Der monatelange Kampf um die französische Industrie-Ikone Alstom geht in eine dramatische Schlussphase. Der US-Konzern General Electric legte am Donnerstag seine mit Siemens rivalisierende Offerte völlig neu auf, um die Bedenken der französischen Regierung zu zerstreuen. Kurz darauf hieß es von Gewerkschaften und im französischen Wirtschaftsministerium, Siemens und Mitsubishi Heavy Industries (MHI) hätten ihre Offerte ebenfalls versüßt und wollten noch einmal 800 Millionen Euro mehr bieten. Die wichtigsten Vertreter der französischen Regierung kamen am Abend zusammen, um die Angebote zu sondieren. Spätestens am Montag soll der Alstom-Verwaltungsrat eine Entscheidung treffen.

Die genauen Details zu einer Änderung der Siemens/MHI-Offerte blieben am Abend zunächst unklar. Der französische Gewerkschaftsführer Bernard Devert erklärte nach einem Treffen mit Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg, Mitsubishi Heavy wolle 800 Millionen Euro mehr auf den Tisch legen. Ein Vertreter des Wirtschaftsministeriums in Paris bestätigte diese Angaben. Dagegen wollte Siemens zunächst nichts von einer Aufstockung des Angebots wissen und lehnte dann eine Stellungnahme zu den Gewerkschaftsangaben ab. Ein Sprecher von MHI in Frankreich sagte ebenfalls, noch seien keine Entscheidungen gefallen. Eine dem Unternehmen nahestehende Person sagte der Nachrichtenagentur Reuters, es lägen mehrere Optionen auf dem Tisch, von denen die genannte Aufstockung nur eine Möglichkeit sei.

Alstom-Chef äussert sich gegen Siemens-Angebot

Alstom-Chef Patrick Kron macht keinen Hehl aus seiner Ablehnung des Siemens-Angebots. «Sie wollen unser Gasgeschäft, und wir sollen ihr Transportgeschäft übernehmen, nun ja, sie dürfen träumen», sagte Kron einer Investorenkonferenz, wie die Analysten der französischen Bank Exane BNP Paribas in einem Marktkommentar schreiben. Siemens bekräftigte, das gemeinsam mit MHI abgegebene Angebot nach wie vor für das bessere zu halten.

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Mitsubishi will sich an Alstom und drei von dessen Sparten beteiligen, Siemens will den Franzosen für 3,9 Milliarden Euro die begehrte Gasturbinensparte abnehmen. An dem Geschäftsfeld ist Siemens-Chef Joe Kaeser seit längerem interessiert, doch Kron zeigte ihm schon im Februar die kalte Schulter.

General Electric bietet Alstom enge Kooperation

GE schlägt nun in Absprache mit dem Alstom-Management mehrere Joint-Ventures und «Allianzen» vor - die Regierung in Paris hatte sich für ein Bündnis und gegen die bislang von GE geplante reine Übernahme der Energietechnik ausgesprochen. Trotz der Umstrukturierung des Angebots hielt GE an seiner bisherigen Gesamtbewertung von Alstom in Höhe von 12,4 Milliarden Euro fest.

«Unsere Gespräche mit der französischen Regierung in den vergangenen sieben Wochen waren produktiv. Im Ergebnis haben wir eine Einigung mit dem Alstom-Management erzielt, die zwischen unseren Firmen eine Allianz im Geiste und in der Praxis schaffen wird», erklärte GE-Chef Jeff Immelt. Unter anderem seien zwei 50:50-Joint-Ventures im Geschäft mit Stromnetzen und erneuerbaren Energien geplant sowie ein globales Bündnis in der Nukleartechnik, das der französischen Regierung ein Veto-Recht einräumen würde. Die beiden Unternehmen unterzeichneten auch eine Absichtserklärung zur Gründung einer weltweiten Allianz im Transportgeschäft. Zudem habe GE dem Verkauf seiner Signalsparte an Alstom zugestimmt.

Alstom-Aktie stürzt um sechs Prozent ab

Die Alstom-Aktie baute nach Vorlage des neuen GE-Angebots ihre Verluste aus und schloss in Paris sechs Prozent schwächer. Ein Händler erklärte, das Veto der Regierung bei der Nukleartechnik habe offenbar die Anleger verunsichert.

Der Frankreich-Chef von Siemens, Christophe de Maistre, zeigte sich unbeeindruckt von dem Schritt des US-Rivalen GE. «Unser Konzept ist noch immer überlegen», sagte er. «Das Gegengebot von GE verstärkt die Glaubwürdigkeit des gemeinsamen Konzeptes von MHI und Siemens. Es folgt tatsächlich unserem Ansatz, aber es ändert nichts am Spielverlauf.» Siemens und MHI bewerteten Alstom mit 14,2 Milliarden Euro und böten eine Partnerschaft an, während GE den Unternehmenswert mit 12,4 Milliarden Euro ansetze und eine dominierende Rolle beanspruche.

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Aktionäre haben das letzte Wort

«Auch wenn es gelegentlich anders aussieht, werden letztendlich die Aktionäre entscheiden», sagte Kron Exane BNP zufolge in Anspielung auf die Versuche der französischen Politik, die Übernahme zu beeinflussen, um Arbeitsplätze zu retten. Eine Alstom-Sprecherin wollte seine Äußerungen nicht bestätigen. Der Alstom-Verwaltungsrat muss sich bis Montag zwischen den beiden Offerten entscheiden.

(reuters/awp/gku)