Der Migros-Industrie-Chef Walter Huber steht vor der grossen Fensterfront in seinem Büro. Vom 19. Stock im Migros-Hochhaus am Zürcher Limmatplatz hat er den Überblick – zumindest in Richtung Norden. Von dort droht Gefahr. Die deutsche Edeka will einen Lieferservice für Wirte und Hoteliers in der Schweiz anbieten. Sie dringt damit ausgerechnet in das Wachstumsfeld, das Huber für sein Departement ausgemacht hat.

Offiziell gibt man sich gelassen. Doch hinter den Kulissen hat Edekas Ankündigung für Aufregung gesorgt. Händler befürchten, dass sich die deutsche Offensive in die Schweiz ähnlich auswirken könnte wie jene der Harddiscounter Aldi und Lidl. Diese pflügten den Schweizer Detailhandel um.

Edekas Schweizer Pläne überraschen nicht, denn der Grossverbrauchermarkt wird auf 6 bis 10 Milliarden Franken geschätzt. Bisher dominierten ihn die beiden Platzhirsche Migros und Coop (siehe unten). Edeka will nun ein Stück des lukrativen Kuchens für sich abschneiden und ist bei den krisengeschüttelten Wirten und Hoteliers willkommen. Beide leiden unter Umsatzschwund und Kostendruck. Letztes Jahr sanken die Umsätze um 6 bis 7 Prozent, wie der Branchenverband Gastrosuisse angibt. Billiger einkaufen ist für die Wirte deshalb eine Antwort auf die Krise und den starken Franken.

Darauf baut Edeka. «Der Hauptgrund für unsere Offensive ist die Nachfrage von Schweizer Gastwirten und Hoteliers», sagt Edeka-Sprecher Christhard Deutscher. Der Firmenteil Südwest will von Deutschland aus den Schweizer Markt erobern. Er bietet rund tausend Artikel. Darunter befinden sich wegen den rigiden Zollbestimmungen keine Frischprodukte, sondern Konserven, Spirituosen und Süsswaren. Das Offenburger Unternehmen will für seine helvetischen Kunden gleich auch noch die Zollformalitäten abwickeln. Ein eigenes Warenlager ist in der Schweiz nicht vorgesehen. «Wir können die Schweiz von Maulburg, Freiburg, Überlingen, Villingen oder Offenburg aus beliefern», erläutert der Edeka-Sprecher. Der deutsche Riese will in der ersten Hälfte dieses Jahres loslegen.

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Migros will zulegen

Migros-Industrie-Chef Huber sieht den Einfluss von Edeka noch als «eher gering» an. «Edeka betreibt das Geschäft von Deutschland aus und kann deshalb nur beschränkt Frischprodukte liefern.» Die Deutschen stossen aber ausgerechnet jetzt in einen Markt vor, in dem Huber zulegen will. Letztes Jahr setzte die Migros mit ihren Grossverbraucherkanälen 627 Millionen Franken um, gemäss Konzernangaben rund 10 Prozent des Grossverbrauchermarktes. Huber will das Geschäft forcieren. «Die Kombination aus Produktions- und Handelsbetrieben ermöglicht es uns, interessante Geschäftsmodelle für die Kunden zu entwickeln und so unsere Marktposition auszubauen», sagt er. «Wir können mit unserer dezentralen und integrierten Struktur innert Stundenfrist auf spezifische Kundenwünsche eingehen und haben damit einen Wettbewerbsvorteil zu Konkurrenten, die nicht so aufgestellt sind wie wir», ist er sicher.

Der Migros-Kanal Scana ist Marktführer im Zustell-Grosshandel (siehe Box). Im Bereich Abhol-Grosshandel ist Migros durch eine Beteiligung an CC Angehrn präsent, der laut Geschäftsleiter Martin Angehrn etwas unter 350 Millionen Franken umsetzt. «Die Preisvergünstigungen der letzten drei Jahre haben auf den Umsatz gedrückt», beklagt er sich – und meint zum Vorstoss von Edeka: «Wir nehmen jede Art von Wettbewerb ernst. Es zeigt sich, dass wir bei vielen Produkten gut konkurrenzfähig sind. Bei internationalen Markenartikeln bestehen, wie bekannt, teils markante Differenzen.» Er plant weitere Märkte in der Deutschschweiz. Ein bewilligtes Projekt besteht in Heimberg, im Berner Oberland.

