen.

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