Rolf Soiron ist nicht zu beneiden: Der Präsident des Zementherstellers Holcim und Doyen der Schweizer Wirtschaft kommt die undankbare Aufgabe zuteil, innert dreier Monate gleich zwei erfahrene Führungspersönlichkeiten für Economiesuisse gewinnen zu müssen. Der Königsmacher selbst stellte in einem Interview mit handelszeitung.ch im März unmissverständlich klar, für das Amt des Economiesuisse-Präsidenten nicht zur Verfügung zu stehen - und zur Nachfolgeregelung mag er sich jetzt auch nicht äussern.

Das Schweigen ändert nichts an der Tatsache, dass sich die Suche nach dem neuen Superman bei Economiesuisse schwierig gestalten dürfte. Selbst im Verband glaubt niemand so richtig, dass das Ziel - den neuen Präsidenten und Direktor bis Ende August der Öffentlichkeit vorstellen zu können - eingehalten werden kann. Dies erklären mehrere Insider gegenüber handelszeitung.ch.

Sommerferien sind ein Problem

Tatsächlich beginnen schon bald die Sommerferien. «Potenzielle Nachfolger sind in dieser Zeit schwierig zu erreichen. Können Sie mir erklären, wie wir mit einem Kandidaten verhandeln und uns daraufhin bis Ende August einigen sollen», fragen gleich zwei Insider.

Abgesehen vom vorhandenen Imageproblem des Lobbyingverbandes führen Eingeweihte zudem ins Feld, dass der scheidende Präsident Rudolf Wehrli Economiesuisse mit seinem vorzeitigen Abgang einen Bärendienst erwiesen habe. So sei es einem möglichen Nachfolger nur schwer zu vermitteln, die Stelle als Direktor anzutreten, ohne zu wissen, wer in Zukunft sein direkter Vorgesetzter sein wird.

Hess und Spuhler wollen nicht

Darüber hinaus besteht dem Vernehmen nach kein Konsens darüber, welche Fähigkeiten der neue Economiesuisse-Präsident mitbringen muss. Während eine Gruppe von Vorstandsmitgliedern einen Unternehmer mit politischer Erfahrung wünscht, vertritt Hans Hess im Interview mit handelszeitung.ch die Mehrheitsmeinung: «Er muss in der Schweizer Wirtschaft gut verankert sein, damit er deren Bedürfnisse verstehen und diese der Politik verständlich erklären kann».

Eine Persönlichkeit, welche diese Kriterien erfüllen würde, ist Peter Spuhler. Der Stadler-Rail-Chef und einstige SVP-Nationalrat steht indes nicht zur Verfügung. Kein Wunder, legte er doch Ende 2012 aus Zeitgründen sein Nationalratsmandat nieder, um sich vermehrt seinem Unternehmen widmen zu können. Auch Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt soll Informationen von handelszeitung.ch zufolge für das Präsidenten-Amt nicht zur Verfügung stehen. 

«Hohe Flexibilität»

Nicht einmal Economiesuisse-Vizepräsident Hans Hess bietet Hand für eine Lösung, weil der Swissmem-Präsident der Industrie nicht den Rücken kehren will. «Der neue Präsident muss bereit sein, mindestens 50 Prozent seiner Zeit und Kraft in die Arbeit bei Economiesuisse zu investieren - und dies mit einer hohen Flexibilität». Obwohl sich Insider Hans Hess als neuen starken Mann bei Economiesuisse wünschen würden, wird diese Argumentation verstanden. «Es ist nicht zielführend, einen Kandidaten von A nach B zu verschieben, um dann an der alten Wirkungsstätte eine Lücke zu hinterlassen», erklärt eine eingeweihte Person. 

Damit der Absagen aber nicht genug: Swisscom bestätigt gegenüber handelszeitung.ch, dass Economiesuisse den Präsidenten des Telekommunikationskonzern offiziell angefragt habe, um den freiwerdenden Posten von Rudolf Wehrli zu beerben. Das Resultat: Loosli lehnte dankend ab. 

Somit bleibt nach den Absagen von Soiron, Spuhler, Vogt, Hess und Loosli lediglich Ruth Metzler als Spitzenkandidatin übrig. Die Alt Bundesrätin war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Allerdings berichten Stimmen aus Wirtschaft und Politik, welche der 49-jährigen wohlgesinnt sind, dass sie «die logische Wahl» für das Präsidentenamt beim Wirtschaftsdachverband sei.

Ruth Metzler steigt zur Kronfavoritin auf

Economiesuisse brauche insbesondere nach der Abstimmungsniederlage bei der «Abzocker-Initiative» eine Persönlichkeit, welche «die Nähe zur Politik wiederherstellen» und «neue Allianzen» schmieden könne. Noch ist nichts offiziell. Offenbar sollen aber in Bälde erste Sonderiungsgespräche stattfinden. «Ruth Metzler ist jedoch keine Person, die sich an medialen Planspielen beteiligen will» heisst es lediglich. 

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