Kaum hatte Johann Schneider-Ammann Mitte Mai von Austritt gesprochen, ging ein Rütteln durch das Economiesuisse-Gebäude. Seither droht der Überbau der Schweizer Wirtschaft wie ein Kartenhaus einzustürzen. Innerhalb von nur einem Jahrzehnt hat der Vorort – so nannte man den Oberverband aller Wirtschaftsverbände bis zu seiner Neulancierung im Jahr 2000 – den Wandel vom «achten Bundesrat» zu einem überflüssigen Konstrukt vollzogen.

So sieht das Schneider-Ammann vom Verband der Maschinen- und Metallindustrie (Swissmem), der nicht mehr bereit ist, vier Millionen Franken jährlich für die Economiesuisse-Leistungen zu berappen. Ebenso Werner Messmer vom Verband der Baumeister, der dem Dachverband kürzlich die Mitgliedschaft aufkündigte. Möglicherweise folgen weitere Kollegen aus der Druck- und der Aluminiumindustrie.

Was hat zum rasanten Niedergang des Dachverbands der Wirtschaft geführt? Wie immer spielen die Köpfe die entscheidende Rolle.

Bei der Economiesuisse begann der Abstieg mit dem Rücktritt von Pierre Borgeaud. Der frühere Sulzer-Präsident zählte zu den Industriegrössen des Landes. Wie sich später herausstellen sollte, schaffte er es zwar nicht, sein Unternehmen als starken Player in der globalisierten Welt zu positionieren, zählte jedoch zu jenen Unternehmenslenkern, die sich kraft ihrer Position bei einem Multi durchsetzen und Entscheide vorantreiben konnten. Borgeauds Vorgänger auf dem Präsidentenstuhl, Louis von Planta, der die Pharmafirmen Ciba und Geigy verschmolz, führte den Verband von 1976 bis 1987 und galt als noch grösseres Kaliber.

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«Die mussten nicht zuerst bei Marcel Ospel nachfragen, wie sie zu entscheiden hätten», sagt Edwin Somm mit Verweis auf die vermeintliche Machtposition des UBS-Präsidenten. Somm, der früher bei der ABB für das Schweiz-Geschäft zuständig war, leitete in den neunziger Jahren den Maschinenverband, bevor er das Steuer Schneider-Ammann übergab, der Swissmem aus der Economiesuisse führen will. «Schon zu meiner Zeit waren wir unzufrieden mit dem Dachverband, auch ich überlegte mir einen Ausstieg», so Somm gegenüber der BILANZ. «Von der ABB her war ich ständige Kostensenkungen gewohnt. Beim Dachverband liessen es sich die Leute gut gehen. Von Sparen war da keine Spur. Aber ich hoffte halt, dass meine Kritik etwas fruchten würde. Leider war das nicht der Fall.»
Zu jener Zeit war Andres Leuenberger vom Pharmamulti Roche am Drücker, auch er ein Manager mit einer gewichtigen Position. Anfänglich machte Leuenberger einen guten Job. Als bodenständiger Typ gewann er die Herzen vieler Kollegen der Mitgliederverbände. Ihm gelang es noch, zwischen der Binnenwirtschaft und der unter die Globalisierungsräder geratenen Exportindustrie mit ihren divergierenden Interessen zu vermitteln. Ende 1999, als die geplante Fusion von drei Dachorganisationen zu platzen drohte, schaffte Leuenberger wenigstens die Zweierfusion von Vorort und dem Kampagnenbüro Wirtschaftsförderung (WF) zur neuen Economiesuisse.

Das war im Herbst 2000. Kurz darauf ging es steil bergab. Dem Verbandsboss wurde sein Engagement bei der Swissair zum Verhängnis, wo er als Verwaltungsrat mitverantwortlich für den Niedergang des helvetischen Aushängeschilds war. Leuenberger hatte seinen Ruf verspielt, und ein Jahr nach der Gründung der Economiesuisse, als die Swissair-Maschinen bereits mit Bundesgeldern durch die Lüfte flogen, räumte er seinen Platz an der Verbandsspitze.

Gerhard Schwarz, Wirtschaftschef der «NZZ», der Personalrochaden sonst meist freundlich begleitet, kritisierte den scheidenden Vorort-Chef. Zwar habe Leuenberger mehr für den Wettbewerb getan als viele seiner Vorgänger. Doch am Ende habe er sich für eine staatlich finanzierte Swissair-Nachfolgegesellschaft stark gemacht, eine Sünde, die schon bei der Pro-Kampagne für die Abstimmung über die Finanzierung des öffentlichen Verkehrs (Finöv) im Verband zu reden gegeben hatte. «Dieser ordnungspolitisch blinde Fleck des abtretenden Economiesuisse-Präsidenten lässt sich vielleicht damit erklären, dass er zu sehr jener weit verbreiteten, aber nicht ungefährlichen Idee eines Service public verhaftet ist, wonach kollektive Finanzierung und Anstrengung nötig sei, wenn es um öffentliche Interessen geht», urteilte Schwarz.

