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Führungswechsel
Economiesuisse will einen Direktor mit Charisma

Pascal Gentinetta: Monate nach der Abzocker-Initiative reichte er den Rücktritt ein. (Bild: Keystone)

Economiesuisse sucht nach wie vor nach einem neuen Direktor. Insider beteuern aber, einen Manager mit Rang und Namen anwerben zu wollen - und erklären, weshalb Pascal Gentinetta das Handtuch warf.

Von Vasilije Mustur
am 27.08.2013

Rolf Soiron hat es geschafft: Dem Doyen der Schweizer Wirtschaft und Economiesuisse-Vorstandsmitglied ist es gelungen, der Öffentlichkeit mit Heinz Karrer einen neuen Präsidenten mit Polit- und Wirtschaftserfahrung zu präsentieren.  

Allerdings ist das Führungsgremium des einst so mächtigen Wirtschaftsdachverbandes damit noch nicht komplett. Eingeweihte berichten denn auch, dass der Lobbyingverband nach wie vor nach einem geeigneten Direktor sucht.

Aber wie sieht das Anforderungsprofil für den Nachfolger von Pascal Gentinetta aus? «Economiesuisse setzt mit der Wahl von Heinz Karrer alles auf den Axpo-Chef», erklärt eine dem Wirtschaftsdachverband nahestehende Person.

Gerade weil Heinz Karrer ein wirtschaftspolitisches Schwergewicht sei, brauche Economiesuisse keinen charismatischen Direktor. «Der neue Direktor wird wohl eine Art Generalsekretär», sagt der Insider zu handelszeitung.ch. 

Direktor soll Economiesuisse ein Gesicht geben

Dieser Darstellung widersprechen mehrere Vorstandsmitglieder vehement. «Diese Theorie würde implizieren, dass sich Heinz Karrer künftig in das operative Geschäft einmischen wird – und das wollen wir aber nicht», sagt einer der involvierten Personen. 

Zudem kennt der Insider laut eigenen Angaben das Anforderungsprofil für den neuen Direktor – und daraus ging hervor, «dass Economiesuisse nach einem Direktor mit Format sucht». Eine weitere Quelle bestätigt diesen Sachverhalt und spricht davon, dass der Kopf der Geschäftsleitung «das Gesicht des Dachverbandes verkörpern» solle und innerhalb des Verbandes eine aktive Rolle einnimmt.

Ausserdem müsse der Nachfolger des zurückgetretenen Pascal Gentinetta unternehmerische Fähigkeiten mitbringen und über ein Netzwerk in Politik und Wirtschaft verfügen.

So geeint trat der Economiesuisse-Vorstand in den vergangenen Monaten nicht auf – im Gegenteil: Vielmehr gelang es dem Schaffhauser Unternehmer und Ständerat Thomas Minder mit der «Abzocker-Initiative» Economiesuisse aus der Balance zu bringen. «Bereits im Sommer 2012 lagen uns detaillierte Umfragewerte vor, die zeigten, dass die Abstimmung nicht zu gewinnen ist», berichtet eine damals innerhalb des Verbandes mit der Aufgabe betraute Person im Gespräch mit handelszeitung.ch. 

Economiesuisse torpedierte sich selbst

Das hinderte eine Mehrheit des Vorstandes nicht daran, sich für eine grossangelegte Abstimmungskampagne gegen die «Abzocker-Initiative» auszusprechen – in der Hoffnung, das Ruder in letzter Minute herumreissen zu können. Wie sich rückblickend herausgestellt hat, sollte sich der Dachverband mit dieser Strategie besonders in kommunikativer Hinsicht selbst torpedieren – und den Startschuss dafür gab die von Economiesuisse mit der Kampagne betrauten Werbeagentur. 

Diese bezahlte Studenten dafür, mittels anonymen Leserkommentaren auf Onlineportalen für den unbeliebten indirekten Gegenvorschlag zu werben. Wie wenn das aber nicht schon genug gewesen wäre, sorgte der geplante Abstimmungsfilm von Regisseur Michael Steiner unter dem Titel «Grounding 2026» für Unverständnis. Eine zuverlässige Quelle sagt zu diesen Zwischenfällen. «Spätestens da war uns klar, dass die Abstimmung nicht mehr zu gewinnen war». 

