Als sich die Hausärzte in der Schweiz vor einem Jahr zum eigenen Verband zusammenschlossen, frohlockte Peter Tschudi. «Wir haben uns zu lange darauf beschränkt, lieb zu unseren Patienten zu sein», fasste der erste Schweizer Professor für Hausarztmedizin damals die Lage zusammen. «Wir haben unsere standespolitischen Interessen viel zu wenig entschieden verteidigt.»

Eine neue Studie zeigt nun: Schweizer Ärzte denken schon länger nicht nur an die Patienten, sondern auch an ihren Verdienst. Entscheidend ist laut der landesweiten Erhebung der Universität Bern, ob die Ärzte den Patienten Medikamente verkaufen dürfen oder nicht.

Die Zahlen sind eindeutig: Die durchschnittlichen Behandlungskosten pro Patienten liegen bei einem Hausarzt in der Schweiz bei 345 Franken, wenn der Arzt daneben noch Medikamente verkaufen darf. Diese Kosten steigen um 14 Prozent auf 403 Franken, falls ihm diese zusätzliche Einnahmequelle verwehrt bleibt und die Patienten ihre Medikamente in der Apotheke kaufen müssen.

Steigende Behandlungskosten

Die Hausärzte behandeln ihre Patienten demnach anders und führen zusätzliche oder teurere Untersuchungen durch, wenn sie keine Arzneien verkaufen dürfen. Dieses Verhalten treibt die Rechnungen an die Krankenkassen nach oben. «Es ist sehr unwahrscheinlich, dass solche Kostensteigerungen nur medizinisch begründet sind», sagt Studienleiter André Busato vom Berner Institut für Evaluative Forschung in der Medizin.

Anzeige

Ins Bild passen die jüngsten Zahlen der KOF. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich prognostizierte eine Kostensteigerung im Gesundheitswesen um 3,7 Prozent für 2011. Besonders stark legt der ambulante Bereich zu, zu dem die Hausärzte zählen.

Von Busatos Befunden wenig überrascht ist Gesundheitsökonom Willy Oggier. «Die Hausärzte müssen ihre Infrastruktur bezahlen und haben sich an ein bestimmtes Einkommensniveau gewöhnt. Wenn sie keine Medikamente verkaufen können, dann kompensieren sie das ein Stück weit anderswo.» Die Medikamentenfrage ist für Hausärzte entscheidend. Wo der Arzneiverkauf zugelassen ist, tragen die Medikamente 44 Prozent zum Umsatz einer Praxis bei. Die Marge beträgt dabei laut Josef Hunkeler von der Preisüberwachung knapp 30 Prozent.

Auch Marc Müller, Präsident des Hausärzte-Verbandes, stützt Busatos These: «Eine gewisse Kompensationsfunktion ist durchaus möglich», sagt er. Wichtiger seien aber kulturelle Eigenheiten. In der Westschweiz und im Tessin, wo die Medikamentenabgabe verboten sei, konsumierten die Patienten generell viel mehr Leistungen beim Arzt als vielleicht der Bauer im Kanton Appenzell Ausserrhoden.

Ärzte starten Initiative

Didier Burkhalter möchte die Medikamentenabgabe durch Ärzte landesweit verbieten. Gegenwärtig läuft die Vernehmlassung. Für den Bundesrat wird die Vorlage nicht zum Spaziergang. Das zeigt der Kanton Aargau: Dort beschloss der Ärzteverband letzte Woche, eine Volksinitiative zur Einführung der ärztlichen Medikamentenabgabe zu lancieren. Wenig Freude daran hatten die lokalen Apotheker. Es dauerte zwei Tage, bis sie die Gegeninitiative ankündigten.