Elektrovelos sind in der Fahrradbranche das Thema der Stunde. Seit 2005 ist das Geschäft richtig losgegangen: Von 1800 Stück haben die jährlichen Verkäufe in der Schweiz innert zweier Jahre auf 5825 zugenommen; heuer werden gar 10000 erwartet, in Deutschland gegen 100000. Fachgeschäfte, die sich frühzeitig auf E-Bikes spezialisiert haben, machen heute bis zur Hälfte ihres Umsatzes damit.

Jetzt wird ihnen der Kuchen streitig gemacht: Seit diesem Jahr springen vermehrt Grossverteiler auf diesen rasch an Fahrt gewinnenden Zug auf. So bietet Athleticum in den meisten Filialen zwei Modelle von Urban Mover an, und SportXX will nach ersten regionalen Testverkäufen bis nächstes Jahr Flying Cranes in allen Filialen führen. Diese beiden Marken sind mit den Grossverteilern ins Geschäft gekommen, nachdem sie beim Fachhandel offenbar zu wenig reüssiert haben.

Restposten bei Ottos

Coop wird 2009 einsteigen, da auf diese Saison kein valabler Lieferant mehr zu finden war. Neu auch, dass nicht nur Sportfachmärkte, sondern selbst Discounter mitmischen wollen. So bietet Otto?s sogar über seinen Webshop Restposten des italienischen Marken-E-Bikes Prima feil und Jumbo die Eigenmarke California.

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Kurt Schär, Geschäftsführer der Pioniermarke Flyer, kommt diese Billigkonkurrenz nicht ungelegen: «Abgesehen davon, dass die Mitbewerber das Geschäft beleben, wird nun auch Otto Normalverbraucher inne, dass an den Stromern etwas dran sein muss, wenn sie nun schon in der Migros erhältlich sind.» Zudem seien in diesen Märkten die Preise auch mehrheitlich reell (1900 bis 2800 Fr.).

Andererseits findet Schär es für die bislang qualifizierte Branche schlecht, wenn augenscheinliche Trittbrettfahrer mit einer Marke Flying zu fiktiven Fantasiepreisen («2390 statt 4990 Franken») aufkreuzen, die Discounter Conforama und Auktion Z mit 799- und 925-fränkigen No-Name-Lockvögeln werben, oder wenn die Skifirma Völkl ihre neue Marke Urban Mover mit Mitarbeiteraktionen bei Firmen schneller in den Markt bringen will, zu Preisen, die um ein Drittel unter dem Listenpreis liegen.

«Oft werden dabei Äpfel mit Birnen verglichen, etwa bei den Batterien: Wenn bei den Billigangeboten moderne Li-Ionen-Batterien angepriesen werden, weiss der Kunde nicht, dass es sich um Kobalt- und nicht um hochwertige Mangantypen handelt», kritisiert Schär. Gerade weil bei einem Elektrovelokauf eine Fachberatung besonders wichtig ist, sei ja seine Firma so gewachsen.

Der Flyer-Chef kann die Entwicklung gelassen aus einer Position der Stärke verfolgen: Sein Elektrovelo ist seit Jahren dominie-rend, mit einem Anteil von immer noch gegen 80% Marktleader und führt heute eine Palette von rund 20 Modellen.

Ein Pionier greift wieder an

Mit dem letztjährigen Umsatz von 22 Mio Fr. dürfte auch die Herstellerfirma Biketec in Kirchberg BE heute bereits zu den drei grössten Firmen des gesamten Schweizer Velomarktes gehören. Mit dem demnächst startenden Fabrikationsneubau in Huttwil soll die Kapazität gar in Kürze verdreifacht werden können.

Ernsthafte Konkurrenz aus der Schweiz könnte neuerdings wieder mit dem Elektrobike Dolphin erwachsen: Die älteste Elektromarke (seit 1993) hat nach einem misslungenen Zwischenspiel unter der Firma Swizzbee vergangenen Herbst mit der amerikanischen Firma Currie Technologies einen potenteren Partner gefunden. Mit der Marke Izip ist dieser jedenfalls schon gut etabliert im E-Bike-Business. Er wird künftig für den weltweiten Vertrieb besorgt sein ? ausser in der Schweiz, wo Firmengründer Michael Kutter die Fäden wieder selber in Händen hält.

Kutter ist auch für die komplette Antriebsüberarbeitung verantwortlich, die mit Hilfe eines Förderbeitrags von 100000 Fr. vom Bundesamt für Energie möglich wurde. Dieses unterstützt E-Bikes, weil sie praktisch emmissionsfrei sind und zur Reduktion des Autoverkehrs beitragen.

