NEUE UHRWERKE. Auf dem sensiblen Gebiet des Baus eigener Werke muss der Uhrenfreak deutlich differenzieren zwischen Traditionsmanufakturen, welche schon seit langem ihre eigenen Kaliber-Wege beschreiten, und jenen Newcomern, die sich erst kürzlich auf dieses Terrain gegeben haben. Dazwischen befinden sich auch noch Comeback-Uhrenmarken nach dem Motto «Von der Manufaktur zur Manufaktur».

Piaget: Flache Angelegenheit

ValFleurier, eine kreative Werkschmiede der Richemont-Gruppe, arbeitet unter anderem für Panerai und Montblanc. Auch Piaget profitiert von der Kompetenz des Teams um Eric Klein. Bester Beweis ist das neue 880 P mit Chronographen. ValFleurier bescherte dem zeitschreibenden Neuling eine ganze Reihe zeitgemässer Eigenschaften. Das Säulenrad zur Steuerung der verschiedenen Funktionen kann dieser Luxuskategorie fast schon als Standard gelten. Das gilt auch für die vertikale Reibungskupplung sowie die permanente Nullstellung des Chronographen; Temposchaltung oder Flyback-Funktion genannt. Der Selbstaufzug wirkt in beiden Drehrichtungen der Schwungmasse. Bei regelmässigem Tragen baut er eine beruhigende Gangautonomie von 52 Stunden auf. 4 Hertz Unruhfrequenz gestatten auf die Achtelsekunde genaues Stoppen. Der Totalisator erfasst Vorgänge bis zu 30 Minuten. An die Stelle des technisch problemlos möglichen 12-Stunden-Zählers tritt ein zusätzlicher 24-Stunden-Zeiger für eine zweite Zonenzeit. Bleibt die Datumsindikation mit breitem Fenster bei der 12, wo jeweils drei Zahlen gleichzeitig erscheinen. Mit nur 5,6 mm ist das Uhrwerk erstaunlich flach. Beim Durchmesser wurde hingegen nicht gegeizt. Er liegt bei grosszügigen 26,8 mm.

Blancpain: 6-Tage-Gangautonomie

Das Neueste von Blancpain heisst 1315 und basiert auf dem im Oktober 2006 vorgestellten Handaufzugskaliber 13R0. Dieses Uhrwerk mit automatischem Aufzug wurde in erster Linie für sportliche Zeitmesser wie beispielsweise die Fifty-Fathoms-Linie aus der Taufe gehoben. Zur Ausstattung gehört ein Bimetall-Rotor mit äusserem Schwermetall-Segment. Ansonsten wurden die Merkmale des 13R0 weitestgehend übernommen. Dazu gehört auch eine Unruh mit variablem Trägheitsmoment. Der Reif besteht allerdings nicht mehr aus Titan, sondern dem klassischen Werkstoff Glucydur. Die Regulierung erfolgt durch Mikrometerschrauben mit quadratischen Köpfen. Drei seriell geschaltete Federhäuser gewährleisten eine Gangautonomie von zirka sechs Tagen. Allerdings verlangte die Glucydur-Unruh eine neue Kalibrierung der Energiespeicher. Ferner verfügt das Automatikkaliber 1315 über eine problemlos zu jeder Tageszeit und in alle Richtungen verstell-bare Datumsanzeige. Schutz vor Magnetfeldern bietet ein Weicheisenmantel, der mit dem Werk selber aber nichts zu tun hat.

Anzeige

Breguet: Im Geiste des Hauses

Breguets neue Referenz 7047 lässt sich das Attribut Grosse Komplikation problemlos zuerkennen. Das Tourbillon im Handaufzugskaliber 559 ist fast schon eine Pflichtübung. Seine Realisation mit grossformatigem Drehgestell, Titanbrücke und dünnem Kloben aus nichtmagnetischem Stahl erinnert zumindest optisch an die Anfänge, als der geniale Abraham-Louis seine Drehgang-Skizzen zu Papier brachte. Die patentierte Titan-Unruh repräsentiert voll und ganz das uhrmacherische Können des frühen 21. Jahrhunderts. Gegenstand eines aktuellen Patentantrags ist auch die neuartige Gangreserveindikation bei der 10. Hier gestattet ein ausgeklügeltes Reduktionsdifferenzial die Indikation direkt auf der Federhaustrommel, die gleich zwei stählerne Kraftpakete beherbergt. Trotz Doppelpack sinken die Federkraft und das durch sie erzeugte Drehmoment während des Entspannens kontinuierlich. Dem hilft Breguet durch ein Ketten-Schnecken-System ab, das den bekannten Hebelgesetzen gehorcht. Das besonders Schöne am Kaliber 559: Es verbirgt nichts. Alles vollzieht sich vor dem Auge des Betrachters.

