Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen - besonders dann, wenn er eine Flugreise tut, aber einzelne Strecken auslässt. Dann kann er nämlich berichten, dass das ganze Flugticket ungültig wird. Wer zum Beispiel den Flug nach Paris verpasst und mit dem Zug reist, muss sich für den Rückflug ein neues Ticket kaufen. Das alte verfällt. Gleiches widerfährt dem Schlaumeier, der statt ein Ticket von Zürich nach Los Angeles für 900 Fr. ein Ticket ab Genf via Zürich nach Los Angeles für 600 Fr. kauft und erst in Zürich einsteigen will (siehe Tabelle mit Preisvergleich). Geht nicht, sagt die Fluggesellschaft. Das Ticket verfällt.

Verfallsklausel ist umstritten

Diese, wie Juristen sagen, «unerwartete» Verfallsklausel ist den meisten Passagieren nicht bewusst und gibt immer wieder zu reden. Ausser Airlines kennt keine Transportsparte derartige Fallstricke. In Basel kam ein Verstoss gegen die Klausel vor den Richter. Die Klägerin, die den Hinflug verpasst hatte, bekam recht. Die Swiss musste eine Entschädigung bezahlen - will aber nichts von einem Präzedenzfall wissen. «Die Sache wurde von einem Einzelrichter gutgeheissen. Die Beklagte ist bei dieser Verhandlung nicht erschienen, sodass allfällige Einwände keine Beachtung fanden», sagt Gerichtsschreiber Markus Grolimund. Für die Swiss war wohl der Aufwand zu gross, an der Verhandlung überhaupt teilzunehmen.

So oder so: Seit diesem Sommer führt die Airline bei Online-Buchungen die Klausel explizit auf und fordert vom Kunden die Zustimmung: «Mir ist bewusst, dass die im Flugschein eingetragenen Strecken vollständig und in der gebuchten Reihenfolge abgeflogen werden. Sonst verfällt der Flugschein.» Wer mehr wissen will, findet einen Link zu den Beförderungsbedingungen.

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Für die Airlines, nicht nur für die Swiss, ist die Verfallsklausel ein probates Mittel, um den Wettbewerb zu dosieren. Ohne sie bräche die Preisstruktur und damit ein wichtiger Teil des Geschäftsmodells der Swiss zusammen. Swiss-Sprecher Jean-Claude Donzel sagt es so: «Es geht um kommerzielle Interessen: In Genf stehen wir in Konkurrenz mit andern Airlines wie Air France oder British, die via Paris oder London nach Los Angeles fliegen. In vielen Fällen ist logisches Denken nicht unbedingt anwendbar.» Auch da nicht: Wer zum Beispiel ab Mailand oder Rom via Zürich nach Los Angeles fliegt, bezahlt nur 750 Fr., also 150 Fr. weniger als ab Zürich. «Die Preise richten sich nach der Wettbewerbssituation. Sonst könnte der Kunde die Marktbedingungen umgehen und die Spielregeln verletzen.» Die von der Swiss aufgestellten Spielregeln, nota bene.

Bundesrat sorgt für Abhilfe

Diese Spielregeln könnten nun aber bald fallen. Denn es ist fraglich, ob sie einer richterlichen Prüfung standhalten würden. Bisher war das auch nicht nötig. Nach geltendem Recht kann man Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB) einer Firma vor Gericht nicht auf deren Rechtmässigkeit überprüfen lassen. «Bis jetzt können AGB nur in einem konkreten Rechtsstreit überprüft werden, und das Urteil hat nur Rechtswirkung zwischen den beteiligten Parteien», erklärt der auf Reisefragen spezialisierte Jurist Rolf Metz.

Dies soll sich nun mit der Revision des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) ändern. Der Bundesrat will auf Druck der Konsumentenorganisationen «den Schutz gegen täuschende Geschäftspraktiken erhöhen», wie es in der Botschaft zur Vernehmlassung heisst. Natürlich zielt der Bundesrat primär auf Adressbuchschwindel und dubiose Verkaufsmethoden wie in Schneeballsystemen. Aber als Nebeneffekt könnte mit einer Klage auch der Swiss das Handwerk gelegt werden.

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Über die Chancen einer Klage mag sich der Jurist nicht äussern. Aber die Klausel der Swiss findet er rechtlich unhaltbar. «Grundsätzlich besteht keine Pflicht, bezahlte Leistungen auch tatsächlich in Anspruch zu nehmen», sagt Metz und vergleicht die Ticket-Praxis mit dem Essen im Restaurant: «Das ist, als ob ich ein Menü bestellte und der Wirt mich dazu verpflichten würde, zuerst die Suppe aufzuessen, bevor er mir den Hauptgang serviert. Oder wenn der Hauptgang allein mehr kosten würde als das ganze Menü.» Das Argument der Swiss, diese Preispolitik sei fürs Geschäft und für die Planung notwendig, lässt er nicht gelten: «Für die Kunden ist es egal, wie die Fluggesellschaften planen.»

Konsumentenschutz will klagen

Das revidierte Gesetz ist seit Anfang Monat in der Vernehmlassung. Bis es in Kraft tritt, kann es dauern. Die Swiss nimmts gelassen: «Wir wollen nicht spekulieren. Aber es ist der Branche klar, dass es ein grosses Thema ist, vor allem bei Konsumentenorganisationen.»

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Und was sagen diese? «Die Klausel ist diskriminierend und kundenunfreundlich», findet Andreas Tschöpe von der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS). Es seien bereits mehrere Beschwerden eingegangen, und die SKS würde daher bestimmt eine Klage zur Prüfung der Rechtmässigkeit der Verfallsklausel erwägen.