Konkurrenz zu Rollern

Nach einer ersten Hunderterserie, die derzeit noch in der Schweiz endmontiert wird, soll der Izip Dolphin künftig zwar gänzlich in China gefertigt werden. Mit der gesicherten Serienproduktion und modernstem Schweizer Engineering hat der neue Dolphin aber immerhin das Zeug, um wie früher zum technisch führenden Produkt zu avancieren. Und dies zu einem tieferen Preis als beim alten Modell (4000 Fr.). Kutter glaubt gar, mit der bislang unerreichten Leistung des Top-Modells Express (45 km/h Höchstgeschwindigkeit) zu einer Konkurrenz für die kleinen Roller werden zu können. Die Auslieferung soll ab Juni anlaufen.

Konkurrenz ist auch vermehrt aus dem Ausland im Anrollen. Allen voran durch den BionX-Antrieb. Dieser kann praktisch bei jedem Velo nachgerüstet werden: Zum einen hat die kanadische Firma den Importeur gewechselt, vom kleinen Spezialisten EFS Basel zum Schweizer Branchenmarktleader Intercycle in Sursee, der nun BionX nicht nur bei seiner Hausmarke Bixs anbietet, sondern auch als Anbaukit vertreibt (1790 bis 2790 Fr., je nach Leistung).

Dazu wird dieser Antrieb von Ibex, der neuen Highend-Marke von Komenda AG in St.Gallen, und dem neu eingeführten Matra (Distribution: Amsler, Feuerthalen) verwendet. Verstärkt auf dem Schweizer Markt tätig sind schliesslich holländische E-Bikes, nach Koga-Miyata nun auch Sparta und Giant.

Direktvermarkter und Billiganbieter gewinnen zusätzlich an Gewicht

Das Schweizer Fahrradgewerbe kann zufrieden sein: Gemäss den neusten Zahlen des Branchenverbandes Velosuisse wurden 2007 14875 oder 4,9% mehr Velos verkauft als im Vorjahr ? womit erstmals seit den 1990er Jahren wieder die 300000er-Marke überschritten wurde (siehe auch Tabelle links).

Diese Steigerung ist vor allem den Billigdiscountern zu verdanken, wie aufgrund der Einfuhrzahlen gefolgert werden kann. Während Taiwan bis 2005 stets führte, lag China 2006 erstmals vorne und lieferte vergangenes Jahr schon fast doppelt so viele Velos wie der Inselkonkurrent (131000 gegenüber 72000 Bikes). Gerade reziprok verhielt sich die Preisentwicklung: Während der Preis bei den China-Exporten auf durchschnittlich 139 Fr. (Einkauf) weiter sank, stieg er bei jenen aus Taiwan auf 511 Fr.

Der Branchenverband Velosuisse nimmt deshalb an, dass gegen 60000 Billigstbikes made in China 2007 von Discountmärkten wie zum Beispiel AuktionZ, Conforama, Jumbo oder Otto?s zu Tiefstpreisen ab 189 Fr. auf den Markt geworfen wurden ? mehr als von den Sportmärkten und Grossverteilern (Athleticum, Coop, Ochsner und SportXX) insgesamt.

Zwar ist diese dritte Kraft in der Statistik seit vergangenem Jahr gebührend berücksichtigt, eigentlich wäre es aber an der Zeit, dass Wegwerffahrräder in einer eigenen Kategorie ausgewiesen werden. Eine weitere Kategorie müsste auch für die zunehmend erfolgreicheren Direktvermarkter (mit Fachqualität) aufgeführt werden. Zu diesen gehören Simpel, Stöckli oder Thömus. Ihnen hat es der Fachhandel vor allem zu verdanken, dass auch für ihn ein Zuwachs ausgewiesen wird. Nach einem Rückgang im Vorjahr konnte er seinen stückmässigen Anteil um 0,2% erhöhen, beim Wert sind es sogar 0,3% ? da kann er für sich ganze 85,7% beanspruchen. Zudem konnten die Detaillisten vergangenes Jahr den Durchschnittspreis um 15 Fr. auf ebenso stolze 1488 Fr. steigern.

Dieser Wert kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der durchschnittliche Händler mit einem Absatz von deutlich weniger als 200 Fahrrädern jährlich nur dank dem Werkstattgeschäft überleben kann. Dies bestätigt auch die neuste Zahl aus dem sogenannten Sekundärbereich: Mit 360 Mio Fr. erreicht das Segment Service/Ersatzteile und Zubehör/Bekleidung fast den Umsatz aus dem Verkauf von Neuvelos.(h+h)