Die EGL treibt ihr Projekt für eine Gaspipeline zwischen Italien und Griechenland voran: In der neu gegründeten Gesellschaft Trans Adriatic Pipeline (Tap) AG in Baar ZG arbeiten 50 Fachleute an den Plänen. Die Eile der EGL und ihrer gleichberechtigten Partnerin, der norwegischen StatoilHydro, hat einen Grund: Es gibt noch andere Pipeline-Projekte, die dem Gas aus dem kaspischen Raum einen neuen Weg nach Europa bahnen wollen. Als direktte Konkurrenten gelten die Vorhaben Nabucco und ITGI.

Nabucco vor dem Durchbruch

Für eines dieser Projekte, Nabucco, sind soeben mehrere Signale auf Grün gestellt worden. Inzwischen hat Turkmenistan zugesichert, Gas für die Pipeline zu liefern. Damit steht das Projekt zum Bau der 3300 km langen Leitung vor dem Durchbruch. In diesen Tagen werden die Regierungsvereinbarungen zwischen allen beteiligten Nabucco-Transit-Ländern unterschriftsreif verhandelt, wie mehrere an den Verfahren beteiligte Personen versichern. In den nächsten Wochen sei mit einer Unterzeichnung der Dokumente in Ankara zu rechnen, sagte der Politikchef von RWE Supply and Trading, Neil McMillan. Damit würde der Weg frei für eines der ehrgeizigsten Vorhaben der Europäischen Union der vergangenen Jahre. Der Bau soll bereits 2011 beginnen.

Selbst mit der Türkei zeichnet sich eine schnelle Lösung der Probleme ab. Bislang wollten die Türken automatisch 15% des Gases, das durch die Nabucco nach Westen fliessen soll, für den eigenen Bedarf abzweigen. Damit sollte die Abhängigkeit des Landes von Russland reduziert werden. Die Türkei hat einen überdurchschnittlich wachsenden Bedarf an Gas, verfügt selber aber kaum über Produktionskapazitäten.

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Nun heisst es, eine türkische Ländergesellschaft solle den Gaseinkauf im Land zu Marktpreisen abwickeln und so den türkischen Staat in das Projekt einbinden - samt Steuerzahlungen und dem direkten Zugriff auf die Ressourcen, berichten Verhandlungsteilnehmer. Im Gegenzug würden die Türken ihre Forderung auf Garantiebezüge fallen lassen.

Gleiche Regelung für die EGL?

Diese Regelung dürfte die Projektgruppe der Tap aufhorchen lassen. Wie EGL-Sprecherin Lilly Frei bestätigt, stellte die Türkei ähnliche Forderungen auch an die EGL. Sollte nun eine Lösung für Nabucco gefunden sein, wären das auch gute Neuigkeiten für die EGL. Denn gemeinhin wird davon ausgegangen, dass eine Regierungsvereinbarung zwischen Nabucco- Transitländern inklusive der Türkei als Basis dienen wird für Gastransitverträge weiterer Gesellschaften. EGL-Sprecherin Frei erklärte zwar, da die EGL nicht an Nabucco beteiligt sei, habe sie keine Kenntniss dieser Regierungsvereinbarungen. Allerdings sei damit zu rechnen, dass sich die mit Nabucco abgeschlossenen Verträge auf die europäische Energiecharta berufen, welche einen diskriminierungsfreien Transit vorsieht. Dies sollte sich demnach auch in Transitverträgen der Türkei mit anderen Parteien reflektieren, so Frei.

Eine, zwei oder drei Pipelines?

Die Entwicklung zwischen der Türkei und dem Nabucco-Projekt bedeutet also, dass sich auch für die Tap die Beseitigung eines besonders grossen Stolpersteins abzeichnet. Doch selbst wenn sich am Horizont ein Verhandlungserfolg abzeichnet, ist damit ein Erfolg der Tap noch nicht garantiert. Denn Fragen bleiben: Wie viele der geplanten Pipelines braucht es überhaupt? Und wenn es nicht alle braucht, dann welche? Zu diesem Thema sind unterschiedliche Meinungen zu vernehmen.

Klar ist, dass sich unter den verschiedenen, weiträumigen Pipeline-Projekten die Vorhaben Tap, Nabucco und ITGI am ähnlichsten sind. Ihnen ist gemeinsam, dass das Gas die Türkei durchqueren muss, dass sie alle aserbaidschanisches Gas vom Feld Shah Deniz II transportieren wollen und dass sie mehr als nur eine Versorgungsquelle benötigen, um die Leitung zu füllen. Im Fall der Tap wäre das aserbaidschanische Gas via Beteiligungen der StatoilHydro und iranisches Gas aus dem Vertrag der EGL. Die EGL beobachtet laut Sprecherin Lilly Frei die politische Entwicklung im Iran. «Wir haben aber keinen Grund daran zu zweifeln, dass die nationale iranische Gasgesellschaft ihren Verpflichtungen nachkommen wird.»

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Bautechnisch und konzeptionell bestehen zwischen den Projekten grosse Unterschiede. Nabucco ist eine lange, neue Leitung. Ihr Vorteil ist die hohe Kapazität, ihr Nachteil sind die hohen Kosten und der Umstand, dass sie fast gänzlich neu gebaut wird. Die Projekte Tap und ITGI hingegen schliessen bereits bestehende Versorgungswege zusammen und lassen so das Gasnetz «organisch wachsen», wie es ein involvierter Experte erklärt.

Allerdings geht es bei Pipelines nie nur um Preise, sondern immer auch um die Schaffung einer sicheren Versorgung und um die Wahrung politischer Interessen. Die Europäische Union greift für das Nabucco-Projekt tief in die Tasche. Über verschiedene Förderbanken und öffentliche Geldtöpfe fliessen insgesamt knapp 3,8 Mrd Euro in den Bau der Pipeline - nahezu die Hälfte der gesamten In-vestitionssumme. Das öffentliche Geld wird dringend gebraucht, um das Projekt zu realisieren.

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Die europäische Politik unterstützt Nabucco nach Kräften. EU-Kommissar Andris Piebalgs wirbt auf Reisen durch Europa und Asien um Zustimmung. Sowohl die Union als auch die Einzelländer haben sich bereit erklärt, für Nabucco Ausnahmen bei der staatlichen Regulierung zu machen.

Hier ist die Tap im Nachteil. Sie ist zwar ein von der EU anerkanntes Projekt, weil sie der Diversifizierung der Gasversorgung dient. Doch vorangetrieben wird die Tap von Firmen aus den Nicht-EU-Ländern Schweiz und Norwegen. Die ITGI ist hier im Vorteil, wird sie doch von Griechenland und Italien getragen. Der Nachteil der ITGI ist dagegen, dass die Transportkapazitäten fast völlig für die involvierten Gesellschaften reserviert und so monopolisiert sind.

Möglichst breit diversifizieren

All dies muss nicht bedeuten, dass nur eines der drei Projekte verwirklicht wird. Alle drei Projekte würden die fatale Abhängigkeit Europas von russischem Gas verringern. Gut möglich, dass die EU auf mehr als ein Projekt setzt.

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