Lange Zeit wurden Schwellenländer als homogene Anlageregion betrachtet, wo universelle Wachstumstreiber und entsprechend vergleichbare Bewertungen galten. In der Tat trifft dies auf manche Faktoren wie eine vergleichsweise jüngere Bevölkerung und eine wachsende Konsumkultur nach wie vor zu. In anderen Belangen weichen Asien und Lateinamerika aber inzwischen stark voneinander ab. So hat das ressourcenreiche Lateinamerika bis anhin besonders stark vom Rohstoffboom profitiert - allen voran Firmen wie Codelco in Chile, der weltweit grösste Kupferproduzent, und Vale in Brasilien, die globale Nummer eins in der Eisenerzproduktion. Die beiden Titel sind gegenüber jenen wichtiger westlicher Player inzwischen deutlich überbewertet. Da die Aktien von Codelco und Vale einen signifikanten Anteil an ihrem jeweiligen Heimmarkt haben, sorgen sie für eine Überbewertung der betreffenden Aktienmärkte.

Dabei wird gerne übersehen, dass es in Lateinamerika noch etliche Firmen gibt, deren Titel attraktiv bewertet sind. Zunehmend ist es der Konsumboom, der zahlreiche neue Investoren anzieht. Während der brasilianische Aktienmarkt noch das Bild einer Energiemacht vermittelt, steht die Binnenwirtschaft bereits für ein Volk, das in seiner Konsumlust den Amerikanern und Europäern in nichts nachsteht.

Asien seinerseits war derweil lange Zeit Produktionsstätte für billig hergestellte Waren. Inzwischen mausert es sich aber zusehends zum Standort für technologische Innovationen, was sich unter anderem am wachsenden Marktanteil von Unternehmen wie Hon Hai Precision und Acer ablesen lässt. Asien gilt denn auch als einer der reifsten Märkte unter den Emerging-Market-Regionen und hat grosse Anstrengungen unternommen, seine Exportabhängigkeit zu reduzieren. Inzwischen machen die Ausfuhren an Industriestaaten nur noch knapp die Hälfte des Handelsvolumens aus.

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Aufgrund der steigenden Binnennachfrage dürften asiatische Firmen in den nächsten Jahren schneller wachsende Erträge aufweisen als solche westlicher Regionen. Dies schlägt sich bereits heute in einer Bewertung der betreffenden Gesellschaften nieder, die sich jenen der Industriestaaten stark angeglichen hat. Angesichts der schwachen Wachstumsaussichten im Westen sind die Bewertungen aber auf lange Sicht immer noch attraktiv.

Hoffnungsträger EMEA

Die attraktivsten Anlagemöglichkeiten, um am Wachstumserfolg der Schwellenländer zu partizipieren, bietet derzeit die sogenannte EMEA-Region - die englische Abkürzung für Europa, Naher Osten und Afrika. So zählen in diesem Wirtschaftsraum Russland und die Türkei zu den am günstigsten bewerteten Märkten, die Investoren offenstehen - Russland mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 7 und Türkei mit weniger als 10. Die geografisch weitläufige EMEA-Gruppe hat zwar ausserhalb Westeuropas hinsichtlich Corporate Governance und der Entwicklung ihrer Kapitalmärkte noch viel Nachholbedarf, was viele Anleger fernbleiben lässt und die Bewertungen tief hält. Dennoch verfügen Russland und Schwarzafrika über reiche Bodenschätze und Unternehmergeist. Sie haben damit das Potenzial, sich zu bedeutenderen Anlagemärkten zu entwickeln, zumal das Wirtschaftswachstum von einem vergleichsweise tiefen Niveau ausgeht. Ebenfalls unterbewertet sind die Märkte in Osteuropa, die unter der Schwäche des Finanzsystems in ihrer Region leiden.

Früher Hochrisiko, heute «Safe haven»

Nachdem sich die Schwellenländer konjunkturell deutlich widerstandsfähiger und stabiler erwiesen haben als mancher Industriestaat, erscheint diese Risikowahrnehmung nicht mehr adäquat. Das Risiko der Staatsverschuldung, das einst als grosse Gefahr für die Stabilität der Schwellenländer erachtet wurde, stellt inzwischen fast eher eine Bedrohung für die Industriestaaten dar. Die vergleichsweise bessere Schuldenquote der Schwellenländer und ihre gesunden Devisenreserven haben für einen signifikanten Zinsanstieg in Emerging-Market-Anleihen gesorgt und sie zur Anlageklasse mit der besten Performance in den vergangenen Jahren gemacht (siehe Grafik).

Im aktuellen Anlageumfeld bleiben sie unvermindert attraktiv: Obligationenanleger suchen zunehmend nach Diversifikationsmöglichkeiten in Schwellenländern, im wachsenden Bewusstsein, dass die Anleihen westlicher Staaten je länger, je weniger die gewohnte Sicherheit bieten. Das Risiko-Ertrags-Profil von Emerging-Market-Anleihen hat sich drastisch gewandelt. Frühe Investoren, die bereit waren, das erhöhte Ausfallrisiko auf sich zu nehmen, konnten aktienähnliche Erträge erzielen. Im Nachhinein haben sich diese Risiken als überbezahlt erwiesen, was sich in überdurchschnittlichen Renditen niedergeschlagen hat. Inzwischen verfügen nahezu 60 Prozent der Anleihen über Investment-Grade-Status. Einige Investoren erachten sie gar schon als «sicheren Hafen», weil diese Staaten für Wachstum stehen, Heimat global wichtiger Rohstoffe sind und ein exzellentes demografisches Profil aufweisen. Erträge, wie sie früher möglich waren, sollten Anleger trotzdem nicht mehr erwarten. Von einer Mehrrendite gegenüber Anleihen westlicher Staaten dürfen sie aber gleichwohl ausgehen.

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