Mit mehreren Pipelines soll künftig Gas aus dem kaspischen Raum ins energiehungrige Europa geleitet werden. Drei der Pipeline-Projekte stehen in direkter Konkurrenz: Das Grossvorhaben Nabucco, an dem mehrere EU-Länder beteiligt sind, sowie die kleineren Projekte ITGI (Italien/Griechenland) und Tap, das Vorhaben des Schweizer Stromkonzerns EGL und des norwegischen Partners StatoilHydro.

Ursprünglich hiess es, dass der Investitionsentscheid für die Pipeline Ende dieses Jahr oder im nächsten Jahr kommen soll. Doch jetzt ist dieser Termin verschoben worden: «Der Investitionsentscheid wird erst Ende 2012 fallen», sagt Markus Brokhof, Geschäftsleitungsmitglied der EGL und Leiter des Geschäftsbereichs Gas Supply - zwei Jahre später als ursprünglich geplant. «Wir haben zu Beginn des Projekts nicht gewusst, dass die ganzen geopolitischen Herausforderungen so komplex werden», begründet Brokhof die Verschiebung des Investitionsentscheides. Als weiteren Grund für die Verzögerung nennt Brokhof Lieferschwierigkeiten Aserbaidschans, wo das für die Pipeline bestimmte Gas der Statoil erst ab 2015 fliessen wird. Durch die EGL-Pipeline soll Gas aus Iran nach Italien fliessen; dieses stammt aus einem Liefervertrag, den die EGL im März 2008 mit Iran abgeschlossen hat. In den Medien erregte dieser Vertrag aufsehen, weil Aussenministerin Micheline Calmy-Rey für ihn nach Iran reiste und ein Kopftuch umlegte.

Haupthindernis sind die politischen Verwicklungen rund um die künftige Gasversorgung für Europa. Entscheidender Player für die EGL und die Schweiz ist in diesem Zusammenhang die Türkei: Nötig ist ein Durchleitungsrecht des iranischen Gases durch die Türkei. Das Konkurrenzprojekt Nabucco hat ein solches (allerdings noch nicht ratifizier-tes) Recht. Ursprünglich dachte man, dass die Tap hier nach Abschluss der Nabucco-Verhandlungen ebenfalls das Durchleitungsrecht erhalten sollte. Doch diesbezüglich bestehen mit der Türkei Schwierigkeiten.

Anzeige

Als die Türkei die Durchleitung für den Tap-Konkurrenten Nabucco gewährte, hoffte das Land auf Zugeständnisse in den EU-Beitrittsverhandlungen. Die Schweiz und Norwegen konnten und können als Nicht-EU-Mitglieder der Türkei aber nichts Vergleichbares bieten. Wohl aus diesem Grund sollen neue Partner aus dem EU-Raum an Bord geholt werden.

Gemäss EGL laufen entsprechende Verhandlungen mit Interessenten. Klar ist: Die Durchleitung durch die Türkei ist der Schlüssel. Ohne deren Zusage zur Durchleitung ist der Vertrag mit Iran nicht zu erfüllen, weil die EGL das ihr zugesagte Gas nicht abnehmen kann.

Beruhigend für die EGL ist, dass auch die konkurrierenden Pipeline-Projekte Gegenwind haben. Russland wehrt sich mit Händen und Füssen gegen das EU-Projekt Nabucco. Dessen Ziel ist es, die fatale Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern. Zudem ist Nabucco ein rund 8 Mrd Euro teures Vorhaben, während der Bau der Tap im Vergleich auf 2 Mrd Euro zu stehen käme.