Herr Rissi*, Die Finma spricht vom schwersten Manipulationsfall aller Zeiten. Warum scheint es, dass man bei der UBS offenbar noch immer nicht weiss, was die Stunde geschlagen hat?
Das Umfeld der Banken ist noch immer sehr explosiv. Die Finma hat festgestellt, dass die Händler der UBS das bis zu Siebenfache ihres Grundgehalts als Bonus verdient haben. Das gibt den Mitarbeitenden einen grossen Anreiz zu riskanten Geschäften. Hinzu kommen ein schwaches Kontrollumfeld und eine schlechte Umsetzung der Compliance-Vorschriften. Offenbar wussten die Verantwortlichen bei der UBS oft gar nicht, was die Händler alles getrieben haben.

Oft hört man aber auch den Vorwurf, dass Chefs absichtlich wegschauten, um nicht zur Rechenschaft gezogen werden zu können.
Das wird juristisch zu klären sein, ob sich die Chefs damit aus der Schlinge ziehen können. Das mag vielleicht noch auf unteren Kaderebenen funktionieren, aber wohl nicht mehr an der Spitze. Schlussendlich liegt es in der Verantwortung des Verwaltungsrates, die Compliance im Unternehmen sicherzustellen. Angebliche Unwissenheit darf nicht mehr funktionieren.

Was muss der UBS-Verwaltungsrat tun?
Er muss sicherstellen, dass er seine unübertragbare und unentziehbare Aufgabe der Compliance wahrnimmt. Der Verwaltungsrat trägt die Verantwortung für die Überwachung und regelmässige Überprüfung einer angemessenen internen Kontrolle. Der Verwaltungsrat hat – zusammen mit der Geschäftsleitung – eine Sorgfalts- und Treuepflicht, denen er nachkommen muss. Die UBS muss deshalb ein vitales Interesse daran haben, dass Vergehen Einzelfälle bleiben, diese wenn immer möglich vorgängig abgefangen, verhindert werden und sanktioniert werden können.

Nun beteuert die UBS-Führung immer wieder, dass sich viel geändert habe. Allerdings reichen die Verfehlungen im Devisenskandal bis ins Jahr 2013 – also lange nach der Finanzkrise. Wie glaubhaft ist die UBS-Führung?
Die UBS hat in der Tat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Im Devisenhandel hat man noch 2010 erlaubt, separate Bücher für den Eigenhandel der im Market Making tätigen Händler zu führen. Auch nach der Finanzkrise wurde Handel auf eigene Rechnung betrieben.  Das muss man sich vorstellen. Wenn man das der Aussage gegenüberstellt, dies sei alles Schnee von gestern, dann hat die UBS ein Glaubwürdigkeitsproblem. Aber Fakt ist auch, dass Risikokultur und Compliance nicht von heute auf morgen geändert werden können. Es braucht Zeit, bis die neuen Richtlinien im Unternehmen tatsächlich gelebt werden und die Händler mehr als  die ersten beiden Zeilen des Code of Conduct lesen.

Was muss die UBS denn nun ändern?
Die Überwachung des Code of Conduct ist eine der wichtigsten Lehren. Im Strassenverkehr gibt es Geschwindigkeitsbegrenzungen, die Polizei macht aber dennoch Kontrollen. Das gilt analog für die Banken: Sie müssen strenger die Einhaltung ihrer eigenen internen Weisungen  kontrollieren. Sonst kann es wieder zu so katastrophalen Verfehlungen kommen wie jetzt.

Angenommen die UBS kontrolliert rigoros und nimmt ihre Händler konsequent an die Leine. Gerät sie dann gegenüber der internationalen Konkurrenz ins Hintertreffen?
Kurzfristig drohen womöglich Wettbewerbsnachteile. Aber langfristig dürften die Vorteile überwiegen. Wenn sie ein nachhaltiges Geschäftsmodell fahren wollen, führt an scharfen Kontrollen kein Weg vorbei. Sonst hat man in einigen Jahren den nächsten riesigen Skandal und irgendwann ist die Reputation vollständig verloren.  Dann muss man wieder bei Null beginnen. Zumal für die UBS jetzt sicher noch nicht alles ausgestanden ist.

Wer ausser der Bundesanwaltschaft könnte noch gegen die UBS vorgehen?
Nach Veröffentlichung des Untersuchungsberichts der Finma dürften nun sicherlich einige Grossinvestoren zivilrechtliche Klagen gegen die UBS einreichen und Schadenersatz geltend machen wollen.

Werden diese Erfolg haben?
Die Regulatoren haben – auch in Zusammenarbeit mit den Banken selbst – sehr viel belastendes Material herausgefunden. Mit der jetzigen Beweislage glaube ich, dass die Klagen sicher nicht chancenlos sind.

*Roger Rissi ist Wirtschaftsprofessor an der Hochschule Luzern und Dozent am Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ. Von 2000 bis 2008 arbeitete er selbst in der Investmentabteilung der UBS, zunächst als Risikoanalyst in Zürich, später auch in Sydney, New York und London.