Der Schweizer Energieversorger Elektrizitäts-Gesellschaft Laufenburg (EGL) verfolgt Pläne für ein Erdgas-Kraftwerk nördlich von Athen. Bis Ende Jahr will der Produzent und Händler darüber entscheiden, ob das Projekt für eine 15-Megawatt-Anlage definitiv realisiert wird. Elias Karidoyannis, Vice Chairman bei EGL Hellas, gibt sich zuversichtlich: «Wir möchten uns im griechischen Erdgas-Geschäft aktiver betätigen.» Voraussetzung dafür ist die Errichtung eines eigenen Kraftwerkes für 100 Millionen Euro. Der Bau hängt davon ab, wie sich die wirtschaftliche Lage im krisengeschüttelten Griechenland weiterentwickelt.

Pipeline-Konsortium

Die börsenkotierte Muttergesellschaft operiert beim Handel derzeit in einem schwierigen Marktumfeld. Bei den Energiederivaten resultierte im 2. Halbjahr des Geschäftsjahres 2009/10 ein Verlust. Das Management hat deshalb in den letzten Monaten zusätzliche Risiken aus dem Projektportfolio genommen. Unter anderem wurde auch ein Anteil am Trans- Adriatic-Pipeline-Projekt (TAP) veräussert. Als EGL vor fünf Jahren das osteuropäische Netzwerk mit einer eigenen Vertretung auf Griechenland erweiterte, verfolgte der Schweizer Konzern das TAP-Projekt noch allein. Mittlerweile liegt die Verantwortung bei einem Konsortium, bestehend aus der norwegischen Statoil, der deutschen E.ON Ruhrgas und EGL.

Mit der Trans Adriatic Pipeline sollen jährlich 10 bis 20 Milliarden Kubikmeter Gas aus der Region um das kaspische Meer nach Europa transportiert werden. Das Projekt verbindet die bestehende Gasleitung ab dem griechischen Thessaloniki via Albanien und die Adria mit dem Anschluss im italienischen Brindisi. Konkurrenz erwächst der TAP vom italienisch-griechischen Konsortium ITGI. Weil die Athener Regierung nicht will, dass Gas über ein Nicht-EU-Mitglied, gemeint ist Albanien, nach Italien gelangt, hat sie das ITGI-Projekt lanciert.

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In absehbarer Zeit dürfte es zu einer Annäherung zwischen den beiden Projekten kommen. Als grosse Herausforderungen gelten beim TAP-Projekt die umfangreichen Naturschutzzonen, die archäologischen Aspekte und die Berglandschaft.

Nebst den beiden Projekten TAP und ITGI besteht noch ein drittes Vorhaben für den Gastransport aus dem Raum des kaspischen Meeres nach Europa. Das Grossprojekt Nabucco, unter anderem mit einer Beteiligung der deutschen RWE, will den alten Kontinent von der Türkei aus nicht über Griechenland und Italien, sondern via Bulgarien, Rumänien, Ungarn und Österreich verbinden. Diese Gaspipeline wäre mit 3300 Kilometern wesentlich länger. Bereits im letzten Jahr wurde darüber spekuliert, dass ein Schulterschluss zwischen TAP und Nabucco möglich wäre.

Liefervertrag mit Iran

Welche Erdgasleitung schliesslich realisiert wird, hängt von der weiteren politischen Entwicklung ab. Zum einen möchte die Regierung in Moskau das Nabucco-Projekt verhindern, weil es klar als Alternative zur bestehenden Zuleitung des russischen Gasversorgers Gazprom konzipiert ist. Anderseits besteht im euro-asiatischen Raum die Problematik mit dem Iran, der von den westlichen Industrieländern zunehmend isoliert wird. EGL hat im vergangenen März einen Liefervertrag mit Teheran abgeschlossen, der sich nun als Hypothek erweist. Verschiedene Länder verweigern die Durchleitung des politisch explosiven Gases. Prompt hat sich das TAP-Konsortium vom Iran distanziert. Neu setzt diese Gruppierung nur noch auf Erdgas aus dem benachbarten Aserbaidschan. Die benötigten Erdgasmengen werden darüber entscheiden, wie das Pipelinenetz schliesslich erweitert wird. Italien ist mit Gas bereits gut versorgt. Damit ist es fraglich, ob die gewichtigen Player zusätzliche Erdgas-Volumen anstreben.

Für die EGL bleibt der griechische Heimmarkt weiter im Visier. Elias Karidoyannis signalisiert sein Interesse, später auch ins Retailgeschäft einzusteigen. Solche Pläne lassen sich aber nur verwirklichen, wenn der Energiehändler grünes Licht für das eigene Kraftwerk gibt.