Jaeger-LeCoultre: Schweigen

Bei Jaeger-LeCoultre soll das aufwendige Kleinserien-Automatikkaliber 988C demonstrieren, dass Öl und sonstige Schmiermittel eines Tages überflüssig sein werden. Für das Hemmrad verwendet die Manufaktur Silizium mit besonders glatter Oberfläche. Die Ankerpaletten bestehen aus synthetischem, schwarzem Diamant. Diese Materialpartnerschaft verlangt nicht einmal das geringste Quantum an Öl. Das gesamte Schwing- und Hemmungssystem einschliesslich der ungewöhnlichen Platin-Iridium-Unruh und der optimierten Spiralfeder mit Phillips-Endkurve befindet sich in einem ultraleichten Tourbillon-Käfig aus Magnesium. Möglichst reibungsarme Bewegung der Zugfeder in ihrer Trommel bewerkstelligt ein Graphitpulver aus mikroskopisch kleinen, flachen Plättchen. Weder Temperaturwechsel noch Feuchtigkeit ändern etwas an der Viskosität. Beim Aufzugsrotor mit wartungsfreiem Keramikkugellager dient Karbonfaser zur Fertigung des gleichermassen leichten wie stabilen Chassis. Die schwere periphere Schwungmasse aus einer Platin-Iridium-Legierung bringt jede Menge Aufzugsdynamik. Jaeger-LeCoultre beschichtet den kompletten Aufzugs- und Stellmechanismus mit Nickel-Polytetrafluoräthylen, einem besonders gleitfähigen Material. Neuartig sind schliesslich auch die Zentralbrücke aus Ticalium, einer Aluminiumlegierung mit Titankarbid-Beimischung, sowie die Lagersteine aus Easium.

Anzeige

Longines: Retrogrades zum 175.

Bei Longines steht das Geburtstagsjahr 2007 – Longines ist 175 Jahre alt – im Zeichen exklusiver Zusatzfunktionen, die nach Aussagen von CEO Walter von Kaenel nur beim Jubilar zu haben sind, weil der sie eben auch in Auftrag gab. Eines der beiden Module besitzt drei retrograde Indikationen (Wochentag, Datum sowie zweite Zonenzeit) und wird vom Automatik-Jumbo Eta ETA A07.L11 angetrieben, welcher bei Longines Kaliber L697 heisst. Der zweite Exklusivaufbau stellt Wochentag, Datum, Sekunde und zweite Zonenzeit in rückspringender Form dar. In diesem Fall nennt sich der Motor Eta A07.L21 oder L698.

Chopard: Mit Leichtgewicht

SL steht beim Tech Twist SL Titane-Tourbillon für «super leicht». Das Gehäusematerial Titan trägt seinen Teil dazu bei. Aber das Metall, aus dem die Uhrmacher das filigrane Drehgestell fertigen, ist mit seiner relativen Dichte von 2,7 noch deutlich leichter. Es schmilzt bei 660 und siedet bei 2467 Grad Celsius. Die Verbindung mit Luft führt zu einer zähen, durchsichtigen und vor Korrosion schützenden Oxidschicht. Die Vorzüge von Aluminium ergeben sich allein schon aus einem Gewichtsvergleich mit konventionellen Wirbelwinden. Allerdings bedarf es auch eines spezifischen Know-hows, um Aluminium entsprechend formen und fein bearbeiten zu können. Die drei Komponenten des Drehgestells bringen lediglich 0,16 g auf die Waage, einschliesslich Schwing- und Hemmungssystem sind es 0,39 g. Die Vergleichswerte für Stahl betragen 0,4 bzw. 0,64 g. Dass sich dieses spürbare Weniger an rotierender Masse vorteilhaft auswirkt, liegt auf der Hand. Den Antrieb liefert das bekannte L.U.C Quattro-Räderwerk mit vier Federhäusern. Augenmenschen bietet Chopard noch ein weiteres Bonbon in Form einer transparenten Tourbillonbrücke aus Saphirglas.

