Das merkwürdige Objekt im ­Sitzungszimmer der TwingTec ist vielleicht ein Gleitschirm. Oder ein Faltboot? Ein Sonnensegel? Oder ein riesiger Lenkdrache? Der Verwendungszweck der aufblasbaren Hülle lässt sich jedenfalls nicht so leicht enträtseln. «Es handelt sich um eine Leichtbautragstruktur, die wir nach dem Prinzip der Tensairity-Technologie entwickelt haben», lüftet TwingTec-Chef Rolf Luchsinger das Geheimnis. Doch was soll sich der Laie unter Leichtbautragstruktur und Tensairity-Technologie vorstellen?

Luchsinger muss etwas weiter ausholen. Der studierte ETH-Physiker leitet das Center for Synergetic Structures (CSS) an der Empa. Dieses ist als öffentlich-private Partnerschaft einer zwischen dem Forschungsinstitut und einer Tochterfirma der in der Automatisierungsindustrie tätigen deutschen Festo entstanden. «Die Tensairity-Technologie wird genutzt, um besonders leichte Dächer und Brücken zu bauen», erklärt Luch­singer. Gleichzeitig begann aber das CSS-Team, mit der Technik aufblasbare Flugobjekte zu bauen. Diese waren aus dem gleichen Material wie normale Spielzeugdrachen. Aber grösser und stärker.

Ein Sportdrachen taugt nicht

Spielzeuge für Erwachsene? «Nein, im Hinterkopf hatten wir die Idee, mittels solcher ‹Drachen› die Windenergie zu nutzen», verrät Luchsinger. Er verweist auf eine wissenschaftliche Publikation aus dem Jahre 1980. Darin beschreibt ein Amerikaner, wie es funktionieren könnte mit den fliegenden Drachen, die Strom erzeugen sollen. Darin ist von «Kite Power» die Rede.

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«Als wir so weit waren, dass wir gute Drachen bauen konnten, haben wir uns an den nächsten Schritt herangewagt, die Strom­erzeugung», so Luchsinger. Es war auch der Zeitpunkt, ab welchem die spielerische ­Vorgeschichte der TwingTec ernsthaftere Formen annahm. Das Team am CSS kam zum Schluss: Ein Sportdrachen, wie er zum Kitesurfen benutzt wird, taugt nicht zur Stromerzeugung. Gesucht war eine aero­dynamischere und effizientere Form, um das geplante Windkraftwerk in Schwung zu bringen. Ein erstes «Fluggerät» schaffte es dann bis ins Fernsehen. Vor dem Bildschirm sass auch Corey Houle, Spezialist für die Entwicklung mechanischer Systeme an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Windisch, der selber schon an «Kite ­Power» herumtüftelte. Nach der Sendung kontaktierte er das CSS-Team und erklärte sich bereit, für den Stromdrachen die ­Bodenstation zu bauen. Das war der Startschuss für das «Swiss Kite Power»-Projekt, mit der FHNW, der EMPA, der ETH und ­Alstom als Beteiligten. Im Sommer 2013 schliesslich wurde TwingTec gegründet.

Der nun für das Windkraftwerk vorliegende Flügel erinnert nur noch entfernt an einen Drachen, überzeugt aber mit seiner Effizienz. Quer zur Strömung fliegt er um ein Vielfaches schneller als der Wind. Die dabei auf den Flügel wirkenden Kräfte werden mittels Schnur und Spule auf den Boden übertragen. Dort ist es Aufgabe des Generators, die mechanische Energie aus der Luft in Strom zu verwandeln.

90 Prozent weniger Material

Das neue Windkraftwerk hat gegenüber herkömmlichen Anlagen mehrere Vorteile: Statt eines teuren Turms und schwerer Fundamente braucht es bloss eine Schnur, womit sich mehr als 90 Prozent des Materials einsparen lassen. Zudem kann es in grös­sere und windigere Höhen vorstossen und mobil eingesetzt werden. Und es ist leiser und optisch diskreter. «Ausserdem liefern wir die einzige erneuerbare Energie, deren Gewinnung beim Zuschauen grossen Spass macht», sagt der Firmenchef.

Doch so weit ist es noch nicht. Das Drachenkraftwerk ist derzeit noch nicht lie­ferbar. Im Moment baut das fünfköpfige TwingTec-Team eine Demonstrationsanlage. Im nächsten Jahr soll die erste Pilotanlage realisiert werden. Sie wird den Bedarf von 45 Haushalten decken können. Wenn alles rund läuft, wird 2016 das erste TwingTec-Kraftwerk ab Stange dem Markt ausgeliefert. Wie viel das Kraftwerk kosten wird, ist noch nicht festgelegt. «Aber die Stromgestehungs­kosten werden deutlich tiefer sein als bei herkömmlichen Windkraftwerken», erklärt Luchsinger.