ABKOMMEN.

Zwei Schritte nach vorne, einer zurück: Mit der Internationalisierung unseres Finanzplatzes im Bereich des Vertriebs von Kollektivanlagen kommen wir nur harzig voran. Zwar können ausländische Kollektivanlagen nun auch mehr als nur gerade 20 vermögenden Privatkunden angeboten werden. Gleichzeitig soll aber der Vertrieb ausländischer Kollektivanlagen an wohlhabende, jedoch nicht vermögende Kunden erschwert werden. Diese werden formal nicht als qualifiziert betrachtet – unabhängig ihres Wissens, ihrer Erfahrung und ihres Interesses betreffend Finanzprodukte und deren Risiken. Im Gegensatz etwa zu Singapur oder auch zu EU-Ländern können ihnen ausländische Kollektivanlagen nur angeboten werden, wenn diese eine schweizerische Zusatzbewilligung erhalten haben. Diese Vorschrift ist unnötig und unverständlich – ein EU-Kunde kennt EU-Fonds sehr wohl. Diese Erschwernis schmälert die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz ausgerechnet gegenüber diesem EU-Kundensegment – dem wohl noch einzigen EU-Marktsegment, welches ein bedeutendes Wachstumspotential hat.

Das Gesetz enthält die Möglichkeit, Remedur zu schaffen. Es ermächtigt nämlich den Bundesrat, bilaterale Abkommen mit einzelnen Ländern zur gegenseitigen Öffnung der Märkte zu schliessen. Damit kann die Schweiz erreichen, was sie mit der EU in absehbarer Zeit nicht erreichen kann: Den freien Zugang zu den wichtigsten EU-Märkten durch Anerkennung der Heimlandaufsicht.

Deutschland als Nagelprobe

Ob es uns passt oder nicht: Ein grosses (EU-)Land – nehmen wir als Beispiel Deutschland – wird seinen Markt gegenüber den Schweizer Fonds nicht öffnen. Die entsprechenden Gespräche wären von vornherein zum Scheitern verurteilt: Die Verluste für den deutschen Produktionsstandort – um bei unserem hypothetischen Beispiel zu bleiben – durch den Eintritt von Schweizer Fonds wären für Deutschland bedeutender als die zusätzlichen Gewinne durch einen erhöhten Vertrieb in die Schweiz. Dies gilt umso mehr, wenn Standortförderung Gebot der Stunde ist: Deutschland will Fondsgesellschaften aus der Schweiz ansiedeln und auch versuchen, Fondsproduzenten aus Luxemburg, Liechtenstein oder Irland anzulocken. Ein Abkommen mit der Schweiz würde diesen Intentionen zuwiderlaufen.Richard Baldwin, Professor am renommierten HEI in Genf, machte jedoch eine interessante Beobachtung. Ein Land mag ursprünglich kein Interesse an der Unterzeichnung eines Abkommens mit einem Partnerland zeigen. Wenn dieses Partnerland nun aber mit Drittparteien Abkommen zum gegenseitigen erleichterten Marktzugang schliesst, beginnt sich die Haltung des ersten Landes zu ändern. Warum? Seine Wettbewerbsposition verschlechtert sich durch Übereinkommen über einen erleichterten Marktzutritt zwischen Partnerland und Drittländern. Das Erstland wird seine ursprüngliche Haltung revidieren müssen, um einen drohenden Verlust an Konkurrenzfähigkeit abwenden zu können. Baldwin nannte dies den Dominoeffekt der Aussenwirtschaft. Diese Überlegungen legen nahe, dass die Schweiz einen indirekten Weg einschlagen muss, um mit dem grossen Land zu einem Abkommen zu kommen. Die Schweiz sollte zuerst mit den kleineren EU-Produktionsstandorten Luxemburg, Liechtenstein und Irland die gegenseitige Heimlandaufsicht vereinbaren. Diese Länder haben sicher ein Interesse an einem verbesserten Zugang zum Schweizer Markt – insbesondere, wenn jedes dieser Länder annehmen kann, das andere schliesse demnächst ein entsprechendes Abkommen mit der Schweiz ab. Die Schweiz gewinnt dabei keine grossen Vertriebsmärkte, doch diese Abkommen untergraben die Attraktivität des Produktionsstandorts Deutschlands. Kollektivanlagen schweizerischer und deutscher Anbieter würden nämlich nicht mehr in Frankfurt hergestellt, sondern in Ländern, welche mit der Fondsbewilligung die Vertriebslizenz sowohl für den EU- wie auch den Schweizer Markt anbieten können. Mit einem solchen «Duopack» werden Zweitbewilligungen hinfällig und die Bewilligungsprozesse schneller und billiger. Der Produktionsstandort Frankfurt erleidet gegenüber den kleinen Konkurrenten einen Wettbewerbsnachteil. Ohne Abkommen mit der Schweiz kann er diesen Vorteil nicht bieten. Der Druck auf die deutschen Behörden, einen solchen wirtschaftlichen Schaden zu vermeiden, steigt.

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Politischer Wille

Mit Frankreich besteht ein Abkommen, und gemäss einem hartnäckigen Gerücht war auch die britische Behörde interessiert an einer gegenseitigen Anerkennung der Heimlandaufsicht im Bereich der Fondsbewilligung. Die Schweiz hat also die gesetzliche Grundlage, kennt die potentiellen Interessenten und verfügt über eine erfolgsversprechende Strategie zur Erlangung der gegenseitigen Anerkennung der Bewilligung – was bis anhin fehlte, ist der politische Wille, das Potenzial zu nutzen. Ein EBK-Rundschreiben betreffend die Bezeichnung von kollektiven Kapitalanlagen, das sich derzeit in der Vernehmlassung befindet, lässt diesen Mut aber noch vermissen. Doch die Hoffnung, dass die entscheidenden letzten Schritte zur wirklichen Internalisierung unseres Fondsmarktes gemacht werden, bleibt bestehen. Es fehlt doch so wenig!