Die Schweizer Verkehrspolitik zollt der Luftfrachtindustrie nicht die ihr gebührende Aufmerksamkeit. Der Lehrstuhl für Logistikmanagement an der Universität St. Gallen (LogHSG) nimmt das Defizit zum Anlass, eine Studie durchzuführen. Ziel ist es, eine strukturierte Darstellung der Verladeranforderungen an die heimische Luftfrachtbranche zu erarbeiten sowie diese per Analyse des nationalen und internationalen Luftfrachtmarkts zu fördern.

Durch Harmonisierung von Leistungsangebot, Infrastruktur und regulatorischem Rahmen könne die künftige Entwicklung der helvetischen Luftfrachtbranche positiv beeinflusst werden. Gleichzeitig solle die «Luftfracht als Wettbewerbsfaktor für den Wirtschaftsstandort Schweiz» betitelte Arbeit als Entscheidungsgrundlage für alle Interessengruppen dienen, so die LogHSG-Projektregisseure Jörg Hofstetter (Lehrbeauftragter) und Joachim Ehrenthal (wissenschaftlicher Mitarbeiter). In einem Workshop am diesjährigen Luftfrachtseminar des Swiss Shippers’ Council in Interlaken warb das Duo für eine engagierte (kostenpflichtige) Teilnahme an dem Projekt, das sich zunächst auf die Vorbereitung einer detaillierten Umfrage «mit möglichst hoher Branchenabdeckung» beschränkt. In der 2. Hälfte 2009 sollen rund 3000 Fragebögen ausgesandt werden, deren Rücklauf man auf etwa 10% veranschlagt.

Drei Entscheidungsgrundlagen

Die Studie wird vom Center for Aviation Competence (CfAC) geleitet und gemeinsam mit dem LogHSG, der Flughafen Zürich AG (Unique) sowie weiteren öffentlichen und privaten Organisationen durchgeführt. Sie soll drei Entscheidungsgrundlagen liefern: Für Unternehmen zur Positionierung und Optimierung ihrer Kooperation in der Wertschöpfungskette, für Politiker zwecks Gestaltung regulatorischer Rahmenbedingungen sowie für privatwirtschaftliche und öffentliche Institutionen.

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Die vier Kernpunkte der Arbeit sind: Aufzeigen der objektiven Relevanz der Luftfracht für die Schweizer Wirtschaft und Gesellschaft; strukturierte Darstellung des nationalen Luftfrachtaufkommens und seiner Entwicklungspotenziale; Identifikation der Anforderungen seitens inländischer Verlader und Empfänger von Luftfrachtservices; Beschreibung der nationalen Luftfrachtwertschöpfungskette inklusive des Leistungsspektrums ihrer Akteure.

Den Studienteilnehmern stellen die Initiatoren fünffachen «Gewinn» in Aussicht: Aktuelle Daten über die schweizerische Luftfrachtindustrie und ihre Teilmärkte, jüngste Fakten über Verladeranforderungen, Identifikation von Handlungs- und Investitionsoptionen, Ableitung der eigenen strategischen Positionierung im heimischen Luftfrachtmarkt sowie Gelegenheit, einen Beitrag zur objektiven Diskussion der eidgenössischen Luftfrachtverkehrspolitik zu leisten. «Bislang fokussierte die politische und gesellschaftliche Diskussion auf Passagierverkehre», kritisierten Hofstetter und Ehrenthal unisono. Hofstetter: «Deren Zusammenhang mit der Luftfracht - Stichwort: Unterflurladung - und dem Volkswohlstand wurde ignoriert.» Es sei an der Zeit, dem Publikum die Interdependenz klarer zu kommunizieren. Da sei «zu wenig Überzeugungsarbeit geleistet worden - ein Manko, für das wir uns alle an die eigene Nase fassen müssen».

Dringender Handlungsbedarf

Aus Sicht der Projektinitiatoren besteht dringender Handlungsbedarf, zumal die Schweizer Wirtschaft ihre Aktivitäten zunehmend auf ausländische Flughäfen verlagere. Der Trend bedrohe nationale Standorte und Wertschöpfungsplätze. Die Infrastrukturentwicklung komme kaum voran, weil sie nicht im strategischen Fokus der Administration liege. Helvetiens Anbindung an den Welthandel sei im Waren- und somit Personentransport mittelfristig gefährdet.