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Kommentar
In eigener Sache: Liebe Leserin, lieber Leser

Beat Balzi, Chefredaktor «Handleszeitung»

Die «Weltwoche» bezeichnete die «Handelszeitung» kürzlich als «eine Art Poltergeist der Wirtschaftsszene», die sich «gern mit der Elite anlegt». Richtig beurteilen können das aber nur Sie.

Von Beat Balzli
am 24.07.2013

Die Zeit ist um. Das Büro steht leer. Nach beinahe drei Jahren als Chefredaktor der «Handelszeitung» habe ich mich entschieden, ab September bei Axel Springer in Berlin eine neue Herausforderung anzunehmen. Als stellvertretender Chefredaktor der Welt-Gruppe werde ich künftig für die «Welt am Sonntag» verantwortlich sein. Meine Aufgabe bei der «Handelszeitung» übernimmt Stefan Barmettler. Er ist ein äusserst erfahrener Wirtschaftsjournalist, der in den letzten Jahren als stellvertretender Chefredaktor das Wirtschaftsmagazin «BILANZ» massgeblich mitgeprägt hat – und zweifellos auch die «Handelszeitung» erfolgreich weiterführen wird. 

Solch ein Wechsel geht nie ohne Wehmut über die Bühne. Es machte mir viel Spass, gemeinsam mit einem tollen Team die «Handelszeitung» zu dem zu machen, was sie heute ist. Wir wollten der «Handelszeitung» ein neues, geschärftes Profil geben. Die massiv gesteigerte Zahl der Zitierungen in in- und ausländischen Medien belegt, dass uns das gelungen ist. 

«Handelszeitung»: Auch dieses Jahr stabile Leserzahlen

Die Leser scheinen das Produkt zu schätzen. Die beglaubigte Auflage zeigt trotz einem schwierigen Umfeld für Wirtschaftsmedien seit 2011 eine stabile Entwicklung. Dieser erfreuliche Trend setzt sich fort. Zudem dürfte die «Handelszeitung» eines der wenigen Printprodukte der Schweiz sein, das in diesem Jahr konstante Leserzahlen ausweisen kann. Die positive Resonanz zeigt sich im Online-Bereich gar noch deutlicher. Der Aufbau einer neuen Redaktion  hat sich gelohnt. Seit dem Relaunch der Webseite im Frühling diesen Jahres besitzt die Marke «Handelszeitung» nun auch im Netz ein konkurrenzfähiges Produkt. Die steigenden Zugriffszahlen sprechen für sich.

Wem das nun zu viel Eigenlob war, den kann ich beruhigen. Nur noch zehn Jubelzeilen, dann wirds ernster. Denn das Thema «Suite150» darf hier nicht fehlen. Anlässlich des 150. Geburtstags der «Handelszeitung» entstand vor zwei Jahren der Klub der ältesten Unternehmen der Schweiz. Weder Beziehungen noch Geld spielen dabei eine Rolle. Nur wer die 150-Jahre-alt-Hürde schafft, gehört zum exklusiven Kreis. Beinahe 70 Traditionsfirmen machen inzwischen bei «Suite150» mit dem Ziel mit, ausgewählten Jungunternehmern mit Know-how zur Seite zu stehen – mittlerweile ein sehr fruchtbarer Austausch. 

Unabhängiger und kritischer Journalismus als Ziel

Doch was hätte «Handelszeitung»-Gründer Friedrich von Rothkirch von dem Ganzen gehalten? Dem deutschen Ex-Revolutionär wäre es wohl weniger um Zahlen als viel mehr um die publizistische Unerschrockenheit gegangen. Unter dem Pseudonym Friedrich von Taur hielt er bis zu seinem Tod 1886 der Zürcher Wirtschaftselite den Spiegel vor. «Die Zahl der Gentlemen aus den Kreisen der Finanz, des Handels, der Bürokratie und selbst der Gelehrsamkeit, welche vor dieser scharfen Feder bangte, ist gross», schrieb damals die «Züricher Post». Die «Neue Zürcher Zeitung» lobte ihn gar als «grossen Rechenmeister und gefürchteten moralischen Zensor».

Die Latte lag für uns also hoch. Ich hoffe, dass wir diesem Anspruch zumindest in Ansätzen gerecht werden konnten. Die «Weltwoche» bezeichnete die «Handelszeitung» kürzlich als «eine Art Poltergeist der Wirtschaftsszene», die sich «gern mit der Elite anlegt». Richtig beurteilen können das aber nur Sie, lieber Leser. Wir versuchten stets, einen kritischen, qualitätsorientierten und hintergründigen Wirtschaftsjournalismus zu pflegen – trotz Druckversuchen einer omnipräsenten PR-Maschinerie. Die Lufthoheit über den Inhalt wollten wir behalten und nicht den Spindoctors überlassen. Der Leser darf von seiner Zeitung Ordnung und Orientierung für sein Denken erwarten – hausgemacht, versteht sich.

In diesem Sinne wünsche ich meinem Nachfolger und seinem Team viel Erfolg – und vor allem Unabhängigkeit im Geist.

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