Anzeige

Rolex: Der Rückwärtszähler

Armbanduhren mit Yachting-Countdown sind nichts Neues. Aber nur die Yacht-Master II von Rolex lässt sich bei unterschiedlichsten Startreglements nutzen. Nach drei Jahren Entwicklungsarbeit bietet sie als weltweit erste Mechanik-Armbanduhr einen programmierbaren Countdown. Möglich machts die patentierte Ring- Command-Lünette zum individuellen Einstellen der Vorstart-Minuten. Überdies kann man den Chronometer während der Startvorbereitungen jederzeit mit dem offiziellen Countdown synchronisieren. Die chronographische Basis gibt das 2000 lancierte Automatikkaliber 4130 mit Schaltradsteuerung und vertikaler Kupplung ab. Die Version 4160 besitzt 60 zusätzliche Teile. Die meisten davon gehören zur intelligenten Countdown-Steuerung über die Drehlünette. Nach einigem Üben gelingt das manuelle Programmieren völlig problemlos. Auch das Starten, Stoppen und Synchronisieren des rückwärts zählenden Mechanismus gestaltet sich mit Hilfe der beiden Drücker denkbar einfach. Am Ende des vorgewählten Intervalls stoppt der Minutenzähler bei 0, während der Sekundenzeiger unbeeindruckt weiterläuft. Übrigens stammt die Parachrom-Unruhspirale mit hochgebogener Endkurve aus eigener Fertigung.

Anzeige

Universal: Flach durch Mikrorotor

Universal Genève war einer der beiden Mikrorotor-Pioniere. Will heissen, die Automatik-Schwungmasse wurde mit Blick auf eine möglichst flache Bauweise in die Werksebene integriert. Auf das limitierte UG 100 folgt jetzt das neue, 11 1/2–linige UG 101 mit Zentralsekunde, Fensterdatum und 42-Stunden-Gangautonomie. Das Uhrwerk, dessen Unruh stündlich 28800 Halbschwingungen vollzieht, verfügt über 30 funktionale Steine. Es soll künftig eine der tragenden Säulen des Hauses Universal sein, in dem die asiatische Stelux-Gruppe das Sagen hat.

Ebel: Gekonnte Reduktion

Ebel setzt in Zukunft verstärkt auf ein Automatikwerk, das zu Investcorp-Zeiten gemeinsam mit der damaligen Schwester Nouvelle Lémania entwickelt wurde und 1995 seinen Einstand gab. Nachdem sich die Wege getrennt haben, kooperiert Ebel unter anderem mit La Joux Perret und Dubois-Dépraz. Zu den Kalibern 137 (Basis), 139 (Scheiben-Totalisatoren) und 288 (Chrono, ewiger Kalender) hat sich zwischenzeitlich auch das 6,7 mm hohe 240 gesellt. Seine Konstruktion stand im Zeichen der Reduktion, welche beispielsweise auch Eta beim Valjoux 7750 vorgenommen hat. Mit anderen Worten: Verzicht auf den Chronographenmechanismus. An seine Stelle tritt eine GMT-Funktion mit zusätzlichem 24-Stunden-Zeiger. Das Oeuvre besteht aus 193 Komponenten, darunter 22 Rubine und 1 Zirkon.

Frédérique Constant: Glaskeramik

Frédérique Constant, das Unternehmen von Peter und Aletta Stas, mauserte sich 2004 durch das Handaufzugswerk Heart Beat FC-910-1 zur Manufaktur. Auf die 2005er-Mondphasen-Version FC-915 folgte 2006 eine exklusive Automatik namens FC 930. Allen gemein ist eine vorne sichtbare Unruh. 2007 steht im Zeichen neuer Materialien. Das Automatikkaliber FC 935 Silicium mit Mondphasenindikation und Zeigerdatum weist ein speziell gestaltetes Silizium-Ankerrad auf. Den möglicherweise nächsten Entwicklungsschritt markiert eine Variante mit der kryptischen Bezeichnung FC-935SZABS4H9, welche im September 2007 während der Wohltätigkeitsauktion One Of A Kind unter den Hammer gelangte. Sie verfügt neben dem Silizium-Ankerrad über eine völlig neue Unruh aus Zerodur. Der glaskeramische Werkstoff entsteht durch kontrollierte Volumenkristallisation und besticht durch einen extrem geringen Ausdehnungskoeffizienten bei Temperaturschwankungen, Langzeitstabilität und optimale mechanische Eigenschaften. Schon seit 1971 bewährt er sich bei den sogenannten Ceran-Kochfeldern für Elektroherde. Peter C. Stas glaubt, mit der Zerodur-Unruh einen zukunftsweisenden Weg eingeschlagen zu haben, denn sie passt hervorragend zum Silizium-Ankerrad. Magnetfelder und Temperaturschwankungen jeglicher Art lassen das transparente Hightech-Material völlig kalt. Die Herstellung der Unruh bewerkstelligt eine amerikanische Spezialfirma. Hinsichtlich der Serienproduktion herrscht freilich noch Schweigen im Wald.

Anzeige

Montblanc

ValFleurier

Maurice Lacroix