Die Krise bei den deutschen Lebensversicherern hat jetzt ihr erstes Opfer gefordert, nachdem sich die Mitglieder des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) nicht auf eine Rettungsaktion für die schwer angeschlagene Mannheimer Versicherung einigen konnten. Die Mannheimer ­ nicht zu verwechseln mit der Hamburger-Mannheimer ­ hätte eine Kapitalspritze von rund 370 Mio Euro gebraucht. Nun hat die Mannheimer ihr Neugeschäft eingestellt und wird zum ersten Fall der Auffanggesellschaft «Protektor».

Ins Straucheln gebracht hat den Lebensversicherer, an dem die Swiss Re mit 5% beteiligt ist, eine viel zu hohe Aktienquote im Anlagegeschäft. Die Verluste waren derart hoch, dass die Lasten das Eigenkapital überstiegen, womit auch die Holding gefährdet ist. Sogar die Insolvenz der Holding ist möglich. Der Vorstandsvorsitzende der Mannheimer, Hans Schreiber, musste aufgrund der dramatischen Lage zurücktreten. Seither hatte der Sektor versucht, eine brancheninterne Lösung zu finden. Doch zur Sanierung kam es nicht mehr, weil ein wesentlicher Teil der Versicherungsunternehmen keine Bereitschaft zur Teilnahme signalisierte, musste eine GDV-Sprecherin in der vergangenen Woche zugeben, zu den Verweigerern sollen neben der Axa-Versicherungsgruppe auch die Swiss Life und die Zürich Leben gehört haben. Die Firmen waren nicht bereit, mit einer Finanzspritze neues Kapital zuzuschiessen.

Protektor greift ein

Nun muss erstmals die Auffanggesellschaft «Protektor Lebensversicherung AG» einschreiten und für die 345 000 Verträge der Mannheimer aufkommen. Die Kunden müssten sich keine Sorgen machen, betonte ein GDV-Sprecher, doch die Rating-Agentur Fitch bezweifelt, ob Protektor überhaupt arbeitsfähig ist. Denn bisher ist die Firma ein rein virtuelles Unternehmen, weil die Auffanggesellschaft lediglich auf dem Papier steht und die Gelder für den Sicherungsfond in Höhe von 5 Mrd Euro noch garnicht vorhanden sind.

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Alle deutschen Lebensversicherer sollen maximal 1% ihrer Kapitalanlagen beisteuern, doch ist in den Statuten der Satzung der Protektor anders als beim Einlagensicherungsfonds der Banken nicht präzise festgelegt, welche Versicherungen Mitglied sind, wer den Schutz geniesst und ab wann der Fonds in Kraft tritt. Die GDV verweist auf Einzelverträge mit den Versicherern und so genannte Verpflichtungserklärungen, in denen Details geregelt seien, doch fehlen offensichtlich immer noch einige Unterschriften grosser Konzerne.

Das Grundkapital der Protektor beträgt zudem lediglich 3,2 Mio Euro, das von lediglich zehn Versicherern aufgebracht wurde. Nach einem Bericht der «Financial Times» sind vor allem ausländische Versicherer besorgt über die künftigen Belastungen, die auf sie zukommen könnten. Danach haben mehrere Konzerne wie Zürich, Generali und Aviva Arbeitsgruppen eingerichtet und Consultants um Schätzungen gebeten, wie hoch die Kosten bei künftigen Rettungsaktionen für angeschlagene deutsche Konkurrenten sein könnten. Ein klares Indiz, dass die Branche mit weiteren Ausfällen rechnet.

Als potenzielle Kandidaten werden hinter den Kulissen Namen wie Gerling Leben, Hannoversche Leben, Neue Leben und die Bayerische Beamten Leben genannt. Sollte es aber zu einer Kettenreaktion kommen, könnte das ganze Protektor-Konzept kollabieren. Denn wenn die Branche wirklich 5 Mrd an potenziellen Mitteln zuschiessen müsste, würden einige Lebensversicherer nach Einschätzung von Fitch-Analyst Marco Metzler selbst zum Protektorfall mutieren, und die Versicherer müssten im Ernstfall die Auffanggesellschaft mit Kundengeldern finanzieren.

