Es ist das Trio Grande der Schweizer Industrie. Hier Martin Haefner, Milliardär, diskret, bis auf die Knochen seriös. Dort Viktor Vekselberg, Milliardär, langfristig orientiert, ungreifbar, unter seinem Image als Putin-Adlat leidend. Und hier Peter Spuhler, ebenfalls Milliardär, umtriebig, erfolgsverwöhnt, Patron mit Kultstatus.

Ausgerechnet diese drei Charakterköpfe raufen sich zusammen. Ausgerechnet dieses Trio, das sich eben noch unverstanden und angesäuert gegenüberstand. Heute morgen gab Haefner bekannt, dass er Spuhler ein Aktienpaket von 10 Prozent an Swiss Steel abtritt. Ein Deal, bei rund 50 Millionen Franken die Hand wechseln. Es ist auch ein Deal, der noch vor wenigen Monaten absolut unmöglich schien.

Wie kam das?

Kapitel 1: Der Bruch

Haefner wollte Peter Spuhler bereits vor einem Jahr den finanziellen Einstieg bei Swiss Steel schmackhaft machen. Er brauchte zur Sanierung des schwer angeschlagenen Stahlkonzerns industrielles Knowhow und Strahlkraft. Spuhler hat beides. Und er war angetan von Haefners Idee.

Also wurde verhandelt, genauer: Haefners Family Office namens Big Point debattierte mit Spuhlers Family Office PCS, was für Peter Christoph Spuhler steht. Dazu gesellten sich teure Anwälte, Investmentbanker und Berater. Wochenlang wurde über Preise, Prozente, Vertretung im Verwaltungsrat verhandelt. Letzten Oktober stand man kurz vor einer Einigung: Spuhler steigt mit 100 Millionen Franken sowie mit ein bis zwei Verwaltungsräten beim Industriekonzern ein. Ein Coup.

Doch statt einem Coup gabs einen Knall: Am 27. Oktober platzte eine brisante Agenturmeldung in die letzte Verhandlungsrunde. Die erstaunliche News: Spuhler werde Honorarkonsul von Russland in Zürich.

Eine Meldung, welche die russische Botschaft in Bern verbreitete, die aber – das zeigen «Handelszeitung»-Recherchen – falsch war und schierem Wunschdenken entsprach. Eine abstruse Vorstellung war es auf jeden Fall: Ausgerechnet Spuhler, der in Salt Lake City Züge montiert und in US-Metropolen vermarket, soll Putins «Poster Boy» in Schweiz werden? Spuhler hätte damit eigenhändig das Signal für seine Züge in Amerika auf rot gestellt.

Statt nachzufragen, brach im Lager von Haefner Panik aus: Spuhler im Lager der Russen! Und damit im Camp von Vekselberg!

Droht also ein Zangenangriff bei Swiss Steel: Grossaktionär Vekselberg plus Neo-Aktionär Spuhler vereint - gegen Grossaktionär Haefner? Haefner, der Gelackmeierte?

Ein kurzes Telefonat, Schluss.

Nach der Falschmeldung von Spuhlers Aufstieg zum vermeintlichen russischen Honorarkonsul brach das Haefner-Lager die Verhandlungen ab. Ein kurzes Telefonat, Schluss. Konsternation machte sich beim Zugbauer aus dem Thurgau breit, den man eben noch bezirzt hatte. Auch ein Dementi zum Ehrenkonsul-Titel half nichts.

Wer vom Vertrauensbruch profitierte, war Haefners engster Vertrauter: Heinrich Christen. Der war Vizepräsident von Swiss Steel. Und hegte wohl Ambitionen. Spuhler dagegen war in den Verhandlungen mit Haefner – beim Thema Besetzung des Swiss-Steel-Verwaltungsrats – nicht wirklich als Christen-Promotor aufgetreten, heisst es in Bankerkreisen. Offenbar signalisierte Spuhler, dass er Christen definitiv nicht als VR-Präsident von Swiss Steel sehen würde. Zu unerfahren, zu umstritten.

Kapitel 2: Heinrich Christen tritt zurück

Präsident von Swiss Steel war letzten Winter noch ein anderer, Jens Alder, der frühere Swisscom-Chef. Haefner und Alder kennen sich seit vielen Jahren. Alder sass jahrelang im Verwaltungsrat der US-Techfirma CA, wo der Haefner-Clan eine Milliardenbeteiligung hielt.

Alder aber war als VR-Präsident von Swiss Steel seit längerem tief frustriert, denn er stand mittendrin: Das Haefner-Lager traute Swiss-Steel-Mitaktionär Vekselberg nicht über den Weg. Der Schweizer wollte investieren, der Russe stand auf dem Schlauch. Das Misstrauen wuchs, als Vekselberg wegen seiner Nähe zu Putin auf eine Sanktionsliste von Donald Trump rutschte. Das gab noch mehr Juristenfutter und Ärger im Verwaltungsrat. An harte Sanierungsarbeit im Unternehmen war in diesem Klima des Argwohns nicht zu denken.

