Für Gérald und Patricia Besse ist 2009 ein besonderes Jahr. Vor 30 Jahren kauften sie ihre erste Rebparzelle, und vor 25 Jahren kelterten sie in einer umgebauten Scheune erstmals ihre eigenen Weine. 20000 Flaschen füllten sie ab.

Gérald und Patricia Besse hatten bei null begonnen. Keiner von beiden besass familieneigene Reben, die einen sanften Einstieg in den Winzerberuf ermöglicht hätten. Doch Gérald Besse hatte in seinem Grossvater Clément Besse ein Vorbild, der in Plan-Cerisier oberhalb von Martigny-Croix seine eigenen Reben kultivierte. «Er hat in mir die Liebe zum Weinbau geweckt. Obwohl ich mich zunächst beruflich anderes orientiert hatte, war für mich bald klar, dass ich Winzer werden wollte», erinnert er sich.

Schritt für Schritt ausgebaut

Nachdem der Einstieg trotz der 1980er-Krisenjahre im Walliser Weinbau geglückt war, gelang es den beiden in der Folge, ihr kleines Gut Schritt für Schritt um neue erstklassige Reblagen zu erweitern, darunter auch die historische Domaine St-Théodule und die Rebparzellen von Grossvater Clément. Aus den Trauben der Marsanne-blanche-Stöcke, die dieser 1947 gepflanzt hatte, keltert Besse seinen grandiosen Ermitage Vieille Vigne (im Wallis wird die aus den Côtes du Rhône stammende Marsanne blanche Ermitage genannt). Heute bewirtschaften die Besse mit ihren zehn Mitarbeitern knapp 18 ha nach Süden bzw. Südosten ausgerichtete Weinberge. 14 Rebsorten gedeihen auf den steilen, durch Trockensteinmauern gestützten Rebhängen.

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Im Keller verwandelt sie Gérald Besse virtuos in nicht weniger als 25 eigenständige und ausdrucksstarke Weine. «Das ist zwar ein bisschen verrückt, aber das hat im Wallis Tradition. Und zudem macht es den Winzerberuf noch interessanter, als er schon ist», kommentiert Besse lachend.

Bei der Besichtigung der Kellerei im Weiler Les Rappes und der verschiedenen Reblagen wird deutlich. «Die Reben sind die Visitenkarte eines Winzers», meint Besse: «Wer im Rebberg nicht sorgfältig und konsequent arbeitet, wird nie einen guten Wein keltern.» Man muss die Weinberge oberhalb von Martigny gesehen haben, um einen realistischen Eindruck zu erhalten von der mitunter schwindelerregenden Steilheit und von der mühseligen, harten Rebbergsarbeit, bei der kaum Maschinen verwendet werden können.

Meterhohe Trockensteinmauern

Wer solch ebenso aussergewöhnliche wie schwierig zu kultivierende Terrassenreblagen besitzt, wer zudem viel Arbeit und Geld in Unterhalt und Erneuerung der teils meterhohen Trockensteinmauern steckt, kann einfach nicht weniger wollen, als allerbeste Traubenqualität zu erzeugen.

Und genau das hat Besse von Anfang an getan. Schon 1982 stellte er als einer der Pioniere der Integrierten Produktion auf eine naturnahe, schonende Bewirtschaftung seiner Reben um. Doch damit nicht genug: Da das Terroir, zu dem neben dem Mikroklima und der Lage auch die Beschaffenheit der Böden gehört, die Wachstumsbedingungen der Reben und die Aromatik der Trauben entscheidend beeinflusst, liess er 1997 die Böden aller seiner Reblagen von einem Spezialisten untersuchen. Aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse bestockte er 6 ha neu mit jeweils passenden Spezialitäten wie Petite Arvine, Païen (Savagnin blanc), Cornalin und Syrah.

Keine Winemaker-Konstrukte

Das Resultat der sorgfältigen Rebbergpflege und der konsequenten Mengenregulierung, zu der auch die «grüne Lese» im Juli gehört, ist eine überzeugende Palette von ausdrucksstarken, terroirgeprägten Gewächsen. Seine Weine sind keine Winemaker-Konstrukte, sondern die beeindruckende Quintessenz dessen, was in den geernteten Trauben der jeweiligen Lagen steckt. So füllt Besse drei Fendants und drei Gamays ab, von denen jeder einen eigenständigen Charakter hat und die all jenen, die mit diesen beiden Weintypen nichts anderes als schlechte Erinnerungen in Verbindung bringen, eine Offenbarung sein können. Dies gilt notabene auch für die aus «nobleren» Sorten erzeugten Kreszenzen: Johannisberg (Sylvaner), Petite Arvine, Païen, Ermitage, Malvoisie (Pinot gris) bei den weissen, Pinot noir, Merlot, Diolinoir, Cornalin und Syrah bei den roten Varietäten. Allen Weinen - ob im Stahltank oder wie jene der Linie Les Sérpentines im kleinen Fass ausgebaut - ist eine solide Struktur, grazile Eleganz und eine lebendige, perfekt eingebaute Säure eigen, die sie zu wunderbaren Essenbegleitern machen.

Zudem sind die trockenen Weine (Besse keltert auch drei sortenreine edelsüsse Elixiere: Je einen Ermitage, Malvoisie und Petite Arvine) auch wirklich durchgegoren und enthalten nicht jenes kitschige Quantum Restsüsse, mit dem neuerdings nicht wenige Winzer ihre Erzeugnisse modisch aufzupeppen versuchen. «Mein Ziel ist es, in allen meinen Weinen ein Gleichgewicht zwischen Frucht, Alkohol und Struktur zu finden», fasst Besse zusammen.