Beim Stresstestkalt erwischt

Die Unruhe ist berechtigt. Die Börsenbaisse hat nicht nur die Mannheimer Gruppe, sondern mehrere dutzend deutsche Lebensversicherer kalt erwischt, wie der erste Stresstest des Bundesaufsichtsamts für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) ergab. Danach haben 18 Unternehmen eingeräumt, dass sie beim Test durchgefallen sind, darunter die DBV-Winterthur Leben, Axa Leben, Gothaer Leben, Victoria Leben, deutsche Ärzteversicherung oder Aachener und Münchener Leben.

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Weitere 29 Versicherer wie Schweizerische Rentenanstalt Deutschland, Zürich Agrippina oder Gerling Leben weigerten sich allerdings, die Resultate des Tests bekannt zu geben, sodass die Zahl der «Durchgefallenen» erheblich höher liegt. 30 Lebensversicherer haben den Test nach eigenen Angaben bestanden.

Beim Stresstest simulieren die Versicherer auf Anweisung der BaFin die Auswirkungen starker Schwankungen am Kapitalmarkt auf ihre Bilanzen. Dabei gibt es zwei Szenarien. Szenario A simuliert einen Kursrückgang bei Aktien um 35% und bei Rentenwerten von 10%. Szenario B geht nur von einem Kursverfall von 20% bei Wertpapieren und 5% bei Rentenpapieren aus.

Der Stresstest, der von der Deutschen Aktuarvereinigung konzipiert wurde, ist allerdings umstritten. Ein Sprecher der DBV Winterthur kritisiert, dass der Test nicht die Absicherung von Kursverlusten durch Optionen berücksichtigt. Auch der Vorstand der Deutschen Aktuarvereinigung, Martin Balleer, empfiehlt einen verbesserten Stresstest, weil das aktuelle Modell lediglich eine Momentaufnahme sei, aber die Planungen der Unternehmen für die kommenden drei bis fünf Jahre mit in die Simulationsrechnungen einfliessen müssten.

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Balleer empfiehlt den Versicherern gleichzeitig, mehr Sicherheitskapital aufzunehmen und damit nicht alle Erträge sofort in die Gewinnbeteiligung zu stecken, was allerdings bedeutet, dass die Überschussbeteiligung für die Kunden sinkt. Da der Garantiezins vom Bundesfinanzministerium ohnehin ab 2004 von aktuell 3,25% auf 2,75% reduziert worden ist, kommen auf die Verbraucher harte Zeiten zu. Denn um einen Ertrag von 2,75% zu kassieren, braucht der Kunde keine Lebensversicherung mehr, da kann er sein Geld gleich auf einem Tagesgeldkonto einer Bank deponieren.

Gerling

Einstieg der CS?

Branchenkreise rätseln darüber, ob sich die CS Group tatsächlich beim angeschlagenen Gerling-Konzern beteiligen möchte. Nach einem Bericht der «Financial Times Deutschland» soll die CS derzeit anhand einer Machbarkeitsstudie prüfen, ob sie mit 9,9% beim Gerling-Industrieversicherer GKA einsteigt oder nicht. Ein CS Topmanager in Zürich bezeichnete die Spekulationen um eine derartige Minderheitenbeteiligung als «Unsinn», man werde keineswegs denselben Fehler begehen wie die Deutsche Bank, die mit ihrer eigenen Beteiligung bei Gerling schlecht gefahren war und sich erst vor kurzem entnervt von den eigenen Anteilen (34,5%) getrennt hat. Das Frankfurter Institut begnügt sich mittlerweile mit einem Paket an dem profitablen Gerling-Kreditversicherer NCM, an dem die Swiss Re 47,5% Anteile hält. Die Deutsche Bank hat bei ihrem Gesamtengagement bei Gerling mindestens 800 Mio Euro abgeschrieben.

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Der Gerling-Konzern war durch Asbest-Risiken in Milliardenhöhe beim US-Rückversicherer Constitution Re, die verheerenden Schäden beim Anschlag am 11. September sowie durch die Börsenkrise schwer ins Schleudern geraten. Der Konzern braucht eine Kapitalspritze, nachdem der Verlust 2002 auf 739 Mio Euro hochschnellte. Das Gerling-Management sucht auf allen Ebenen nach Partnern. Ein CS-Engagement käme eventuell als Private-Equity-Projekt in Frage, da Gerling auch Finanzinvestoren ins Boot holen möchte. Die Sach-, Rechtsschutz- und Lebensversicherung der Gruppe sind profitabel, doch hat sich die Gerling Leben geweigert, Angaben über das Resultat des Stresstests der Finanzaufsicht (BaFin) zu machen.(hjm)