Grosse Ereignisse werfen Ihre Schatten voraus. Es dauert zwar noch zwei Jahre, bis die «documenta XII» in Kassel ihre Tore öffnet, aber man kann nicht früh genug damit anfangen, die weltgrösste Ausstellung zeitgenössischer Kunst ins Gespräch zu bringen.

Der 1962 in Berlin geborene Roger M. Buergel, Ausstellungsmacher, Autor und, wie er selbst sagt, «Wahlwiener», der Ende 2003 zum künstlerischen Leiter der kommenden documenta gewählt wurde, zieht zurzeit durch die Lande, um auf das Grossereignis hinzuweisen. Ob in der Schweiz oder im Norden Deutschlands, die Säle in Ermatingen und in Hannover waren voll und die Erwartungen hoch.

In seinem einleitenden Vortrag blickte Buergel zunächst zurück auf die Entstehungsgeschichte der 1955 erstmals vom Kasseler Maler und Akademieprofessor Arnold Bode und dem Direktor der Nationalgalerie in Berlin, Werner Haftmann, konzipierten Ausstellung. Nachdem er sich dann der Ausstellung als eigenständigem Medium zugewandt hatte, waren grundsätzliche Überlegungen zur kommenden Schau angesagt. Konkrete Zielsetzungen dazu konnten jedoch zur grossen Enttäuschung der rund 120 anwesenden Kunstschaffenden, Kunsthistoriker, Kuratoren und weiterer Kunstinteressierter nur in bescheidenem Masse vermittelt werden.

Anzeige

Auch wenn sich Buergel nach dem Motto «Morgen sieht es wieder ganz anders aus» bezüglich Zukunft nicht in die Karten schauen lassen wollte, war die vermittelte Standortbestimmung wertvoll.

Ehemals Begleitausstellung zur Bundesgartenschau

Für Buergel ist die Rückbesinnung auf die erste documenta, die vor 50 Jahren als Begleitausstellung zur Bundesgartenschau konzipiert worden war, um das Publikum mit all jenen Künstlern bekannt zu machen, die von den Nazis als «entartet» qualifiziert worden waren, unerlässlich: «Die Moderne ist unsere Antike; wir haben nichts anderes.» Tatsächlich sei es den damaligen Kuratoren gelungen, eine «ausgelaugte deutsche Öffentlichkeit durch die Überschneidung von ethischen und ästhetischen Anliegen zusammenzuführen».

Nach dem historischen Rückblick - der vom 1. September bis 20. November 2005 auch als selbstständige Ausstellung «50 Jahre documenta» in Kassel nachvollzogen werden kann - kam Buergel zur Ausstellung als eigenständigem Medium. Die Zeiten, wo man das Publikum als gegeben betrachten konnte, seien vorbei, meinte der Ausstellungsmacher, denn die gebildeten Mittelschichten verschwänden allmählich und die Mehrheit des deutschen Publikums wisse bald nicht einmal mehr, wer die Mona Lisa gemalt hat! Dies mag wohl auch der Grund sein, dass er vorerst auf seiner Idee, für die documenta ein Einkaufszentrum im Herzen Kassels räumen zu lassen, um dort Kunstwerke auszustellen, strikte beharrt. Buergel will das Publikum dort abholen, wo es verkehrt. Die erste documenta tat dies mit der damaligen Ruinenlandschaft von Kassel und den damaligen Baumaterialien, die kommende will es offenbar mit den Konsumtempeln und der Warenfülle tun.

Eine Ausstellung wie die documenta XII braucht grosse Themen, denn «es hat keinen Sinn, bescheiden aufzutreten, auch wenn man bescheiden ist». Deshalb will Buergel auch die Rückbesinnung auf die eigene Identität thematisieren. Es sollen zeitgenössische Künstler gezeigt werden, die in die Moderne zurückgehen, ohne den globalen Horizont der heutigen Zeit aus den Augen zu verlieren. Ein weiterer Themenblock ist das «Leben ausserhalb der politischen Ordnung», das «blosse Leben», zitiert Buergel den immer wieder gern angeführten Walter Benjamin. Und dann soll an der kommenden documenta auch die Bildung nicht zu kurz kommen: Das Publikum soll sich selbst die Informationen verschaffen und daraus eine «verbindliche Form gewinnen».

Blick über den Tellerrand

Im Podiumsgespräch, das dem Vortrag folgte, versuchten Bice Curiger, Kuratorin des Kunsthauses Zürich, Rose-Maria Gropp, Redaktorin Kunstmarkt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, und der Fotokünstler Beat Streuli, Roger Buergel zu konkreteren Aussagen zu bewegen. Dass Künstler eingesetzt werden sollen, um Thesen zu illustrieren, wurde von Buergel als Fehlinterpretation zurückgewiesen: «Kunstwerke sind keine Behältnisse, die positivierbares Wissen bergen und die man sich wie eine Pille zuführen kann.» Um flotte Aussagen nicht verlegen, formulierte Buergel auch, was nach seiner Auffassung Kunst nicht ist: «Kunst ist kein Reparaturunternehmen für die Gesellschaft, sondern es geht darum, über den Tellerrand zu blicken.»

Anzeige

Als schliesslich auch das Publikum zu Wort kam, entspann sich eine Diskussion von grösserer Intensität. Auf die Aussage von Buergel, die künstlerische Qualität sei so wichtig, dass er sie nicht einmal erwähne, konterte Beat Streuli, es könne eigentlich nicht nur darum gehen, dass Kuratoren Künstler beurteilen, sondern in Zukunft würde vielleicht auch einmal die Qualität der Kuratoren hinterfragt.

Auf die Frage, ob sie einen Job wie jenen von Buergel gewählt hätte, antwortete Bice Curiger: «Mit seinen Vorgängern hatte ich Mitleid, denn nur Harald Szeemann wurde heilig gesprochen, die anderen kamen in Schlammschlachten um.»

Die Zeit läuft. Roger Buergel hält sich mit seinen Plänen vorläufig noch bedeckt. Es wird sich zeigen, ob dies die richtige Strategie ist, um den «Schlammwerfern» zu entkommen.

Anzeige


Steckbrief: Kurator und Autor

Name: Roger M. Buergel
Funktion: Künstlerischer Leiter der documenta XII (2007) in Kassel
Jahrgang: 1962
Wohnort: Wien
Familie: Verheiratet mit Ruth Noack, Kunsthistorikerin
Ausbildung: 1986-1987 Akademie der Bildenden Künste Wien, 19861989 Studium der Philosophie und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Wien.