Der Goldpreis ist am 28. September (mit Lieferung im Dezember) im New Yorker Handel auf 740 Dollar pro Unze geklettert. Um vergleichbare Kurse zu finden, muss man bis 1980 zurückblättern: Am 21. Januar notierte Gold damals bei 850 Dollar. Allerdings wird unter Experten debattiert, ob bei diesem Kurs überhaupt Gold gehandelt wurde. Schliesst man also diesen Wert aus und stellt auf Monatswerte ab, ist Gold bald auf dem höchsten je bezahlten Niveau.

Als Ursache der Hausse im Gold wird in nahezu allen Marktberichten die Schwäche des Dollar (siehe dazu Seite 41) erwähnt. Sicher ist es gegenwärtig so, dass die Regel gilt, «je schwächer der Dollar, desto fester das Gold». Um nun die Aussichten für den Goldpreis auszuloten, muss der Faden über die Dollarbaisse hinaus weiter gesponnen werden.

Gold gewinnt gegen jeden

Es fällt auf, dass Gold seit Jahresbeginn gegenüber allen wichtigen Währungen gewonnen hat. Gegenüber dem Franken 12,90%, dem Euro 8,39% und gegenüber dem Yen 13,64%. Seit Januar 2005 konnte Gold gegenüber dem Franken 75%, dem Euro 64,71%, dem Yen 95,45% und dem Dollar 71,43% zulegen. Sogar in den Rohstoffwährungen australischer (+50%) und kanadischer Dollar (+41,8%) gerechnet, zeigt Gold eine eindrückliche Performance. Das lässt darauf schliessen, dass die Dollarschwäche nur Ausdruck eines tieferliegenden Problems ist. Der Kern der Dollarbaisse und damit implizit der Goldhausse liegt in den Turbulenzen an den Kreditmärkten.
Diese Schwierigkeiten haben ihre Ursachen wiederum in der früheren Tiefzinspolitik der Notenbanken. In den letzten Monaten haben sich die Spannungen an den Kreditmärkten verschärft. Das hat die Notenbanken weltweit dazu veranlasst, Geld in das System zu pumpen. Die Risiken für die Finanzmärkte sind derart gestiegen, dass die US-Notenbank am 18. September gezwungen war, die Leitzinsen 50 Basispunkte auf 4,75% zu senken. Die Europäische Notenbank (EZB) hat ihrerseits im September auf eine praktisch schon angekündigte Zinserhöhung verzichtet. Die Notenbanken mussten die Kursänderung vornehmen, obwohl sie die Geldpolitik noch nicht so weit gestrafft hatten, um aus ihrer Sicht sicherzustellen, dass die inflationären Risiken unter Kontrolle sind. Die Botschaft an die Finanzmärkte war klar: Kommt es im Finanzsystem zu Problemen, werden im Zweifelsfalle grössere inflationäre Risiken in Kauf genommen.
Da das Epizentrum der Turbulenzen an den Kreditmärkten in den USA liegt und die Fed die Zinsen massiv reduziert hat, ist der Dollar schwach geworden. Nun wird dieser zum Problem. Und die Lösung dieses Problems kann durchaus wieder inflationäre Gefahren in sich bergen, die dem Goldpreis weiteren Auftrieb geben. Droht der Dollar in den freien Fall überzugehen, könnten sich die Notenbanken ausserhalb der USA gezwungen sehen, ihrerseits die Geldpolitik zu lockern, um dem Dollar beizustehen. Damit hätten Kettenreaktionen an den Finanzmärkten das Diktat über die Geldpolitik übernommen.

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Bullish auf Gold

Eine Konstellation, die für die längerfristigen Aussichten des Goldpreises aussichtsreich ist. Und dies nicht nur gegenüber dem Dollar. Kurzfristig allerdings ist Gold überkauft. An der New York Mercantile Exchange ist per 28. September die Zahl der offenen Positionen in den Goldfutures auf den absoluten Höchststand von 443765 Kontrakten gestiegen. Die Credit Suisse weist zudem in ihrem wöchentlichen Bericht zu den Rohstoffmärkten darauf hin, dass die spekulativen Netto-Longpositionen mittlerweile ein Mehrjahreshöchst erreicht hätten.
Insgesamt ist die Stimmung für Gold sehr optimistisch geworden. Bei einer am 27. und 28. September von Bloomberg durchgeführten Umfrage haben 17 der befragten Händler, Analysten und Investoren zum Kauf von Gold geraten. Unter solchen Bedingungen sind Korrekturen sehr wohl möglich. Im Zuge einer solchen Bewegung kann Gold bis auf 680 Dollar pro Unze zurückfallen. Hält Gold hier, dann ist das der Test einer Dreiecksformation, aus der es zuvor nach oben ausgebrochen ist. Das bedeutet, dass sehr wahrscheinlich eine weitere Aufwärtswelle im Gold ansteht. Diese dürfte dann Gold bis 810 Dollar pro Unze treiben. Der Schub könnte dann von einer verstärkten Nachfrage seitens institutioneller Anleger ausgehen.
Im Bericht zum Goldmarkt im 2. Quartal 2007 des World Gold Councils wird konstatiert, dass die Nachfrage institutioneller Anleger der schwache Punkt im 2. Quartal gewesen sei. Hingegen seien Privatpersonen als starke Käufer aufgetreten. Mit 132,9 t war die Nachfrage gegenüber dem 1. Quartal 2006 51% höher. Eine Erklärung dürfte sein, dass die im 2. Quartal einsetzenden Probleme in den Kreditmärkten zu Liquidiätsengpässen bei Hedge-Fonds und Vehikeln, die mit kreditfinanzierten Positionen operierten, geführt haben. Um nun an flüssige Mittel heranzukommen, haben diese Anleger dann wahrscheinlich Goldpositionen liquidiert.
Dass die institutionellen Anleger möglicherweise im Gold noch unterinvestiert sind, mag mit einer gewissen Skepsis gegenüber dem aktuellen Preisniveau und dem fehlenden Glauben an das Potenzial von Gold zu tun haben. So schreibt die Rohstoffökonomin der Deka Bank, Dora Borbély, in der Oktoberausgabe des Kapitalmarktberichtes, man sehe den Anstieg des Goldes «als Übertreibung» an. Preisniveaus über 700 Dollar pro Unze hält sie mittelfris-tig für wenig wahrscheinlich.

Vorsichtige Analystenschätzung

Etwas zuversichtlicher ist man bei der Credit Suisse. Auf drei Monate prognostizieren ihre Rohstoffexperten einen Goldpreis zwischen 690 und 740 Dollar pro Unze. In zwölf Monaten soll Gold zwischen 730 und 770 Dollar notieren. Bei aktuellen Kursen von um die 743 Dollar wäre das Potenzial von Gold somit aus der Sicht von Credit Suisse praktisch erschöpft.