Coachings für die bewegte Selbstpräsentation sind in der Schweiz noch die berühmte Stecknadel im Heuhaufen. Auch bei Stellenvermittlern sind Videobewerbungen noch kein Thema. Bei Adecco beispielsweise hat man weder in der Glattbrugger Firmenzentrale noch in der Niederlassung an der Zürcher Gessnerallee je einen solchen Clip in einem Dossier entdeckt.

Ein erstaunliches Resultat, wenn man bedenkt, dass laut Medienberichten aus den USA Videobewerbungen dort schon seit einigen Jahren im Trend liegen und Europäer bislang oft als Nachahmer auf diesen Zug aufspringen. Meistens handelt es sich jenseits des Atlantiks um junge Vertreter der Generation Apple um die Mitte zwanzig, die sich frisch-fröhlich oder noch etwas hölzern in einem rund einminütigen Film vorstellen, um einen Ausbildungs- oder Praktikumsplatz zu bekommen.

Ein erster Rufer in der Wüste

Dass findige Videohersteller diesen neuen Markt entdeckt haben und natürlich ein handfestes Interesse an der Verbreitung der Idee haben, ist für Fidel S. Stöhlker, Delegierter des Verwaltungsrates des Beratungsunternehmens Klaus J. Stöhlker in Zollikon ZH, kein Grund zur Ablehnung. Er stufte Videobewerbungen bereits als innovativ ein, als noch keiner darüber sprechen wollte. «Die Unternehmen sind nun sensibilisiert auf Bewerbungen, die auf dem digitalen Weg eingereicht werden. Der Arbeitgeber sieht auf den Videos, mit wem er es real zu tun hat, und nicht nur, was seine Zeugnisse belegen.» Stöhlker beobachtet in der Schweiz eine deutlich gestiegene Akzeptanz bei KMU und vor allem technologiebetriebenen Firmen. Aber inzwischen sei die Beliebtheit auch bei den CEO nationaler und internationaler Unternehmen sehr gestiegen.

Anzeige

Eine Umfrage der «Handelszeitung» zeigt, dass nicht zuletzt wegen zu geringer Verbreitung der Videos die Erfahrung fehlt und daher die Skepsis gross ist. Auch Hochschulen sehen sich neu solchen Fragen gegenüber. Die Haltung der Universität St. Gallen übermittelt Brigitte Meienberger vom Career Service Center: «Eine Videobewerbung ist eine Möglichkeit, sich im globalen Arbeitsmarkt individuell zu präsentieren und damit ein aktives Selbst-Marketing zu betreiben. Sie kann eine sinnvolle Ergänzung zu den schriftlichen Bewerbungsunterlagen sein, insbesondere wenn der persönliche Kontakt aus Distanzgründen erschwert ist.»

Die Skepsis überwiegt noch

Der Personalberater Humanparc in Zollikon stellt fest, dass derzeit im Executive Search die Videobewerbung keine Rolle spielt. Dies gelte für die Schweiz, aber auch für internationale Profile und Suchmandate. «Nach unserer Einschätzung wird sich dies auch in den nächsten Jahren nicht ändern», erklärt Humanparc-Partner Petra G. Augustin.

Bei PricewaterhouseCoopers (PwC), das am Absolventenkongress 2010 in Zürich rund 200 Personen sucht, ist man dem Thema gegenüber «grundsätzlich offen». Eine Videobewerbung sei möglich, sofern der Kandidat auch die PwC-Online-Assessments absolviert hat und anstelle eines Bewerbungsschreibens einen URL mit einem Video mitschickt.

Die Zurückhaltung des Reisekonzerns Kuoni gegenüber diesem Medium hat Gründe. Bisher seien noch keine Videobewerbungen eingegangen, und auch über die elektronischen Bewerbungskanäle weist das Unternehmen nicht auf diese Möglichkeit hin. Trotzdem wurde gerade eine solche Möglichkeit in der skandinavischen Geschäftseinheit geprüft. Da jedoch der zeitliche Aufwand und die unterschiedlichen Videoformate sich heute eher noch als Barrieren erwiesen, sei die Anwendung derzeit kein Thema. Neue und weitere Wege in der digitalen Bewerbung dürften jedoch in den kommenden Jahren je nach Stellenprofil in diese Richtung gehen, meint Peter Brun, Head of Corporate Communications.

