Die Situation ist im Grunde schizophren. Draussen, vor den Toren der Schweiz, tobt eine Krise, die den Euro-Raum vor existenzielle Fragen stellt. Die Arbeitslosigkeit schnellt in die Höhe, die Wirtschaftsleistung nimmt dramatisch ab, die Schuldenlast ist horrend. In der Schweiz dagegen trotzt die Volkswirtschaft der Rezession und verblüfft mit soliden Wachstumsraten. Und was passiert im Haus der Wirtschaft?

Anstatt dass sich Economiesuisse über diese Erfolge freut und die wirtschaftspolitischen Weichenstellungen vorbereitet, setzt sie sich gleich selber in Brand. Sie verzettelte sich nach der schallenden Ohrfeige durch die Abzocker-Initiative in derartige Führungskonflikte und Intrigen, dass mit dem Abgang des Präsidenten Rudolf Wehrli und des Direktors Pascal Geninetta ein Neuanfang geplant ist.

Economiesuisse leidet jedoch nicht nur an einer Führungsschwäche, sondern – schlimmer noch – an einem Glaubwürdigkeitsproblem und einer verzerrten Wahrnehmung. Vor genau einem Jahr setzte der Verband grosse Hoffnungen in den neuen Präsidenten Wehrli.

Durch seine Erfahrung werde er auf ideale Weise die Brückenfunktion des Dachverbands zwischen Finanz- und Werkplatz weiter ausbauen und die Gesamtwirtschaft gegenüber Politik und Öffentlichkeit glaubhaft vertreten, hiess es. Das blieb jedoch ein frommer Wunsch. Dem studierten Theologen gelang es nie, Akzente zu setzen. Er scheute die direkte Konfrontation mit Minder, was ihm viele übel nahmen. Lieber philosophierte er über Nachhaltigkeit.

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Es fehlt an Bodenhaftung und Realitätssinn

Dabei war schon damals klar, dass zwischen der Wirtschaft und der Gesellschaft ein Graben klafft, namentlich zwischen der Finanzwirtschaft und dem Werkplatz. Die breite Öffentlichkeit, darunter die allermeisten KMU und Firmenchefs, akzeptiert die Entkoppelung eines Teils der Wirtschaftselite und der Grosskonzerne von der Realität längst nicht mehr.

Die hitzigen Diskussionen um exorbitante Saläre und Superboni drücken diese weitverbreitete Malaise aus. Dass der lange Zeit in der Schweiz geltende Sozialvertrag zwischen Wirtschaft und Gesellschaft ernsthaft in Gefahr ist, blendete Economiesuisse fatalerweise aus.

Das muss sich dringend ändern. Die neue Führungsspitze braucht deutlich mehr Bodenhaftung und Realitätssinn. Sonst gefährdet ausgerechnet der Wirtschaftsdachverband die Wettbewerbsfähigkeit und den Wohlstand des Landes. Denn die grossen Debatten um die optimalen Rahmenbedingungen, zu denen Mindestlöhne, 1:12 oder Sozialwerke gehören, stehen erst noch an – und die Begehrlichkeiten werden nicht kleiner.