Die Exporte der Schweiz näherten sich im letzten Jahr der 200-Milliardengrenze. Wird diese Grenze in diesem Jahr nun überschritten?

Daniel Küng: Mit Sicherheit, obwohl wir ein etwas langsameres Wachstum haben. Aber wir haben immer noch Wachstum.

Welchen Anteil an diesem Erfolg hat Osec?

Küng: Das ist schwierig zu quantifizieren. Wir würden gerne unseren Nutzen nachweisen können, und zu diesem Zweck haben wir auch schon verschiedene Hochschulen beauftragt, ein entsprechendes Messinstrument zu entwickeln. Aber eine überzeugende Lösung ist dabei nicht herausgekommen.

Wie viele der rund 37 000 exportierenden Schweizer Unternehmen beanspruchen Ihre Dienstleistungen?

Küng: Wir führen pro Jahr rund 2000 Beratungsgespräche durch, wovon ein ansehnlicher Teil auch Neukunden sind. Über die letzten zehn Jahre gerechnet dürften 7000 bis 9000 Unternehmen unsere Dienste beansprucht haben.

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Was kann Osec bei der Exportförderung einzelnen Unternehmen bieten?

Küng: Eigentlich fast alles, also eine Begleitung beim Exportprozess, von der Erstberatung, wenn ein Unternehmen mit einer Expansionsidee an uns herantritt, bis zur Markteinführung des Produktes in einer bestimmten Region. Die Unterstützung erfolgt über drei Stufen: Wir liefern die notwendigen Erstinformationen über Länder, Märkte und Branchen. Auf der zweiten Stufe bieten wir im Rahmen eines Export-Audits, bei dem anhand eines Fragenkatalogs die Exportfähigkeit geprüft wird, individuelle Beratung an und vermitteln Kontakte zu unseren eigenen Experten in den Swiss Business Hubs vor Ort, die ihrerseits die Firmen mit lokalen Spezialisten und allenfalls Importeuren zusammenbringen. Diese beiden ersten Stufen sind gratis, für die dritte Stufe hingegen, die Detailberatung, muss der Kunde bezahlen.

Was kann Osec nicht bieten?

Küng: Wir können wegen unserer verhältnismässig bescheidenen finanziellen und personellen Ressourcen nicht alle Dienstleistungen selber anbieten und müssen, wenn es um kompliziertere Geschäfte geht, externe Experten beiziehen.

Nehmen wir ein Beispiel: Ein Schweizer KMU möchte den Schritt nach Russland wagen, und zwar jenseits des Urals, nach Sibirien. Was bietet ihm Osec?

Küng: Wir haben Experten im Swiss Business Hub in Moskau, die von dort aus den russischen Markt bearbeiten und Kontakte zu Leuten etwa in Ekaterinenburg vermitteln können. Zudem kommen unsere Hub-Mitarbeiter regelmässig in die Schweiz und stehen dann Unternehmen, die sich für eine Expansion nach Russland interessieren, Red und Antwort. Vom 5. bis 10. Oktober waren zum Beispiel die Trade Officer des Swiss Business Hubs aus Moskau in Zürich. Diese sind bereit, die Firmen zwecks notwendiger Kontaktaufnahme ? mit Behörden, Importeuren, Vertriebsfirmen und anderen in der Region aktiven Schweizer Unternehmen ? in Russland zu begleiten und auch bei den Verträgen zu unterstützen.

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Sind die 16 Swiss Business Hubs der Schweiz weltweit richtig verteilt, oder braucht es da Korrekturen?

Küng: Die Verteilung muss immer wieder neu beurteilt werden, weil sich die Schwergewichte beziehungsweise die Anforderungen von Wirtschaftsbeziehungen laufend verändern. Tendenziell fahren wir die Hubs in Europa eher zurück und verstärken sie in den erwähnten Wachstumsmärkten. Sowieso ist Europa für den Exporteur inzwischen so transparent, dass er in der Regel auch ohne unsere Hilfe den Weg findet. Geht es hingegen in die Türkei, nach Kasachstan oder Indien, wird unsere Unterstützung notwendig, weil ihm dann oft weniger private Berater kostengünstig zur Seite stehen.

Böse Zungen behaupten, dass es keine Osec braucht, solange die Weltkonjunktur nicht stottert. Anders gefragt: Was könnte Osec in einer Krise zusätzlich bewirken?

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Küng: Wir arbeiten sowohl zyklisch als auch antizyklisch, mit gutem Resultat, denn die Schweiz gehört pro Kopf gerechnet zu den fünf exportstärksten Ländern überhaupt. Diese starke Stellung verdanken wir einerseits den innovativen Unternehmen, die rund 700 Mrd Fr. im Ausland investiert haben, andererseits einem System, das über Osec die Exportbemühungen frühzeitig unterstützt.

Welche in der Schweiz verankerten Branchen haben ihr Exportpotenzial noch längst nicht ausgeschöpft?