Nachfragen im UBS Recruiting Schweiz haben gezeigt, dass bisher sehr wenige bis gar keine Bewerbungen eintreffen, die ein Video enthalten. Viele Firmen finden die Idee zwar interessant, aber noch gewöhnungsbedürfig. So sieht UBS-Recruiter Bruno Notter Videobewerbungen eher in einem kreativen Umfeld oder für einen kreativen Job. UBS-Recruiterin Priscilla Sayakkarage fragt sich, ob sie in traditionellen Branchen wie den Finanzdienstleistern wirklich die Zukunft sind. Dennoch sei sie gespannt auf die ersten Bewerbungen mit Clips.

Selbst beim Kultgetränkehersteller Red Bull hat man trotz seines kreativen jungen Images keine Erfahrungen mit Videobewerbungen. Natascha Marbacher von der Personalabteilung hat nämlich bislang nur einen Film gesehen, wozu ihr ein Bewerber den Link auf seiner eigenen Homepage genannt hat. Eine optimistische Sicht auf Videobewerbungen hat Rolf Hiltl, Chef der Hiltl Gastronomie. Eine Videobewerbung hat er seines Wissens noch nie bekommen. Doch hat Hiltl ein sehr junges dynamisches Team, das aus vielen Nationalitäten zusammengesetzt ist und das Gesicht des vegetarischen Unternehmens stark mitprägt. Daher findet Rolf Hiltl die Idee durchaus spannend, gerade für den Service mit regem Kundenkontakt: «Ich würde es interessant finden, wenn man die Stimme und die Mimik einer Bewerbung in einem Kurzfilm erleben kann.»

 

 


«Ein Bewerbungsvideo soll nur eine Ergänzung sein»

Macht eine Videobewerbung Sinn?

Frank Bodin: Ein Video kann durchaus Sinn machen für ausgewählte Berufe in ausgewählten Situationen. Beispielsweise, wenn die Bewerbung aus Übersee kommt. Da kann man sich schon ein Bild darüber machen, wie die Person auftritt und wie sie spricht. Das ist ein interessanter Aspekt, weil man dann entscheiden kann, ob es Sinn macht, dass der Bewerber für eine engere Gesprächswahl extra herüberfliegt - oder eben nicht.

Wann finden Sie dieses neuartige Bewerbungstool weniger sinnvoll?

Bodin: Wenn man bemerkt, dass es mehr um Effekthascherei oder Show geht als um Inhalte. Oder aber wenn das Bewerbungsvideo unprofessionell gemacht ist, zum Beispiel, wenn jemand lediglich seinen Lebenslauf herunterliest.

Könnte eine Videobewerbung trotzdem das Zünglein an der Waage sein?

Bodin: Auf jeden Fall soll diese Technik nur eine Ergänzung sein, die in Form und Inhalt mit den anderen Bewerbungsunterlagen abgestimmt ist. Dabei werden die Softfaktoren, die die Persönlichkeit ausstrahlt, schon spürbarer, als dies in gedruckten Lebensläufen zum Ausdruck kommen kann. In diesem Fall kann ein Film eine Bewerbung tatsächlich sehr positiv beeinflussen.

Hat die Videobewerbung Zukunft?

Bodin: Generell ist zu sagen, dass die Bedeutung des Bewegtbildes zunehmen wird - wie auch Online-Bewerbungen absolut im Trend liegen, was vor ein paar Jahren noch verpönt war. Im Moment haben wir es aber noch mit einer Führungsgeneration zu tun, die älter und weniger gewohnt ist, mit den neuen Medien umzugehen. Im Gegensatz dazu ist die «Generation Apple» mit digitalen Medien und mobilem Internet aufgewachsen. Daher bin ich der Meinung, dass Videobewerbungen in Zukunft in ausgewählten Fällen eine grössere Rolle spielen werden.

Welche Rolle spielen Bilder auf sozialen Internetplattformen?

Bodin: Viele Personalabteilungen machen ihre Recherchen vermehrt digital. Sie scannen die Vergangenheit von interessanten Bewerbungen im Internet, auf Google, Xing, Facebook, Twitter und anderswo.

Was überzeugt Sie?

Bodin: Authentizität, Persönlichkeit und wenn in einer schriftlichen Bewerbung eigenständige Aussagen gemacht werden. Warum etwa jemand unbedingt bei uns einen Job sucht. Einer Bewerberin ist das wunderbar gelungen. Sie kannte unsere Arbeiten in einer unglaublichen Tiefe, sogar jene von mir, sie hat eine regelrechte Liebeserklärung an die Agentur gemacht und hatte zudem gute Zeugnisse und einem interessanten Lebenslauf. So etwas löst positive Energien aus - sie arbeitet nun bei uns. Ein Video allein hätte das nicht bewirkt.