Ein Vergleich von Versicherungsabschlüssen über die Landesgrenzen hinweg gestaltet sich heute äusserst schwierig. Die nationalen Rechnungslegungsstandards weisen markante Unterschiede auf. Speziell die kleineren und mittleren Unternehmen stützen sich bei der Bewertung der versicherungstechnischen Verpflichtungen auf die handelsrechtlichen Grundsätze in den einzelnen Nationen. Grössere Versicherer mit einem internationalen Aktionsradius verwenden demgegenüber für die Darstellung der Versicherungstechnik die amerikanischen Rechnungslegungsvorschriften US-GAAP.

Mit dem Versicherungsprojekt des International Accounting Standards Board (IASB) wird bereits seit Anfang dieses Jahrzehnts versucht, einen einheitlichen Standard für die Versicherungsverträge durchzusetzen. Im letzten Sommer wurde ein «discussion paper» vorgestellt, das sich auf die Fair Value-Bilanzierung ausrichtet. Weil für Versicherungsverträge normalerweise keine Marktpreise zur Verfügung stehen, soll gemäss dem Diskussionspapier ein aktueller Verkaufspreis (Current Exit Value) bestimmt werden. Diese Methodik wird für sämtliche Sparten der Assekuranz angewandt. Damit entfällt die Unterscheidung zwischen Le-bens-, Nichtlebens- und Rückversicherungsverträgen. Experten weisen aber darauf hin, dass die Definition eines Versicherungsvertrages im vorgelegten Papier nicht näher thematisiert wird. Das IASB wird diese notwendige Einordnung erst zu einem späteren Zeitpunkt vornehmen.

Höhere Volatilität

Bisher erfolgte die Bewertung aller Versicherungspflichten auf Kostenbasis. Diese Methode soll nun abgelöst werden durch eine jährliche Bestimmung des aktuellen Verkaufspreises anhand von drei neuen Bewertungsaspekten. Dazu gehört die jährliche Schätzung der vertraglich festgehaltenen Cash-flows, des Zeitwerts des Geldes (Diskontierung) sowie der Margen inklusive der Risiko- und Servicemargen. Die Bewertung anhand dieser Bausteine führt zum Current Exit Value. Das entspricht der Summe, die ein Versicherer am Berichtstag zahlen müsste, wenn er alle seine vertraglichen Rechte und Pflichten sofort veräussern wollte.

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In Versicherungskreisen wird der vom IASB verfolgte Ansatz, der auf einen Gleichklang zwischen Fair Value-Bewertung von Finanzinstrumenten und Versicherungsprodukten abzielt, weiterhin kritisch verfolgt. Speziell die kleineren Versicherer haben immer wieder darauf hingewiesen, dass der dynamische Ansatz für sie äusserst aufwendig ist. Die Unternehmen sind gezwungen, an jedem Bilanzstichtag umfassende Szenarioanalysen und Simulationsrechnungen durchzuführen. Mit den laufenden Veränderungen erhöht sich zudem die Volatilität der Abschlusszahlen. Die Ermittlung des Current Exit Value via Schätzungen über erwartete Prämien, Schäden und Kosten, der Diskontierung sowie der Einbeziehung der Risikomarge geht davon aus, dass ein Versicherer grundsätzlich sämtliche Verbindlichkeiten zu jedem Zeitpunkt am Markt veräussern kann. Dies ist allerdings in der Realität nicht gegeben.

Die Accounting-Spezialisten weisen darauf hin, dass sich bei der Bewertung von Langzeitverträgen, wie etwa den Lebensversicherungen, starke Abweichungen im Zeitablauf ergeben. Denkbar sind Muster, bei denen die hohen Abschlusskosten trotz eines insgesamt durchaus profitablen Abschlusses am Jahresende zu einem Verlust führen. Solche Ausschläge wirken am Kapitalmarkt irritierend. Deshalb plädieren Branchenkenner dafür, mit den existierenden Informationsressourcen der Versicherer einen Wert zu ermitteln, der den ökonomischen Realitäten entspricht.

Das Diskussionspapier des IASB dient dazu, erste Ansätze für einen neuen Versicherungsstandard in eine breite Vernehmlassung zu bringen. Aus der Assekuranz kommen sehr viele Vorbehalte. In einem nächsten Schritt ist ein Exposure Draft zum endgültigen Standard für Ende 2008 geplant. Zeitlich bleibt für weitere Anpassungen noch etwas Spielraum: Erst 2012 soll in der EU das Aufsichtssystem Solvency II in Kraft treten. Spätestens dann müssen die Accounting-Regeln IFRS für die Versicherungswirtschaft bereit sein.