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Auf Leuenberger folgte Ueli Forster. Für Edwin Somm ein folgenschwerer Entscheid. «Herr Forster, die Geschäftsleitung der Economiesuisse und der gesamte Vorstand inklusive der gewichtigen Banken- und Pharmavertreter haben versagt», sagt der Ex-ABB-Chef. Die gegensätzlichen Interessen von Grossunternehmen und KMU, die Spannungen zwischen Export- und Binnenwirtschaft – all das hätte auf den Tisch und ausdiskutiert gehört.

Der angeschossene Economiesuisse-Präsident Ueli Forster dreht den Spiess um. «Somm ist seit vielen Jahren nicht mehr dabei, er kennt die Verhältnisse nicht mehr», sagt Forster. «Ich bin seit 40 Jahren in Verbänden tätig, bin als unabhängiger KMU-Unternehmer sicher ein glaubwürdiger Wirtschaftsvertreter und nicht das Sprachrohr von Herrn Ospel oder Herrn Vasella.» Unter seiner Führung habe Economiesuisse stark an Einfluss in der Berner Bundespolitik gewonnen. Dass er für das Verbot von Parallelimporten sei, habe nichts mit vorauseilendem Gehorsam für die Basler Chemie zu tun. «Ich habe eine Güterabwägung vorgenommen und gewichte die Vorteile für die zukünftigen Innovationen höher als den möglichen Wettbewerbsgewinn.» Genau damit entlarve sich Forster als verlängerter Arm Vasellas, sagt darauf Somm.

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Unter Forster blieb die Economiesuisse bis vor kurzem von Skandalen verschont. Für den Präsidenten ein gutes Zeichen: Man habe die letzten vier Jahre in Ruhe gearbeitet und ein Vertrauensverhältnis zu Partnern und Medien aufgebaut. Gespenstisch ruhig blieb es aber auch nach verlorenen Abstimmungsschlachten. Der 22. September 2002 wurde zum Waterloo, als das Volk die Liberalisierung des Strommarktes bachab schickte.

Als darauf die Karten in der europäischen Stromlandschaft neu gemischt wurden, mussten die Schweizer Unternehmen tatenlos zusehen. Die Economiesuisse hat sich von der Niederlage mit dem Stromgesetz bis heute nicht erholt. Echte Privatisierungs- und Liberalisierungvorhaben sind kein Thema mehr.

Es folgten weitere Dämpfer. Im Frühling 2004 lehnte eine Mehrheit die wirtschaftsfreundliche Revision der AHV ab, gleichentags sagte das Stimmvolk Nein zum Steuerpaket. «Beim Stromgesetz schätzten wir die Stimmung bei den kleinen Werken falsch ein, beim Steuerpaket hätten wir nie mitmachen dürfen, denn zu überladen war die Vorlage nach der Parlamentsdebatte», gibt Forster zu.

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Weiter reicht seine Selbstkritik nicht. Dass die Economiesuisse ein ineffizienter Verband sei, zu teuer, zu verzettelt, zu wenig pointiert, weist der Präsident von sich. Er habe nach dem Zusammenschluss von Vorort und Wirtschaftsförderung zwei Millionen Franken eingespart, und was der Verbund mit seinem Budget von 15 Millionen leiste, sei aussergewöhnlich. Warum aber gönnt sich Forster den Luxus einer ganzen Abteilung – der ehemaligen WF –, die nichts anderes tut, als Abstimmungskampagnen zu führen? Darüber könne man diskutieren. Doch die Mitglieder würden diese Leistung der Economiesuisse schätzen, weil ihnen dafür die Mittel fehlten.

Ende August tritt Forster zurück und übergibt das Economiesuisse-Steuer Andreas Schmid. Dessen Wahl gab bei den KMU-Vertretern zu reden. Schmid, so hiess es dort, sei eine Marionette der Zürcher Hochfinanz, ausgewählt von CS-Präsident Walter Kielholz. Das Auswahlverfahren, sagt Forster dazu, hätte besser ablaufen können. Nun sei es an der Zeit, die Wahl zu akzeptieren. «Geben wir Schmid eine Chance.» Der designierte neue Chef des Wirtschaftsverbands will sich erst im Herbst zu seiner neuen Aufgabe äussern. Wie viele Mitglieder Economiesuisse dann noch aufweisen wird, ist offen. Ueli Forster ist in seinen letzten Wochen damit beschäftigt, möglichst viele bei der Stange zu halten.

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