Manche Kommentatoren fabulieren von einer Zwangsübernahme durch die noch immer deutlich kleinere Credit Suisse, andere fantasieren sogar von einer Kapitalschmelze der noch immer überdurchschnittlich finanzierten Grossbank bis hin zum Konkurs. Die Volksseele erzürnt sich über horrende Bonuszahlungen trotz Rekordverlust, wettert gegen die geplante Kapitalerhöhung und fordert den Kopf von Konzernlenker Marcel Ospel. Gewiss, die UBS-Spitze hat sich bis auf die Knochen blamiert. Doch so verständlich die Entrüstung auch ist, gerade in diesen schicksalhaften Tagen ist kühle Analyse mehr denn je gefragt. Denn niemand kann eine weitere Schwächung der Ikone des Schweizer Finanzplatzes wollen.

Zu den Bonuszahlungen: Es erscheint in der Tat wenig verständlich, dass eine Bank über vier Milliarden Franken Verlust einfährt und dennoch mehr als acht Milliarden Boni ausschüttet. Doch was ist die Alternative? Die UBS ist die weltgrösste Vermögensverwaltungsbank. Wenn sie in ihrem Schlüsselbereich die noch immer heiss umworbenen Kundenberater nicht angemessen bezahlt, ziehen diese schnell zur Konkurrenz, und das wäre für den Unternehmenswert fatal. Und die Investment Bankers, die nicht an den Verlusten beteiligt waren? Natürlich könnte man auch ihnen im grossen Stil den Bonus kürzen. Der Exodus dieser Söldner, der angesichts des drastischen Reputationsverlusts ohnehin einsetzen wird, würde dadurch verstärkt. Noch ist jedoch unklar, welche Rolle dieser Bereich nach der Krise spielen soll – vom Status quo bis zum Verkauf scheint alles möglich. Fakt ist allerdings: Selbst für den – unwahrscheinlichen – Fall eines Verkaufs wäre eine schleichende Absetzbewegung der besten Mitarbeiter Gift, denn sie würde den Verkaufspreis mindern. Und wenn die UBS in diesem Geschäft bleiben will, muss sie ihre Top-Leute halten.

Zur Kapitalerhöhung: Kleinaktionäre und Aktionärsvereinigungen wie Actares oder Profond nutzen mit ihrem Nein die Chance zur Profilierung und geniessen die TV-Aufmerksamkeit. Doch wer sich nicht von Eigennutz, sondern vom Unternehmenswohl leiten lässt, dem bleibt keine Wahl, als der Kapitalerhöhung und dem neuen Grossaktionär GIC aus Singapur zuzustimmen. Eine Geldspritze von 13 Milliarden Franken wäre in der Tat mit dem bisherigen Aktionariat kaum in der gebotenen Geschwindigkeit zu gewährleisten. Gewiss, die bisherigen Aktionäre erleiden eine Verwässerung, weil sie den Gewinn mit mehr Aktionären teilen müssen. Wie fragwürdig die Argumentation der Kritiker jedoch ist, zeigt sich an der Kursentwicklung: Die UBS-Papiere sind zuletzt mehrfach unter 45 Franken gefallen, und wer immer sich benachteiligt fühlte, konnte die Aktie zu einem tieferen Preis kaufen als der neue Investor aus Singapur. Der muss – wenn auch erst in zwei Jahren – mindestens 51.48 Franken bezahlen.

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Und schliesslich zum Verbleib von Ospel: Es ist auffällig, wie demonstrativ sich der gesamte Verwaltungsrat hinter den Präsidenten schart. Also sollte das gesamte Gremium auch an seinem Aufräumjob gemessen werden, zumal ein neuer Präsident während der jetzigen Turbulenzen eher Last als Hilfe wäre. Dass hinterher auch ein personeller Neuanfang stehen muss, scheint unausweichlich. Eines zumindest stimmt zuversichtlich (siehe unsere Titelgeschichte ab Seite 50): Das UBS-VR-Mitglied Peter Spuhler kauft UBS-Aktien, weil er die Papiere für unterbewertet hält.

Dirk Schütz, Chefredaktor BILANZ