In Deutschland sind offenbar Millionen Eier als Bio-Eier verkauft worden, obwohl sie die Bezeichnung nicht verdienten, da Haltungsvorschriften nicht eingehalten wurden. Das berichtet der «Spiegel» in seiner aktuellen Ausgabe. Daneben gehe es auch um Betrug bei konventioneller Boden- und Freilandhaltung. 

Wie das Magazin aufdeckte, untersucht die Staatsanwaltschaft Oldenburg bereits seit September 2011 entsprechende Fälle, in denen deutlich mehr Tiere als erlaubt in Ställen zusammengepfercht wurden und deren Eier ein Bio-Siegel erhielten.

Wie die Staatsanwaltschaft dem «Spiegel» bestätigte, stehen insgesamt rund 200 Bio- und koventionelle Betriebe im Visier der Behörden. Auch in Belgien und den Niederlanden seien Unternehmen betroffen. Dass in Deutschland falsch deklarierte Eier auch in den Schweizer Handel gekommen sind, ist nicht auszuschliessen. 

Denn importierte Eier unterliegen nicht den Vorschriften des Dachverbandes Bio Suisse für Schweizer Bio-Betriebe. «In der Schweiz gilt für Bio-Produkte die gleiche Kennzeichnungspflicht wie in der EU», erklärt Jürg Jordi, Sprecher des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW), die Gesetzeslage.

Im Jahr 2011 wurden laut dem Institut Aviforum der schweizerischen Geflügelwirtschaft insgesamt mehr als 234 Millionen Konsumeier aus anderen Ländern importiert und mehr als 251 Millionen, die zu Eierprodukten weiterverarbeitet wurden. 

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Ein bisschen Entwarnung, aber keine Sicherheit

Die Detailhändler Migros, Coop, Aldi und Lidl erklärten auf Anfrage, dass ihre Bio-Eier nur aus Schweizer Betrieben stammen, schreibt der «Blick».

Alfred Reinhard, Geschäftsführer der Hosberg AG, dem grössten Bio-Eier-Händler in der Schweiz, sagte dem SRF-Konsumentenmagazin «Espresso»: «Wir stehen in Kontakt mit den Süddeutschen Bundesländern. Sobald sich etwas Neues ereignet, werden wir informiert». Deutsche Bio-Eier stammen in der Schweiz aber vor allem aus dem Süddeutschen Raum - und Hosberg importiert die meisten. 

Sämtliche Betriebe, die des Etikettenschwindels bezichtigt werden, liegen in Norddeutschland. Ausschliessen, dass nicht auch diese Eier noch betroffen sein werden, kann aber auch Alfred Reinhard nicht. «Da wissen wir selbst noch zu wenig. Wir kennen die Problematik noch nicht, die auf uns zukommen könnte.»

«Kriminelle Machenschaften nicht auszuschliessen»

Was die Eierproduktion in der Schweiz angeht, sind laut BLW keine grossen Fälle von Überbelegung der Ställe bekannt, auch wenn kleinere Verstösse immer wieder vorkommen. Konventionelle Betriebe dürfen in ihren Ställen bis zu 18'000 Legehennen halten. Bio-Betriebe, die das «Knospe»-Label von Bio Suisse erhalten wollen, müssen sich auf bis zu 2000 Hennen berschränken.

«Kriminelle Machenschaften kann man auch bei uns nicht ausschliessen», sagt Jordi. Ein Problem: Die Tiere in den Ställen zu zählen, sei unmöglich, zitiert der «Spiegel» einen deutschen Öko-Geflügel-Kontrolleur. Er und seine Kollegen müssen sich auf die vorgelegten Dokumente verlassen. Ebenso in der Schweiz.

«Zählen ist kaum möglich», sagt auch Bio-Suisse-Sprecher Stephan Jaun - verweist aber auf die kleineren Herden hierzulande. So könne «ein Kontrolleur anhand der Eierzahl beurteilen, ob die Stallbelegung in Ordnung ist». Ein Betrieb müsse Buch führen, wie viele Eier er produziert und wann er wie viele seinem Abnehmer liefert. Die Zahlen der Abnehmer wie auch der Produzenten würden bei der Kontrolle verglichen. Einen systematischen Betrug, wie er in Deutschland zurzeit vermutet wird, schliesst Jaun für Bio-Suisse-Betriebe daher aus.

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«Nicht so ein grosser Preisdruck»

Bei den Bio-Bauern führen die Firmen Bio Inspect und Bio Text Agro die Kontrollen durch, bei den Konventionellen verschiedene Unternehmen, die von den Kantonen beauftragt werden. Die Betriebe kommen einmal pro Jahr auf den Prüfstand, zu unregelmässigen Zeitpunkten, mit einer Anmeldung einige Tage zuvor. Begeht ein Bauer einmal einen Verstoss, wird er häufiger und auch ungemeldet unter die Lupe genommen.

Nadja Brodmann von der Nutztierschutz-Organisation KAG Freiland hält Betrug in der Schweiz nicht für undenkbar, sieht aber eine geringere Gefahr als in Deutschland. «Mit Bio Suisse gibt es einen zuständigen Dachverband und nicht diverse Bio-Organisationen mit unterschiedlichen Richtlinien wie in Deutschland», sagt die Eier-Expertin.

Weiterhin seien die Hühner-Herden in der Schweiz kleiner und damit für die Kontrolleure übersichtlicher, so Brodmann. «Ausserdem verdienen die Bio-Bauern hier gutes Geld mit dem Verkauf von Eiern und stehen nicht unter so einem grossen Preisdruck wie in Deutschland.»

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