Das Gebäude in Zollikofen bei Bern ist fast fensterlos. Wer den schwarzen Kubus betreten will, wird gründlich gefilzt: Identitätskarte und Taschen sind bei den Aufsehern abzugeben. Dann geht es zur Sicherheitsschleuse; erst mit dem Besucherausweis darf man den engen gläsernen Kasten mit doppelten Türen betreten. Die erste öffnet sich, wenn der autorisierte Gast seinen Code eingetippt hat. Hat sich diese Tür geschlossen, öffnet das Besucherticket die zweite. Erst dann steht man im Vorhof des Allerheiligsten von Swisscom, des derzeit modernsten Rechenzentrums.

Dann geht es vorbei an Lüftungsmaschinen, riesigen Batterieanlagen, Dieseltanks und Generatoren zu einem der Säle mit Reihen voller Schaltschränke. In wohlig warmem Klima werkeln dort die Hochleistungscomputer. Die Anlage ist ein Tresor, der vollständig auf das Gold der Moderne fokussiert ist: Die Daten.

Eldorado für Rechenzentren

«Die Schweiz ist das Boomland für Rechenzentren schlechthin. Hier wird gebaut wie sonst nirgends», sagt Jörg Schanze, Manager für den Bau von Rechenzentren bei IBM Schweiz. Letztes Jahr haben die Betreiber in der Schweiz für gut 60000 Quadratmeter Fläche Bauverträge für Rechenzentren unterschrieben (siehe Grafik).

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Ausgelöst haben den Bauboom neben massiv gewachsenen regulatorischen Vorgaben vor allem Neuerungen in der IT, die in den letzten Jahren marktreif geworden sind: Neue Sicherheitslösungen, ein rasant wachsender globalisierter Datenaustausch über leistungsfähige Netzwerke, Outsourcing-Modelle, Cloud Computing und neue Virtualisierungstechniken. Unternehmen, die ihre Kosten in Griff haben wollen, sind gezwungen, die neuen Möglichkeiten der Informatik schnell zu nutzen.

Dieser Druck hat dazu geführt, die hohen Kosten für den Unterhalt und Betrieb eines eigenen Rechnungszentrums unter die Lupe zu nehmen. Ständig wachsen die Anforderungen ans Personal. Zudem sind laufend neue Vorschriften zu beachten. Kein Wunder, dass zahlreiche grosse und kleine Firmen derzeit die Zusammenarbeit mit spezialisierten Anbietern suchen: Swiss Re, Zurich Financial Services (ZFS), Saxo Bank, Netstream, der Kanton Basel-Stadt, Mobility, Griesser oder die Six Group haben ihre Informatik an ein externes Rechenzentrum ausgelagert.

Mit Equinix, e-shelter, IBM, Interxion oder Hewlett-Packard mischten im letzten Jahr internationale Konzerne in der Schweiz als Anbieter mit. Kräftig am Bauen sind aber auch lokale Anbieter wie Green.ch, Solnet, IWB, Safe Host und Swisscom sowie Neulinge wie Deepgreen, Orlo Net und die Stadt Zürich mit dem OIZ (Organisation und Informatik Zürich). Ausserdem haben namhafte Firmen wie Yahoo oder die SWIFT (Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication) Neubauten geplant.

Dass sich die Schweiz derart schnell zum Server-Paradies entwickeln konnte, verdankt sie insbesondere ihrer Insellage. Die Branche beurteilt es als positiv, dass die Schweiz nicht Mitglied der EU ist. Als weitere wichtige Vorteile werden die niedrigen Strompreise genannt: Sie liegen 10 bis 20 Prozent tiefer als im übrigen Europa, und die Stromversorgung ist nicht zuletzt durch die hohe Anzahl an Wasserkraftwerken im Lande sehr gut abgesichert. Dazu kommen bestens ausgebaute Infrastrukturen - und politisch und rechtlich herrscht eine im Vergleich zu anderen Ländern grosse Stabilität, wie es bei den Betreibern der Rechenzentren übereinstimmend heisst.

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Aber das sind noch längst nicht alle Vorteile, die der Standort Schweiz zu bieten hat. So verbieten die schweizerischen Gesetze den willkürlichen Zugriff auf Daten von Personen und Firmen. Neben dem strengeren Datenschutz sind auch die hiesigen Steuermodelle nach wie vor attraktiv. Ausserdem lässt sich hierzulande ein Rechenzentrum billiger bauen als im Ausland, wie es bei den Betreibern heisst - dies trotz höherer Löhne. Ein weiterer Pluspunkt ist der Pool von gut ausgebildeten Mitarbeitern, auf den man in der Schweiz zurückgreifen kann.

Marktstudien von Tier-1-Research und Credit Suisse gehen davon aus, dass der Rechenzentrumsmarkt bis 2015 jährlich um 19 bis 20 Prozent wachsen wird. Zwar steige auch die verfügbare Fläche, doch nur um rund 10 Prozent pro Jahr. Ausserdem hätten, so Green-CEO Franz Grüter, erst etwa 30 Prozent der Unternehmen ihre Daten in einem professionellen Umfeld gelagert: «Hier herrscht also noch ein sehr grosses Potenzial.» Diesen Optimismus teilt man auch bei Deepgreen. Es gebe ein «horrendes Wachstum» im Markt. Die Wirtschaftskrise spiele bei den Rechenzentren eine «vernachlässigbare Rolle», sagt Verkaufschef Peter Gorini.

