Stolz demonstriert Ian Freed, Vizepräsident von Amazon Kindle, sein E-Book-Lesegerät in Zürich der «Handelszeitung». Innerhalb weniger als 60 Sekunden lädt er den dicken Bestseller «The Lost Symbol» von Dan Brown direkt auf den Apparat. Noch allerdings beschränkt sich das Angebot auf englischsprachige Bücher von Amazon. Doch die Auswahl ist gross: 290 000 E-Books bietet Amazon an, davon 100 000 im Bereich «Fiction». Auf Kindle lassen sich 1500 Bücher speichern - eine kleine, mobile Hausbibliothek.

Wann kann man mit dem Kindle auch deutschsprachige Bücher herunterladen? Freed will sich nicht auf genaue Daten festlegen: «Zuerst wollen wir Kunden in über 100 Ländern mit englischen Büchern versorgen. Aber wir bieten auch ein paar deutsche Zeitungen wie das ‹Handelsblatt›, die ‹Wirtschaftswoche› und die ‹Frankfurter Allgemeine Zeitung› an.» Im Gespräch wird klar: In Zukunft werden auch deutschsprachige Bücher auf Kindle genutzt werden können, so wie es bei Sony bereits der Fall ist. Dort allerdings muss das E-Book zuerst auf den Computer heruntergeladen werden, bevor es von dort auf das elektronische Lesegerät übertragen werden kann.

Diese Woche hat Amazon begonnen, die Lesegeräte nach Europa auszuliefern. «Bestellungen kamen auch aus der Schweiz.» Zahlen will Freed aber nicht verraten.

Piraten auch bei E-Books

So schnell wie ein Buch auf den Reader geladen werden kann, so schnell kann es auch wieder «entladen» werden - und das ohne Zutun seines Besitzers. Ausgerechnet Orwells Bücher «1984» und «Animal Farm» hat Amazon via Netzzugriff im Nachhinein bei Kunden wieder gelöscht, weil es eine Version verkauft hatte, für die es die Rechte nicht besass. «Das war ein grosser Fehler», gibt Freed zerknirscht zu. «Wir haben uns aber bei den Kunden entschuldigt und sie auch entschädigt.»

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Bereits tummeln sich diverse Piraten im Netz. Auf einschlägigen Internettauschbörsen steht der Verschwörungsthriller von Brown gratis bereit. 160 illegale digitale Kopien zählte das kalifornische Unternehmen Attributor. Droht der Buchbranche das gleiche Schicksal wie der Musik- und Filmindustrie? Freed ist zuversichtlich: «Mit unseren fairen Preisen und unserem Lesegerät, auf das der Kunde direkt sein Buch herunterladen kann, sind wir gut gewappnet.» Rund 320 Dollar wird das Kindle-Gerät samt Transport in der Schweiz kosten.

Keine besondere Freude an Kindle haben Schweizer Buchhändler. Schliesslich sind das Gerät und die digitalen Bücher nur bei Amazon zu bestellen. Damit entgehen den Buchhändlern Umsätze in einer Sparte, die künftig ein immer grösseres Gewicht besitzen wird. Dass Amazon seine Kunden an sich bindet, empfindet Ex Libris als «konsumentenunfreundlich». «Die Konsumenten sind in dieser Konstellation dem Konzern ausgeliefert», sagt Ex-Libris-Sprecher Roger Huber. «Amazon kontrolliert systematisch, welche Texte auf das Gerät geladen werden. Wir können uns vorstellen, dass Amazon damit sogar gegen Schweizer Recht verstösst.» Freed von Amazon sieht darin hingegen nichts Unrechtes, sondern einfach eine Dienstleistung.

Noch ist das Geschäft mit den E-Books in der Schweiz klein. Die grossen Buchhändler wie Orell Füssli, Thalia und Ex Libris geben keine Zahlen bekannt, betonen aber, dass der Umsatz stark wächst. Ex Libris etwa bietet rund 30 000 E-Books an. Vor allem die Belletristik entwickelt zurzeit eine grosse Dynamik. Die drei Grossen bieten Lesegeräte von Sony an. «Wir stehen bei den E-Books erst am Anfang der Entwicklung», sagt Ex-Libris-Sprecher Huber. «Wir erwarten in den kommenden Jahren mit der stärkeren Verbreitung der E-Books ein starkes Wachstum. Die Preise für die E-Book-Reader dürften in den kommenden 18 Monaten deutlich sinken. Sollten künftig auch deutschsprachige Zeitungen und Magazine angebunden werden, könnten E-Book-Reader ein grosser Erfolg werden.»

Keine Konkurrenz?

Nicolas Schibler, Multichannel-Leiter von Thalia, sieht das E-Book nicht als Konkurrenz zum stationären Buchhandel: «Wir sprechen damit eine neue Kundschaft an: Junge Leute, die gewohnt sind, Medien digital zu lesen, aber auch ältere Leser, die dank der Vergrösserung der Schrift auf dem elektronischen Reader ein Buch besser lesen können.» Auch kleinere Buchläden können vom kommenden E-Book-Boom profitieren, indem sie auf gemeinsamen Online-Plattformen E-Books anbieten.

Verlage wappnen sich

Trotzdem wird das Geschäft für die Buchhandlungen noch härter werden. «Es wird Verlage geben, die ihre Bücher direkt verkaufen», glaubt Dani Landolf, Geschäftsführer des Buchhändler- und Verlegerverbands (SBVV). Immer mehr Verlage wie etwa die zur Holzbrinck-Gruppe gehörenden Verlage S. Fischer, Droemer/Knaur, Rowohlt und Kiepenheuer & Witsch steigen ins E-Book-Geschäft ein. Auch der Verlag Diogenes will E-Books anbieten. Dani Landolf schätzt, dass heute nur 1 bis 2% des Umsatzes mit E-Books erzielt werden, aber das werde sich in nächster Zeit stark verändern.

Ebenfalls nachteilig ist es für die Buchhändler, dass mit einem digitalen Werk weniger verdient wird. Laut einem Buchhändler beträgt die Marge beim E-Book 7%. «Der Druck auf die Buchhändler wird noch weiter zunehmen», sagt Landolf. «Der eine oder andere Buchhändler, der bereits zu kämpfen hat, wird vielleicht unter dem Druck der E-Books schliessen müssen.»