Zudem machte der Haefner-Vertreter im Verwaltungsrat klar, wer hier das Sagen hat: Nicht der formelle Präsident, Jens Alder, sondern Grossaktionär Haefner. Das sorgte für weitere Unruhe im Gremium. Denn wenn der Mehrheitseigner ohnehin alles bestimmen will, dann ist der Rat schlicht überflüssig. Schliesslich hatte Alder genug von diesem Intrigantenstadl und schmiss am 20. Dezember 2020 hin – vor Ende seines ersten Amtsjahres. Der monatelange Machtkampf hatte Präsident Alder, der auf seine Unabhängigkeit pochte, zermürbt.

«Ein zweites Desaster wollte Jens Alder nicht mehr erleben – ergo pochte er auf klare Verhältnisse: Ich bin der Präsident.»

An seiner Statt rückte nun Vizepräsident Christen zum VR-Präsidenten ad interim auf. Mehr noch: Am 27. April sollte er offiziell zum VR-Präsident von Swiss Steel gewählt werden. Ein Posten, der in der Schweizer Industrie zur obersten Gewichtsklasse zählt – und mit einer Gage von 400'000 Franken dotiert ist.

Anfang April, ein paar Tage vor Christens Wahl zum Swiss Steel-Präsidenten, publizierte die «Handelszeitung» eine Recherche zu einer monatelangen Intrige bei der Beratungsfirma EY (HZ+). Eine kleine Gruppe von Beratern aus der EY-Partnerschaft hatte 2018/2019 einen Putsch gegen die Firmenleitung geplant. Mastermind der Verschwörer war gemäss EY-Forensik Heinrich Christen – der designierte Swiss-Steel-Präsident. Nach der Lektüre der Zeitung und vermutlichen Nachfragen bei EY trennte sich Haefner von seinem langjährigen Vertrauten, und zwar per sofort. «Nach intensiven Gesprächen» habe sich Christen entschieden, den Posten im Swiss Steel-VR aufzugeben. Spuhler und Vekselberg dürften zumindest gestaunt haben.

Haefner hatte vorgesorgt und eine schnelle Ersatzlösung parat: Er holte kurzerhand Jens Alder zurück, der im Dezember 2020 das Präsidium hingeschmissen hatte. Doch ein zweites Desaster wollte dieser nicht mehr erleben – ergo pochte er auf klare Verhältnisse: Ich bin der Präsident und als solcher dem Wohl der gesamten Firma verpflichtet. Vorzugsbehandlung für einen Grossaktionär gibts keine mehr. Das Communiqué, das sein Comeback ankündigte, birgt Alders Lizenz zu seiner Unabhängigkeit: Alder stelle sich «in Übereinstimmung mit den Best Governance-Richtlinien als unabhängiger Präsident» für eine Wahl zur Verfügung, liess sich Grossaktionär Haefner zitieren.

Kapitel 3: Martin Haefner denkt um

Diese Zusicherung Haefners war eine versteckte, aber unmissverständliche Botschaft: Künftig geht es nicht mehr um Machtkampf und Postenschacher, sondern um Kärrnerarbeit – mit dem alleinigen Ziel, Swiss Steel endlich zum Fliegen zu bringen. Die Botschaft der industriellen Vernunft machte den Weg frei für neue Verhandlungen mit Spuhler.

Der eben noch als Russen-Spezi verstossene Eisenbahner ist nun plötzlich Mitkämpfer, Seite an Seite mit Haefner und Vekselberg. Das Haefner-Lager schreibt an diesem Freitag fast schon euphorisch: «Martin Haefner begrüsst die Beteiligungsnahme der PCS Holding an der Swiss Steel Holding. Sie liegt im besten Interesse der Gesellschaft und ihres nachhaltigen Erfolges.»

Machtabgabe? Kein Problem

Der Einstieg von Spuhler bringt Swiss Steel zweifellos Schub: Denn mit ihm zieht ein Industrieller mit breiter Erfahrung ein. Und mit seiner Beteiligung rutschte Haefner – eben noch Mehrheitsaktionär mit 51 Prozent  – weit unter die 50-Prozent-Schwelle. Auch diese Machtabgabe ist heute für ihn kein Problem. «Martin Haefner hat immer gesagt, dass er keine Ambitionen auf eine dauerhafte absolute Mehrheit an der Gesellschaft hat», lässt sein PR-Mann verlauten. 

Auch die Börse hat die Botschaft dieses Friedensschlusses verstanden: Der Einzug von Spuhler liess die Swiss-Steel-Aktie steil nach oben schiessen. Zur Freude von Haefner – und von Viktor Vekselberg. Dieser hat Spuhlers Einzug bei Swiss Steel aus den Medien vernahm. Und dürfte insgeheim hoffen, dass jetzt wieder Ruhe einkehren wird.

Sommerwetter zieht auf: Es wird wohl nur Wochen dauern, bis sich das Haefner-Lager auch mit dem Vekselberg-Lager versöhnt hat. Denn mittlerweile haben beide gemerkt, dass man Swiss Steel nur gemeinsam auf Touren bringt. Eine Kardinaltugend treibt das disparate Trio Haefner, Spuhler und Vekselberg letztlich an: Es sind allesamt Unternehmer, die mit Industriefirmen Geld verdienen wollen. 

Aktienkurs Swiss Steel

Aktienkurs von Swiss Steel in den letzten fünf Tagen.

Quelle: Google