Nobel Biocare ist schlecht ins Jahr 2008 gestartet. Hat sich die Lage nun etwas gebessert, oder ist es immer noch schwierig?

Domenico Scala: Ob man es mag oder nicht, die Branche ist halt doch konjunkturabhängig. Nobel Biocare ist aus zwei Gründen stärker davon betroffen: Erstens haben wir einen Produktemix, der stark auf grössere und entsprechend teurere Behandlungen ausgerichtet ist. Zweitens aus firmenspezifischen Gründen. Im 2. Quartal 2007 hielten wir unsere Weltkonferenz ab und werden daher ? wie mitgeteilt ? im 2. Quartal 2008 einen ungünstigen Basiseffekt haben. Aber im 2. Halbjahr dürfte es etwas besser werden.

Seit August 2007 musste Nobel Biocare die Prognose zwei Mal senken. Können Sie die aktuelle Prognose nach dem 2. Quartal immer noch aufrechterhalten?

Scala: Der einzige offene Punkt, der ausserhalb unserer Kontrolle liegt, ist die Entwicklung der wirtschaftlichen Lage.

Das heisst: Wenn die Wirtschaft stabil bleibt, bleibt die Prognose bestehen?

Scala: Ja.

Die UBS sieht Nobel Biocare bereits als Übernahmekandidatin. Sie führt in einer Studie die Unternehmen Johnson & Johnson und Medtronic als potenzielle Käufer auf ...

Scala: Zwischen Theorie und Praxis liegen oftmals Welten. Wir sind mit Abstand globaler Marktführer. Und wir haben sowohl die finanziellen als auch die strategischen Ressourcen, diese Stellung zu behalten und unsere Zukunft alleine zu gestalten. Das ist gar keine Frage.

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Würden Sie ein Angebot ablehnen?

Scala: Dies muss der Aktionär entscheiden, nicht ich.

Allfällige Offerten landen doch beim Nobel-VR, nicht bei den Aktionären.

Scala: Meine Aufgabe ist es, eine gute Performance zu liefern und Nobel Biocare zu einem noch stärkeren Unternehmen zu entwickeln.

Benötigen Sie für die Verteidigung dieser Marktführerschaft auch Zukäufe?

Scala: Es ist klar, dass das Wachstum auch über Akquisitionen stattfinden wird, etwa in den Bereichen Keramik oder Software. Wir sprechen hier aber über kleine Zukäufe ? denkbar wären aber auch technologische Partnerschaften.

Was heisst «kleine Zukäufe»?

Scala: Das wären ungefähr 50 bis 100 Mio Fr.

Welche Rolle spielt die Erschliessung neuer geografischer Märkte in der Strategie Ihres Unternehmens?

Scala: Das Wachstum beruht auf zwei Pfeilern. In den Märkten, in denen man bereits tätig ist, geht es um das Gewinnen neuer Zahnärzte. Denn die Penetrationsraten sind heute unglaublich tief: In Westeuropa spricht man von 100 bis 120 Implantaten pro 10000 Einwohner. In den USA sind es gar nur 40 Implantate pro 10000 Einwohner. Hier muss man also in die Ausbildung der Zahnärzte investieren.

Und der zweite Pfeiler?

Scala: Hier geht es um die geografische Expansion. In Osteuropa und in Russland wachsen wir zurzeit massiv ? offenbar gibt es hier eine umgekehrte Korrelation des Wirtschaftswachstums zum Ölpreis. Auch in China und Indien wachsen wir relativ gut. Wir werden deshalb unsere direkte Präsenz ausbauen.

Sie bauen also den Direktvertrieb aus. In welchen Ländern?

Scala: Im 1. Quartal kam Ungarn hinzu. Wir haben einige weitere entsprechende Projekte, an denen wir arbeiten. Konkret kann ich aber noch nichts sagen.

Was ist wichtiger: Die höhere Penetrationsrate oder die geografische Ausbreitung?

Scala: Kurzfristig ist dies sicher die Gewinnung weiterer Zahnärzte. Langfristig aber wollen wir weitere Märkte dazugewinnen. Das Wachstum des Geschäfts wird sich immer mehr von den USA und Westeuropa nach Asien und Lateinamerika verschieben.

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Wo steht Ihre Firma in fünf Jahren?

Scala: Einerseits wird Procera, unsere Technologie zur Fertigung individueller Zahnprothetik, einen substanziell höheren Umsatzanteil ausmachen. Heute machen die Procera-Verkäufe erst 15% des gesamten Umsatzes aus. Andererseits wird der Implantatbereich der wichtigste Bereich unseres Portfolios bleiben ? obwohl die Bereiche Software und Hardware an Bedeutung gewinnen werden.

Ist Nobel Biocare dann immer noch globaler Marktführer?

Scala: Das ist unser Ziel.

Wie viel Marktanteil wird das Unternehmen bis dann verloren haben?