Konservative Gastronomen

Coop will die Offensive von Edeka nicht kommentieren. Auch der Basler Händler sieht im Grossverbrauchermarkt Wachstumschancen «Aufgrund der demografischen Entwicklung ist der Grosshandel mit Altersheimen, Spitälern, Kantinen sowie den Kettenkunden, welche professionell mit Ware und Dienstleistungen versorgt sein wollen, ein Wachstumsmarkt», sagt Coop-Sprecherin Denise Stadler. Expandieren will Coop sowohl mit dem Belieferungsgrosshandel als auch mit Cash&Carry-Märkten. «In der Schweiz hat es noch Platz für fünf bis sieben Abholmärkte. Dabei wollen wir sowohl Prodega- als auch Growa-Märkte realisieren, zum Beispiel mit einem Markt in Genf.»

«Keine grosse Chance für den neuen Marktteilnehmer Edeka» sieht Top-CC-Chef Thomas Weilenman, der zu Spar gehört. «Gastronomen sind konservative Zeitgenossen, die zählen auf verlässliche Partnerschaften und sind treu», erklärt er. Zudem könne Edeka wegen der Handelshemmnisse keine Frischprodukte liefern. Top CC will im Grossverbrauchermarkt weiter zulegen. Letztes Jahr wurden zwei neue Cash&Carry-Märkte eröffnet. Top CC erzielt einen Umsatz von knapp 300 Millionen Franken. Diesen Herbst will Weilenmann in Kriens LU die Eröffnung des elften Marktes feiern.

Tiefere Preise, weitere Anbieter

Stark im Belieferungsgeschäft ist ferner Pistor. Der grösste Gemeinschafts­gastronom der Schweiz, die SV Group, zählt zu seinen Kunden. Für Unternehmenschef Markus Lötscher ist der Eintritt von Edeka schwierig abzuschätzen. «Es gibt sehr viele Unbekannte. Wie wollen sie mit diesem beschränkten Sortiment von 1000 Artikeln die Kundschaft befriedigen?» Er jedenfalls fühlt sich gewappnet. «Schliesslich hat Pistor 9000 Artikel im Sortiment.»

Experten beurteilen die Offensive aus Deutschland positiv. «Der Markteintritt von Edeka heizt den Konkurrenzkampf an und wird zu tieferen Preisen im Grossverbrauchermarkt führen», sagt Stephane Gard, Leiter Konsumgüter & Detailhandel von KPMG. Der Zeitpunkt sei angesichts des starken Frankens gut gewählt. Hote­liers und Gastronomen seien auf günstigere Produkte angewiesen. Gard erwartet, dass weitere Grossisten auf den Schweizer Markt drängen.

 

Markt Schweiz: Migros und Coop dominieren

Milliarden-Markt
Der Schweizer Markt wird auf 6 Milliarden bis 10 Milliarden Franken geschätzt. Genaue Zahlen ­fehlen. Die Migros schätzt den Gesamtumsatz auf circa 6 Milliarden Franken. Coop rechnet mit 10 Milliarden für den Abhol- und Belieferungs-Grosshandelsmarkt. Dabei setzen die Gastronomie und Hotellerie laut Coop 7 Milliarden Franken um, die Gemeinschaftsverpflegung wie Kantinen und Spitäler 1 Mil­liarde Franken und der Spezialgrosshandel wie Bäckereien, Take-away oder ­Kioske 2 Milliarden Franken.

Wenige Anbieter
Die grossen Player gehören Migros, Coop, Spar und Pistor. Die Migros setzte 2011 mit ihren eigenen Grossverbraucherkanälen 627 Millionen Franken um. Im Bereich Zustellungs-Grosshandel ist die Migros mit der 257 Millionen Franken grossen Scana Marktführer. Scana beliefert Restaurants, Spitäler und Hotels mit Lebensmitteln, Getränken und Produkten wie Reinigungsmittel. Der ­Abhol-Grossmarkt CC Angehrn, an dem die Migros zu 30 Prozent beteiligt ist, setzte 2011 mit neuen Stand­orten etwas unter 350 Millonen Franken um. Transgourmet Schweiz, die zur Coop-Gruppe gehört, ist mit ­Prodega/Growa Marktführerin im ­Abhol-Grosshandel. Die Umsätze des letzten Jahres sind noch nicht bekannt. 2010 hat Prodega/Growa 1,2 Milliarden Franken umgesetzt. Howeg, die ebenfalls zu Transgourmet gehört, erzielte einen Umsatz von 340 Millionen Franken. Die Innerschweizer Pistor setzte 2010 549 Millionen Franken um. Der Ostschweizer Händler Spar hat mit den Abholmärkten Top CC letztes Jahr 297 Millionen Franken Umsatz erwirtschaftet.

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Die Neue
Edeka ist nach Rewe und ­Metro die Nummer drei im Abhol- und Belieferungs-Grosshandel in Deutschland. Der Umsatz der Edeka-Gruppe beträgt 43,5 Milliarden Euro. Edeka Südwest mit 6,7 Milliarden Euro Umsatz will nun den Schweizer Markt erobern.