Bereits in den frühen Morgenstunden wähnten sich die Medienschaffenden in einem falschen Film: Während die Mehrheit der Bevölkerung friedlich schlief, versandte Economiesuisse um 5 Uhr morgens eine Medienmitteilung und lud die Presse für den Vormittag zu einer kurzfristig anberaumten Medienkonferenz im Hotel Savoy Baur en Ville am Zürcher Paradeplatz - unter dem Titel «Repositionierung in der Verbandsführung».

Was sich hinter dieser geschönten Fassade verbarg, war leicht zu erkennen: Die Entscheidung im seit Monaten schwelenden Macht- und Richtungskampf innerhalb der Führung des Wirtschaftsdachverbandes war gefallen. Die Frage war nur noch, ob Präsident Rudolf Wehrli oder Pascal Gentinetta das Büro räumen muss.

Wieso blieb Gentinetta der Pressekonferenz fern?

Was das anwesende Führungsgremium unter der Leitung von Präsident Wehrli im prunkvoll eingerichteten Nobelhotel zu verkünden hatte, kam dann einem wirtschaftspolitischen Erdbeben gleich: Direktor Pascal Gentinetta kehrt dem Wirtschaftsdachverband unverzüglich den Rücken und Präsident Wehrli stellt sein Amt Ende August zur Verfügung.

Doch Wehrli und dessen Vizepräsident Hans Hess versuchten, den Doppelrückzug kleinzureden. Mit Sätzen wie «Es gab keinerlei Streitigkeiten innerhalb von Economiesuisse» oder «Es gab auch keine Streitereien mit Herrn Gentinetta» glich das Duo Fussballmanagern, die darum bemüht sind, eine erlittene Kanterniederlage schönzureden. Angesichts dessen sei die Frage erlaubt: Weshalb blieb Direktor Pascal Gentinetta der Pressekonferenz fern, wenn das Verhältnis noch intakt ist?

Da kommt nur Kopfschütteln

Darüber hinaus begründet Economiesuisse den Abgang von Wehrli mit der «zeitlichen Belastung». Dass der uneinsichtige Auftritt in der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens wenige Tage nach der Abstimmungsniederlage zur «Abzocker-Initiative» der Glaubwürdigkeit des Präsidenten geschadet habe, stellten Economiesuisse und Wehrli in Abrede. Mit Verlaub: Diese Argumentation kann nur mit Kopfschütteln quittiert werden. 

Aber als ob das nicht schon genug gewesen wäre, stiess Wehrli die anwesenden Journalisten mit seinem Verhalten an der Medienkonferenz vollends vor den Kopf: Nachdem er gesprochen und lediglich mit knappen Statements auf Fragen eingegangen war, erhob sich der Lobbyist aus seinem Stuhl, würdigte die Medienschaffenden keines Blickes mehr und verliess den Saal schnellen Schrittes. Die Presseverantwortlichen von Economiesuisse begründeten den abrupten Abgang mit einem «wichtigen Termin in Deutschland», den Wehrli wahrnehmen müsse. Es spricht unterdessen für Vizepräsident Hess, dass dieser zumindest «unterschiedliche strategische Auffassungen» zwischen Gentinetta und Wehrli einräumte. 

 «Frau Fraefel hat Fehler zu verantworten»

Derweil verkam die Debatte um Ursula Fraefel zu einer Demontage, obwohl sich Präsident Wehrli darum bemühte, die Kampagnen- und Kommunikationsverantwortliche aus der Schusslinie zu nehmen. Im Gespräch mit handelszeitung.ch sandte Hess denn auch eine unmissverständliche Botschaft aus: «Selbstverständlich hat Frau Fraefel Fehler zu verantworten.» Und weiter: «Wenn Sie in der Lage und auch gewillt ist, die neue strategische Ausrichtung von Economiesuisse mitzutragen - insbesondere in der Frage der Kommunikation - dann ist Frau Fraefel bei uns hochwillkommen. Wenn sie die Veränderungen nicht mittragen will, wird sie sich wahrscheinlich verändern müssen.» Vertrauen und Rückhalt Mitarbeitenden gegenüber sieht anders aus. 

Aller verletzten Eitelkeiten, Machtkämpfen und Intrigen zum Trotz ist Economiesuisse aufgerufen, sich aufzurappeln und die vakanten Stellen mit charismatischen Köpfen neu zu besetzen. Ansonsten steht der Wirtschaftsdachverband im Kampf gegen die «1:12-Initiative» der Jungsozialisten und der «Mindestlohn-Initiative» der Gewerkschaften kraft- und führungslos da - mit womöglich fatalen Folgen für den Wirtschaftsstandort Schweiz. 

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