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Swissness als Erfolgsfaktor

Inzwischen entscheiden sich immer mehr hiesige Unternehmen sowie solche aus den USA und Zentraleuropa für die Schweiz als Datentresor. Zudem entstehen neue Geschäftsmodelle. Sie operieren allesamt mit dem Faktor Swissness. So ist etwa Orlo Net dabei, Glasfasernetze über die ganze Schweiz zu verlegen und mit dem südlichsten Zipfel Italiens zu verbinden. Künftig will man Unternehmen aus dem Mittleren Osten, Malta und Nordafrika mit ausschliesslich für Datentransaktionen konzipierten Netzen an Zentraleuropa anbinden. Ihnen sollen dann kleine Datenlager von 20 bis maximal 100 Quadratmeter Fläche auf dem höchsten Ausbaustandard in der politisch stabilen und sicheren Schweiz angeboten werden.

Orlo-Net-Chef Mathias-Ulrich Koch sagt, man habe bereits Absichtserklärungen mit Unternehmen aus der Spiele- und Wettbranche, mit Banken und der Biochemie-Industrie unterzeichnet. Namen will Koch allerdings nicht nennen.

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Auch bei Equinix heisst es, dass der Mittlere Osten aufgrund der brisanten Sicherheitslage zu einem sehr attraktiven Neukundengebiet geworden sei. Frits van der Graaff von Green sieht vermehrt Unternehmen aus Osteuropa und Russland als potenzielle Kunden, die ihre Daten sicher in der Schweiz lagern wollen

Andere Rechenzentrumsanbieter orientieren sich an potenziellen Neukunden in speziellen Industrien. Bei e-shelter erwartet man, dass die ohnehin schon hohe Dichte der Schweiz an global agierenden Unternehmen aufgrund der niedrigen Steuersätze zunehmend weitere spezialisierte Finanzunternehmen wie Hedgefonds anlocken wird.

Die massiv gewachsenen Kapazitäten der letzten Jahre rufen aber auch Mahner auf den Plan. Mathias-Ulrich Koch von Orlo Net spricht von «völlig überdimensionierten Vorstellungen». Schon jetzt betrage der «Leerstand zwischen 20 und 50 Prozent». Spezialangebote dagegen fehlten.

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Angst vor Blase

In der Branche diskutiert man nun darüber, ob die angekündigten oder im Bau befindlichen Rechenzentren-Kapazitäten in der Schweiz ab 2012 eine Blase bilden - und ob dies ein Rechenzentrensterben unter den nicht oder wenig spezialisierten Anbietern zur Folge haben könnte. Jörg Schanze, Manager für den Rechenzentrumsbau bei IBM Schweiz, weist darauf hin, dass der Boom tatsächlich stattfindet, dass dieser aber automatisch den Wettbewerb unter den Anbietern verschärft. Überkapazitäten bei wenig spezialisierten Anbietern sieht auch Alexis Caceda. Der Chef des Providers Netstream meint, dass Mainstream-Anbieter vor einer schwierigen Zukunft stehen: «Einzelne Rechenzentren werden aller Voraussicht nach erst einmal viele Jahre leer stehen.»

Zwar will bei e-shelter und HP niemand das Thema Blase kommentieren. Doch umso deutlicher betont man dort den Bedarf für Spezialangebote. Weil e-shelter in einem sehr speziellen Segment wie der Finanzindustrie mit hohen Eintrittsbarrieren arbeite, sehe man «die aktuelle Marktsituation nach wie vor sehr positiv», erklärt Pressesprecherin Anika Christin Eulitz. Auch Hauke Stars, Chefin von HP Schweiz, will keine generellen Prognosen abgeben, sieht allerdings ebenfalls «sehr gute Wachstumschancen», weil sich die Rechenzentren von HP in der Schweiz an spezielle Branchen richten wie Luftfahrt, Finanzindustrie und neue Formen von Cloud Services.

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Branchenkenner Frits van der Graaff, langjähriger Chef von Equinix Schweiz und seit Kurzem bei green.ch unter Vertrag, ist zwar generell optimistisch, verweist aber auf ein weiteres Symptom einer möglichen Blasenbildung. «Kleine Anbieter werden ein Kostenproblem bekommen», meint er. Dennoch sieht van der Graaff nach wie vor hohes Potenzial: «Die meisten Firmen haben zu wenig Know-how in Sachen Informatik und wollen diese gern auslagern, um endlich davon wegzukommen.» Die eine oder andere Übernahme von Anbietern werde daran nichts ändern, so van der Graaff.

Der Schweiz-Chef von Equinix, Marco Dottarelli, hält wenig von diesen Blasenszenarien: «Es hat Futter genug für alle», meint er. Lediglich die fremdfinanzierten Rechenzentrenbetreiber dieser kapitalintensiven Branche könnten unter «erhöhten Druck» kommen und müssten möglicherweise Renditeerwartungen anpassen.

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Nichts gegen einen deutlichen Ausbau der Kapazitäten dürften die Kunden der Rechenzentren haben: Firmen wie Nexellent, die Rechenzentrenkapazitäten unter anderem von Interxion bezieht, hoffen auf einen Preiszerfall. Laut Stefan Peter, Managing Partner bei Nexellent, sind die derzeitigen Rechenzentrenflächen ziemlich ausgebucht. So habe man bisher entsprechend hohe Preise akzeptieren müssen. Weil jedoch allein in der ersten Jahreshälfte 2011 bis zu 8000 Quadratmeter neu zur Verfügung stehen werden, dürften in der zweiten Jahreshälfte die Preise unter Druck kommen, erklärt Peter.