Vasella sorgte für die Niederlage

Das Resultat: Economiesuisse-Direktor Pascal Gentinetta und Kommunikationschefin Ursula Fraefel hielten an der umstrittenen Werbeagentur fest. Der Film aber, der mit den Ängsten der Bevölkerung spielte, wurde hingegen aus dem Verkehr gezogen. 

Den eigentlichen «Sargnagel» für die gescheiterte Abstimmungskampagne lieferte daraufhin Daniel Vasella mit seiner Abgangsentschädigung in Höhe von 72 Millionen Franken. Obwohl eine gut unterrichtete Quelle berichtet, dass der «Abstimmungskampf nach der Abgangsentschädigung von Vasella genauso gut hätte eingestellt werden können», wurde Präsident Rudolf Wehrli auf seiner Mexiko-Reise mit Johann Schneider-Ammann dazu gedrängt, Stellung zu beziehen. 

Tatsächlich glänzte Wehrli im Abstimmungskampf durch Abwesenheit – und legte darüber hinaus, lediglich drei Tage nach der Niederlage an der Urne, im Schweizer Fernsehen einen unvorbereiteten und uneinsichtigen Auftritt hin. Auf dem «heissen Stuhl» der «Rundschau» drohte der Economiesuisse-Präsident, dass einige Firmen dem Wirtschaftsstandort Schweiz demnächst den Rücken kehren könnten. 

Rudolf Wehrli verweigerte Medientraining

Wie ein Insider berichtet, war dieser Auftritt nicht zu verhindern gewesen. «Wehrli wurde mehrfach nahegelegt, ein Medientraining zu absolvieren – er fand dafür aber nie Zeit.» Nicht einmal das wenige Tage später erschienene Interview mit der «NZZ», in welchem Wehrli die Wogen zu glätten versuchte, wirkte. Der Flurschaden war angerichtet. Der Richtungsstreit vollends entbrannt. 

In dieser Debatte um die zukünftige strategische Ausrichtung setzte sich dann die Meinung durch, in Zukunft «bescheidener», «glaubwürdiger» und «zurückhaltender» agieren zu wollen. Im Klartext: Economiesuisse entschied sich, den Häuserkampf, wie bei der kommenden «1:12-Initiative» den einzelnen Branchenverbänden zu überlassen. Eine Lehre aus der empfindlichen Niederlage der «Abzocker-Initiative». 

Wie Recherchen von handelszeitung.ch zeigen, konnte sich Gentinetta damit nicht anfreunden. Dem Vernehmen nach fürchtete der ehemalige Direktor, dass mit der neuen Strategie der Verband seine Existenzberechtigung verlöre. Zudem drängte Gentinetta darauf, offensiv in die Debatte um die «1:12»- und Mindestlohn-Initiative einzugreifen. Er unterlag mit seiner Meinung und trat zurück. 

Die Chancen von Rudolf Minsch sind intakt

Derweil hütet Economiesuisse die Namen der Kandidaten für das Direktorenamt wie ein Staatsgeheimnis. Es dringt lediglich die Nachricht nach aussen, dass die Chancen von Interimsdirektor Rudolf Minsch intakt seien.

In den Augen von Bernhard Bauhofer spielt der Name und die Aufgabenteilung aber keine Rolle. «Der Direktor sollte eine gut vernetzte und glaubwürdige Persönlichkeit sein, welche die angeschlagene Reputation des Verbandes verbessert», sagt der Zürcher Headhunter. Überdies steht die «Integrität und Zurückhaltung im Vordergrund - Tugenden, welche der Verband in der Vergangenheit vermissen liess». 

Angesichts dieses Anforderungsprofils würde sich Bauhofer eine «Frau im Kaliber von Monika Ribar» wünschen. 

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