Das Schweizer Antidoping-Labor befindet sich in einem unscheinbaren Gebäude ausserhalb von Lausanne. Niemand würde ahnen, was sich hinter den knallroten Storen im ersten und zweiten Stock verbirgt, gesichert von Überwachungskameras und Zutrittsschleusen: Hightech zum Nachweis unerlaubter Substanzen im Sport. Was hier zu sehen ist, würde jedem Dopingsünder zu denken geben. «Es ist wie bei CSI Miami, es sind die gleichen Apparate und Methoden im Einsatz», sagt Laborchef Martial Saugy. Stolz zeigt er den Raum, wo 2004 erstmals Fremdblutdoping nachgewiesen werden konnte. Überführt wurde damals der US-Radprofi Tyler Hamilton aus dem Phonak-Team.

Olympischer Urin

Am Ende des Korridors befindet sich die Gefrierkammer. Dort lagern bei minus 20 Grad tausende von Urinproben von den Olympischen Spielen, gestapelt in farbigen Plastikboxen: Rot für Peking, blau für Athen, hellgrau für Turin, gelb für Nagano. Mindestens acht Jahre lang werden die allfälligen Beweismittel hier gehütet.

Die Kühlanlagen und die Labortests kosten viel Geld. Noch teurer zu stehen kommt aber die Entwicklung der Tests, um verbotene Substanzen im Blut oder Urin überhaupt nachweisen zu können. Hier hinken die Dopingfahnder den Übeltätern oft hoffnungslos hinterher. Beim berühmt-berüchtigten Blutaufbaupräparat Epo (siehe Kasten) verstrichen über zehn Jahre, bis der Test stand.

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Das ärgert Matthias Kamber, den Direktor der Stiftung Antidoping Schweiz. Für ihn gibt es nur eines: Man muss den Athleten zuvorkommen. Dies geht aber nur mit der Unterstützung der Pharmabranche. «Es ist nötig, dass sich die Industrie direkt beteiligt, und zwar mit Geld und Substanzen für das Labor», sagt er. Denn Geld hat seine Stiftung, die vom Bundesamt für Sport und von Swiss Olympic finanziert wird, nicht gerade viel. Im Budget 2009 sind gerade einmal 4 Mio Fr. vorgesehen. Damit werden unter anderem rund 2000 Tests von Urinproben finanziert (siehe Grafik).

Der Faktor Zeit

Entscheidend ist der Faktor Zeit: «Die Industrie müsste von sich aus und frühzeitig auf die Antidoping-Behörden zugehen, um gemeinsam mit dem Labor einen Test zu entwickeln.» Frühzeitig heisst für Kamber mindestens ein bis zwei Jahre vor der Zulassung eines Medikamentes. «Wenn es auf den Markt kommt, müssten wir bekannt geben können, dass es schon einen Nachweistest gibt.» So möchte er für Abschreckung sorgen und verhindern, dass ein Sportler überhaupt erst in Versuchung kommt. «Wenn wir das mit der Pharmaindustrie schaffen würden, wären wir einen grossen Schritt weiter.»

Doch von diesem Ziel sind die Dopingjäger noch weit entfernt. «Pharmafirmen haben grosse Vorbehalte, sie sagen, Sport sei etwas Obskures, nicht sehr seriös. Deshalb wollen sie keine Betriebsgeheimnisse preisgeben», klagt der Antidoping-Mann. Ähnlich tönt es bei Oliver Rabin, dem wissenschaftlichen Direktor der Welt-Antidoping-Agentur (Wada): «Der private Sektor könnte mehr tun», sagte er letzte Woche an einer Fachtagung in Lausanne. Er möchte aber keineswegs ganz von der Pharmabranche finanziert werden. Dann wäre die Agentur nicht mehr unabhängig und würde an Glaubwürdigkeit verlieren. «Wir müssen die gute Balance finden.»

Druck zeigt Wirkung

Der Druck auf die Industrie scheint sich langsam, aber sicher auszuzahlen. Bereits gibt es einzelne Fälle von erfolgreicher Kooperation. So hat Roche auf Begehren der Agentur Wada schon vor der Zulassung des Blutaufbau-Präparates Mircera im Jahr 2007 das Medikament sowie Nachweisstoffe zur Verfügung gestellt - im Wert von rund 100000 Fr., wie die Wada schätzt. So konnte bereits 2008 an der Tour de France der erste Missbrauch nachgewiesen werden.

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Aber das war ein Ausnahmefall, und ein Sponsoring kommt weder für Roche noch Novartis in Frage. Der Kampf gegen Doping sei nicht die Aufgabe der Industrie, heisst es bei Roche. «Dass wir die Problematik Ernst nehmen, haben wir beim Medikament Mircera gezeigt.» Zudem sei kein weiteres Molekül oder Medikament, das im Sport missbraucht werden könnte, in der Pipeline. Novartis verweist lapidar auf die üblichen «Anstrengungen, um die Off-label Nutzung von Präparaten zu verhindern».

Antidoping Schweiz bringt indes einen andern Aspekt ins Spiel. «Wenn ein Medikament wegen Missbrauchs Negativschlagzeilen macht, schadet dies dem Hersteller. Einen Missbrauch verhindern, wäre daher doch auch für die Industrie von Nutzen», sagt Kamber. Ganz in diesem Sinn kann er einen Erfolg vermelden. Eine Pharmafirma sponsert den Test von Blutproben. Bisher konnten aus Geldmangel nur Urinproben getestet werden. Den Wert des Vertrags, der vor wenigen Tagen unterschrieben wurde, beziffert Kamber auf knapp 100000 Fr. Kommende Woche will er sagen, wer der Sponsor ist.

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