Francisco Fernandez liebt Tempo. Privat gibt der gebürtige Spanier mit Ferrari Gas. Im Geschäft ist es seine Avaloq, die er in atemberaubender Geschwindigkeit zu Grösse und Macht führt. Aus einer kleinen Software-Schmiede hat Fernandez die führende Banken-IT-Gruppe der Schweiz gezimmert. Avaloq gilt als Industriestandard, wenn es um Finanzinformatik geht.

Nun ist Fernandez der grosse Coup geglückt. Für die Raiffeisen-Gruppe, die dritte Kraft im Bankenland, baut er in den nächsten drei Jahren ein neues Basissystem für die 316 regionalen Raiff­eisen-Kassen. Das Projekt dürfte eine dreistellige Millionensumme verschlingen und ist für Fernandez und seine Avaloq ein wahres Geschenk des Himmels.

Dank Raiffeisen kann Avaloq sich endlich auch für das Retail Banking empfehlen. Das ist neu – die Firma hat ihren Weg fast ausschliesslich im Private Banking gemacht. Ursprünglich aus Martin Ebners BZ-Bank hervorgegangen, bewältigte das Software-Paket Avaloq die zunehmend komplexeren Anforderungen aus Compliance, Offshore-Banking, Steuerbescheinigungen, Mandate-Tauglichkeit und Wertschriften-Anbindung besser als andere. Ob Sarasin, ­Vontobel oder Bank Rothschild: Viele der renommiertesten Adressen des helvetischen Privatkundengeschäfts setzten auf das teure, aber erfolgreiche Avaloq. Einzig im Massenmarkt Retail wollte der Einstieg nicht recht gelingen.

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Umbruch bei Raiffeisen

Das sollte sich mit der grossen Raiff­eisen ändern. Schon vor fünf Jahren setzte der Genossenschaftsriese auf die Software von Fernandez, allerdings nur im Bereich Zahlungsverkehr und Wertschriftenabwicklung. Für das Herzstück der Informatik hielten die Sankt Galler vorerst an ­einer in die Jahre gekommenen Eigenentwicklung namens Dialba fest. Dialba war weit weg von zeit­gemäs­ser EDV, mit viel Handarbeit und inexistenten Automatikprozessen. Doch die Raiffeisen-Provinzfürsten schwörten auf ihre IT. In ­ihren Augen war Dialba genau das ­Richtige: Einfach, zuverlässig, massgeschneidert.

Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz, dem vermeintlich übermächtigen Boss der Gruppe, gelang es in einem ersten Anlauf nicht, die Leiter der vielen Kassen für Avaloq zu gewinnen. So kam «Dialba 2020», ein gigantisches Migrationsprojekt mit IBM, welches das Kernsystem der Gruppe auf einen neuen Stand bringen sollte. Letzten Sommer wurde dem Vorhaben der Stecker gezogen. Die Überführung des Uralt-Systems in die Neuzeit entpuppte sich als unlösbar.

Es setzte eine Zeit der Reflexion ein. «Als feststand, dass das Dialba nicht auf eine moderne Technologie migriert werden kann, wurden verschiedene Optionen geprüft», sagt Raiffeisen-Sprecher Franz Würth. Von einem neuen Eigenbau bis zum Kauf eines Standardsystems war alles möglich. Gleichzeitig durch­lebte Raiffeisen eine generelle Phase des Umbruchs: Die von Wegelin gekaufte Notenstein forcierte ihre Expansion im Private Banking, im Bereich Asset Management setzte Pierin Vincenz auf Beat Wittmann, seinen umtriebigen Familien­freund aus den Bündner Alpen, und im Bereich der Derivate und strukturierten Produkte erwarb er einen grossen Aktienanteil an Leonteq, die seither an der Börse von Höhepunkt zu Höhepunkt eilt. Welche IT-Lösung konnte diese Gruppe mitsamt Notenstein und Asset Management in die Zukunft führen?

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Das war die Chance, auf die Don Francisco von Avaloq gewartet hatte. Ab Anfang 2014 führten er und seine Kader im Geheimen Verhandlungen mit der Raiffeisen-Gruppe. Dort hatte man es ­eilig. Der Kooperationsstreit mit Langzeit-Partnerin Vontobel drohte in einer Niederlage zu enden. Die Folge wären enge Fesseln für Raiffeisen-Privatbankentochter Notenstein gewesen.

Letzte Woche wurden Fernandez und Vincenz handelseinig. «Raiffeisen kannte uns», meint Avaloq-Marketingchef und Fernandez-Intimus Pascal Föhn. «Zuletzt ging alles sehr schnell.» Beide Parteien wollten den Deal, beide machten Zugeständnisse. Fernandez wird mit einer grossen Minderheitsbeteiligung an einem neuen Technologie-Jointventure in die unternehmerische Verantwortung eingebunden, dafür musste er beim Preis nicht entgegenkommen. Win-win lautet das Fazit – mit viel Gewinn für den Software-Pionier. Denn nun steht Fernandez der Weg zur Krönung offen: Der Börsengang.

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Fernandez besitzt immer noch die grosse Mehrheit an seinem Unter­nehmen. Avaloq-Marketingmann Föhn meint zwar, dass eine Kotierung in Form eines IPO für «die nächsten drei Jahre nicht geplant» sei, fügt aber an: «Was dann kommt, ist offen.» Ein Avaloq-­Kadermann berichtet von spürbarem Ausbau der internen Prozesse wie Con­trolling, Reporting und Planung. «Für viele von uns ist das IPO nur noch eine Frage der Zeit», sagt er.

Feuertaufe fürs Gross-Banking

Voraussetzung ist, dass das Projekt – laut Avaloq-Föhn ist Raiffeisen in der Schweiz jetzt «unser grösster Kunde» – zur Erfolgsstory wird. Der bisherige Track Record von Fernandez lässt ­eigentlich nicht daran zweifeln. Ganz so klar sei das aber nicht, meint ein Banken-­informatiker, der mit den Verhältnissen vertraut ist. «Avaloq muss sich im Retail Banking erst noch beweisen», sagt die Quelle, «dort hat die Konkurrenz die Nase vorn.» Gemeint ist Finnova, eine Software, die von vielen Regionalbanken wie der Berner Valiant eingesetzt wird.

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Für Fernandez geht es somit beim Raiffeisen-Vorhaben um weit mehr als um ein einzelnes Informatikprojekt. Der schnelle Brüter aus Spanien muss und will die Feuertaufe fürs Gross-Banking bestehen.