Der frischgebackene Absolvent einer Schweizer Hochschule hatte kaum sein Zeugnis erhalten, als er sich schon nach einer Stelle in Fernost umsah. 26-jährig, BWL-Studium mit Auszeichnung, Sinologie im Nebenfach – wenn dies keine glänzenden Berufsaussichten versprach. Doch die Jobsuche in China gestaltete sich schwieriger als gedacht. Die Reaktionen der internationalen Firmen vor Ort waren verhalten. Und als sich doch mal ein Unternehmen für ihn interessierte, winkte der Absolvent entsetzt ab: Knapp 450 Fr. Monatsgehalt? Da hatte er ja bei seinem Studentenjob in der Schweizer Bank mehr verdient!

Für Nicolas Musy, Schweizer Gründer der in Schanghai ansässigen Firma CH-ina für Strategieberatung und Projektmanagement, der selbst mehr als 20 Jahre Erfahrung im Reich der Mitte vorweisen kann, ist diese magere Ausbeute an Jobangeboten nicht verwunderlich. «Es gibt hier keinen Bedarf an unerfahrenen Leuten aus Europa – weder bei chinesischen noch bei internationalen Firmen», sagt er. Und der China-Chef von SIG, Markus Böhm, doppelt nach: «In erster Linie brauchen wir in China Leute mit Fachwissen, mit etwas Berufserfahrung und mit Kenntnissen in der Unternehmenskultur.»

Mit der Kultur genug zu tun

Wenn internationale Firmen in China Europäer zur Unterstützung des lokalen Teams einstellen, entscheiden sie sich oft gegen Berufsanfänger. Praktikanten sind eher gefragt – weil sie nicht so viel kosten. Noch beliebter aber sind erfahrene Fachkräfte. Schliesslich sind diese bereits sattelfest in der Materie und kennen sich bestenfalls sogar schon im Unternehmen aus. «Wer nach China kommt, hat mit der völlig fremden Kultur und Umgebung erstmal genug um die Ohren», sagt ein leitender Angestellter einer internationalen Firma. «Wenn man sich dann erst noch ganz neu einarbeiten und mit einem Unternehmen vertraut machen muss, kann dies eine ziemliche Überforderung sein.»

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Etwas Chinesisch reicht nicht

Auch Chinesischkenntnisse können die mangelnde Berufserfahrung oft nicht aufwiegen. «Natürlich ist es gut, wenn jemand Sinologie studiert hat», sagt Felix Aepli, Asia-Pacific-Chef von Geberit. «Man darf sich aber keine Illusionen machen: Leute, die nicht zwei Jahre an einer chinesischen Hochschule die Sprache Vollzeit gelernt haben, werden kaum ein verhandlungssicheres Niveau erreichen.» Und nur dieses nützt im Berufsalltag.

Generell entscheiden sich internationale Firmen in China im Zweifelsfall eher für den Westler mit exzellenten Fachkenntnissen als für denjenigen mit sehr gutem Chinesisch. Lieber stellen sie zusätzlich eine zweisprachige chinesische Assistentin ein. Diese vermag nämlich nicht nur die Verhandlungen zu übersetzen, sondern weiss auch um die interkulturellen Unterschiede: Sie kann etwa Sitzordnungen interpretieren (weshalb sitzt Kunde A rechts aussen neben Kunde B?), ist in der Lage, Gesprächs- und Verhandlungstaktiken zu deuten und zwischen den Zeilen zu lesen. «Nicht der Abschluss in Sinologie zählt», sagt Nicolas Musy, «sondern die Fähigkeit, in einer chinesischen Geschäftswelt zu agieren und erfolgreich zu sein. Der Ausländer, der diese Kunst beherrscht, hat in der Tat einen Vorteil auf dem chinesischen Arbeitsmarkt.» Aus chinesischen Sprachkenntnissen hingegen können europäische Absolventen im Heimatland oft besser Kapital schlagen – schliesslich sind sie dort damit meist Exoten.

Die Stärken der Europäer

In China hingegen ist die Konkurrenz riesig: Etwa 5 Mio Absolventen verlassen jedes Jahr die chinesischen Universitäten. Sie sind hoch motiviert und vor allem günstig. Rund 450 Fr. verdient ein Absolvent mit Bachelor-Abschluss im Durchschnitt, rund 720 Fr. mit Master-Abschluss. Bei diesem Gehalt winken die meisten westlichen Ausländer dankend ab und überdenken noch einmal ihre China-Pläne.

Dennoch: Aus Sicht in China ansässiger internationaler Firmen haben Absolventen aus Europa einen entscheidenden Vorteil: «Sie sind viel praxisnäher, verfügen über ein besseres logisches Denken, sie können verknüpfen und kombinieren», sagt Geberit Asien-Chef Aepli. Die chinesischen Kollegen seien zwar theoretisch gut ausgebildet, kämen aber bei praktischen Problemen schnell ans Limit. «Internationale Absolventen sind reifer», findet auch Nicolas Musy, «während die chinesischen meist keine Ahnung vom praktischen Arbeiten haben.»

Völlig falsches China-Bild

Weil die in China angebotenen Jobs für Ausländer jedoch nach lokalem Gehaltsniveau bezahlt werden, rät er Schweizer Absolventen, sich nach einer ersten Erfahrung in Asien zunächst nach einem Job in einer Firma im Heimatland umzusehen – mit dem Ziel, für diese später nach China entsandt zu werden. Exakt dies beschloss am Ende auch eingangs erwähnter Absolvent. Heute arbeitet er in der Schweiz – an seiner Entsendung nach China.

«Ich ermuntere jede junge Schweizerin, jeden jungen Schweizer zu einem Aufenthalt in China», sagt Aepli. «Das sind richtige Augenöffner. Denn noch immer haben die meisten ein völlig falsches China-Bild.» Zudem, so findet Musy, sei China-Erfahrung als Qualifikation eines Mitarbeiters für viele Firmen sehr wertvoll.