Scala (überlegt lange): Die Geschichte vieler anderer Branchen zeigt, dass der jeweilige Marktführer einige grosse Vorteile hat. Dieser Vorsprung schwindet nicht so schnell. Hinzu kommt, dass jüngste Umfragen bei unseren Kunden klar zeigen, dass diese vor allem mit der Qualität der Produkte sehr zufrieden sind.

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Mit der Qualität der Verkaufs- und Vertriebsleute hingegen sind viele Zahnärzte nicht zufrieden.

Scala: Da haben wir in letzter Zeit tatsächlich zu wenig getan. Wir arbeiten jedoch daran, dieses Defizit so rasch als möglich wieder aufzuholen.

Anbieter von Billig-Dentalimplantaten argumentieren aber, dass sie mindestens so gute Produkte zum halben Preis anbieten.

Scala: Diese Billiganbieter kommen und gehen. Wir hingegen sind schon länger im Markt und werden das auch bleiben. Die Patienten müssen sich ganz einfach überlegen, ob sie ein Implantat von einem Anbieter möchten, von dem man nicht weiss, ob er in fünf Jahren noch existiert, und der seine Produkte ohne klinische Studien verkauft.

Wäre es für Sie nicht sinnvoll, eine eigene Billig-Implantatlinie zu lancieren?

Scala: Das ist für uns kein Thema. Wir werden uns auch in Zukunft auf hochqualitative und klinisch dokumentierte Produkte konzentrieren.

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Ein Zahnarzt kann ein Billigimplantat zu 50% billiger einkaufen als ein Implantat von Nobel Biocare oder Straumann. Wo aber liegt der Vorteil für den Endkunden?

Scala: Der Patient hat davon nichts. Denn die Kosten für das Implantat belaufen sich tatsächlich nur auf 20% der Gesamtkosten für die Behandlung.

Ihre mittelfristige Umsatzwachstums-prognose von jährlich 18% ab dem Jahr 2010 gerät also durch die Konkurrenz der Billiganbieter nicht in Gefahr?

Scala: Nein. Denn diese Prognose besteht aus organischem Wachstum und Zukäufen. Bei einer mittelgrossen Akquisition rechnen sich diese Zahlen schnell.

Zurück in die Gegenwart. Ab wann wird sich Ihr Effort für mehr Wachstum nun tatsächlich bemerkbar machen?

Scala: Wir arbeiten stetig daran. Beispielsweise wird sich die Lancierung von Nobel Active im Verlaufe dieses Jahres immer mehr positiv auswirken. Es befand sich ja seit September 2007 bereits bei auserwählten Zahnärzten in einer Art Prelaunch-Phase. Diese war sehr erfolgreich.

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Wie viel Umsatz wird das neue Implantat Nobel Active beisteuern?

Scala: Wir rechnen mit einem Jahresumsatz von 50 Mio Euro, der zwei bis drei Jahre nach der definitiven Lancierung erreicht werden dürfte.

Wie lange geben Sie sich Zeit, um die Hausaufgaben zu erledigen?

Scala: Ich verstehe, dass nur wenige Leute viel Geduld haben. Wir brauchen aber ein wenig Geduld, bis sich die Situation dreht. Denn schliesslich soll sie sich ja auch nachhaltig drehen.

Was heisst das konkret?

Scala: Das zweite Halbjahr 2008 sollte bereits besser werden.

Soll das soeben gestartete Aktienrückkaufprogramm in Höhe von bis zu 750 Mio Euro Ihre Investoren beruhigen?

Scala: Das Rückkaufprogramm ist eine wichtige Komponente, denn es gibt überschüssiges Kapital an die Aktionäre zurück und fördert die interne finanzielle Disziplin der Firma. Aber man darf es auch nicht überbewerten. Unser Schwerpunkt liegt klar bei der Steigerung des Umsatzes.

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Wie sieht die Lage in Schweden aus, wo das Unternehmen lange Zeit Probleme mit den Behörden hatte?

Scala: Der Umgang mit den Behörden hat sich normalisiert. Die Performance in diesem Markt wird sich im 2. Halbjahr verbessern. Dann können sich nämlich alle Patienten, nicht nur ältere Menschen, Implantate vom Staat rückerstatten lassen.

Und in der Schweiz?

Scala: In der Schweiz haben wir einen unterdurchschnittlichen Marktanteil.

Aber es ist doch für jede Firma wichtig, im Heimmarkt anständig abzuschneiden?

Scala: Wir werden auch in der Schweiz besser werden.

2009 wird wieder Ihre grosse Jahreskonferenz stattfinden. Wird diese nicht mehr in der Vergnügungsmetropole Las Vegas stattfinden, damit Nobel Biocare nicht erneut ein unseriöses Image erhält?

Scala: Damit dürfen Sie gerne rechnen. Aber auch das Format wird sich etwas ändern.

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