Der Wahlsieg des Demokraten Barack Obama in den USA sorgt für Nervenflattern unter den hiesigen Bankinvestoren. Die Besorgnis, dass das Schweizer Bankgeheimnis nun gekippt wird, steigt. Dies zeigte sich auch an der Schweizer Börse. So gerieten die Bankenwerte am Tag nach dem Wahlausgang unter Druck.

Wieviel das Bankgeheimnis dem Schweizer Finanzplatz tatsächlich bringt, ist unklar. Die Bankvereinigungen haben auf die Frage nach der quantifizierbaren Bedeutung keine Antwort. Der Geschäftsführer der Vereinigung Schweizerischer Privatbankiers, Michel Dérobert, sagt gegenüber der «Handelszeitung», dass sich die wirtschaftliche Bedeutung nicht messen lasse. Sie sei aber durchaus gross. Auch der Bankiervereinigung liegen keine Erhebungen vor: «Beziffern kann man das Bankgeheimnis nicht», sagt Mediensprecher Thomas Sutter.

Bankgeheimnis als Imageträger

Wesentlich deutlicher werden hingegen von der «Handelszeitung» angefragte Branchenkenner. Diese gehen davon aus, dass über 70% der in der Schweiz verwalteten Vermögen aufgrund des Bankgeheimnisses angelegt werden. «Das Bankgeheimnis dient einerseits als Marketingmassnahme, anderseits fördert es das Vertrauen der Kunden in den Finanzplatz Schweiz», sagt ein Bankmanager, der nicht genannt werden will. So schütze die Regulierung in erster Linie die Privatsphäre und wahre die Diskretion.

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Bis vor kurzem gingen Branchenexperten davon aus, dass vor allem die hiesigen Privatbanken stark vom Bankgeheimnis abhängig sind. Dies widerspiegelte sich auch in einer vom Zürcher Bankenprofessor Michel Habib erhobenen Studie. In Zusammenarbeit mit der Universität Lausanne analysierte er zwischen 1998 und 2003 die Folgen bestimmter Ereignisse zum Bankgeheimnis auf die Aktienkurse von Credit Suisse, UBS, Julius Bär und Vontobel. Bereits zu diesem Zeitpunkt stand die Schweiz unter dem Druck der Europäischen Union, das Bankgeheimnis abzuschaffen.

Die Studie ergab damals noch, dass für die Privatbanken das Bankgeheimnis wesentlich kostbarer war. So hatten die Grossbanken mehr Möglichkeiten, sich über andere Geschäftsbereiche zu diversifizieren. Aufgrund der vorherrschenden Krise dürfte sich aber die Diversifikation zukünftig erschweren. So brachte die Finanzmarktkrise verschiedene Banksparten ins Wanken, wie beispielsweise das Investment Banking. Das wiederum führte dazu, dass die beiden Grossbanken UBS und CS kürzlich bekannt gaben, in der Vermögensverwaltung stärker wachsen zu wollen.

So gilt das Geschäft mit den vermögenden Privatkunden innerhalb der Branche noch immer als der Wachstumsmotor des Bankenwesens. Habib: «Entsprechend dürften nun auch die hiesigen Grossbanken mehr und mehr auf das Bankgeheimnis angewiesen sein».

 

 

NACHGEFRAGT Markus Graf, CEO Lienhardt & Partner, Privatbank, Zürich


«Das Bankgeheimnis dient nicht als Vorteil»

Warum ist das Bankgeheimnis so wichtig für die Schweiz?

Markus Graf: Primär dient es dem Schutz der Privatsphäre. Wichtig ist aber zu erkennen, dass man langfristig nicht erfolgreich sein kann alleine auf der Basis des Bankgeheimnisses. Dafür braucht es solide erwirtschaftete Erträge und Know-how.

Hat das Bankgeheimnis durch die Krise zusätzlich an Bedeutung gewonnen?

Graf: Ich glaube nicht, dass im Rahmen der Krise uns das Bankgeheimnis als Wettbewerbsvorteil dient. Viel eher spricht für den hiesigen Bankenplatz die Stabilität und Sicherheit im eigenen Land.

Wie stark profitieren Lienhardt & Partner von dieser Schweizer Eigenheit?

Graf: Im internationalen Umfeld profitieren wir durchaus vom Bankgeheimnis als Rechtsgrundlage. Ich stelle immer wieder fest, dass es den Kunden vor allem um den Schutz ihrer Privatsphäre geht und nicht um einen möglichen Steuerbetrug. Darin haben wir einen Vorteil, unseren Kunden Diskretion und Schutz zu ermöglichen.

Was würde der Niedergang des Bankgeheimnisses bedeuten?

Graf: Ökonomisch wäre dies kein Desaster. So würde sich ausschliesslich die rechtsstaatliche Situation ändern. Das würde aber bedeuten, dass wir zunehmend gläsern werden. Ich denke, es ist wichtig, dass der Finanzplatz Schweiz auch in Zukunft die Privatsphäre jedes Einzelnen wahren kann.