Küng: Die Hersteller von Präzisionsinstrumenten und Uhren, die Medizinaltechnik, die Umwelt- und Energietechnik. Viel mehr möglich ist auch im Dienstleistungsbereich, zum Beispiel im Gesundheitswesen.

Seit Januar 2008 hat Osec zusätzlich zur Exportförderung mit der Standortpromotion, der Import- und der Investitionsförderung drei weitere Aufgaben erhalten. Die Aussenwirtschaftsförderung ist damit sozusagen unter einem Dach, wie Sie das gewünscht haben. Sind Sie nun am Ziel Ihrer Vorstellungen?

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Küng: Wir sind jedenfalls einen grossen Schritt weiter. Grosse Synergien ergeben sich aus der Nähe von Exportförderung und Standortpromotion. Denn es handelt sich um ganz ähnliche Aufgaben, wenn auch in entgegengesetzte Richtungen. Die Zusammenführung der verschiedenen Aufgaben unter einem Dach erlaubt es der Schweiz, im Ausland geschlossener aufzutreten. Wir zeigen uns dort nicht als Osec, sondern treten ? wie Schweiz Tourismus ?unter «Switzerland» auf. Am sinnvollsten wäre sowieso, wenn alle im Ausland aktiven Organisationen aus der Schweiz unter einheitlichem Label wären, denn das würde die Werbewirksamkeit mehr als addieren.

Osec arbeitet mit einem Budget von rund 35 Mio Fr. Woher kommt das Geld?

Küng: Rund 27 Mio Fr. pro Jahr erhalten wir vom Bund. 8 Mio Fr. generieren wir über eigene Beratungsleistungen sowie Mitglieder- und Sponsorenbeiträge.

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Mehr als zwei Drittel vom Staat: Diese Abhängigkeit von Bundesgeldern kann wohl kaum der perfekte Finanzierungsschlüssel einer Organisation sein, die im Dienste einer liberalen und globalen Wirtschaft steht?

Küng: Eigentlich haben Sie Recht. Aber wir sollen gemäss politischem Auftrag einen Service public anbieten. Wir sollen die KMU kostengünstig beraten, und wir dürfen die privaten Beratungsunternehmen gemäss Subsidiaritätsvorgabe nicht konkurrenzieren. Wir hatten früher einen höheren Eigenfinanzierungsgrad, aber das führte zu starken Konflikten mit den privaten Beratungsunternehmen. Ob der heutige Finanzierungsschlüssel, der eine politische Lösung darstellt, noch zeitgemäss ist, kann durchaus hinterfragt werden.

Ihnen schweben stärkere Partnerschaften mit privaten Unternehmen vor. Gibt es da bereits erste Erfolge?

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Küng: Die Vernetzung erfolgt vor allem über den Pool of Experts, und dieser hat sich sehr gut entwickelt. Auf dieser One-Stop-Datenbank, die zur Nutzung für jedermann auf dem Internet kostenlos zur Verfügung steht, bieten inzwischen rund 400 private Beratungsunternehmen den exportwilligen Firmen ergänzend zu unseren Schritten weitere Dienste an.

Ist Osec finanziell und personell nun so ausgestattet, dass sie bei ihren Aufgaben aus dem Vollen schöpfen kann?

Küng: Für die Exportförderung sind wir genügend dotiert, auch wenn wir nicht ganz aus dem Vollen schöpfen können, aber wer kann das schon. Unbedingt mehr Mittel bräuchten wir für die Standortpromotion im Ausland. Da haben uns andere Länder wie Irland, Spanien, die Benelux-Staaten und die skandinavischen Länder längst abgehängt. Wenn wir nicht grössere Anstrengungen unternehmen, verspielen wir unsere Chancen in einem unbarmherzigen Standortwettbewerb.

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Ein Schwachpunkt der Standortpromotion war lange Zeit der verzettelte Auftritt von Kantonen. Ist das nun mit der Übergabe der Aufgabe an Osec definitiv Vergangenheit? Oder gibt es weiterhin Kantone, die lieber ein Sonderzüglein fahren?

Küng: Die Kantone geben etwa 30 bis 40 Mio Fr. jährlich für die Standortpromotion und -pflege aus, während uns dafür in diesem Jahr lediglich 3,4 Mio Fr. zur Verfügung stehen. Im Moment verhandeln wir mit dem Bund und den Kantonen über eine Aufstockung dieses Betrages. Eine einheitliche Promotion über die Plattform «Switzerland» ist vor allem in Ländern wie China, Japan und den USA sehr wichtig. Dort machen Auftritte einzelner Kantone keinen Sinn, denn die Chinesen oder Japaner kennen «Switzerland», aber nicht Appenzell, Bern, Glarus oder Zürich. Sinnvoll auf kantonaler Ebene ist hingegen die Standortpromotion unter eigenem Label im nahen Ausland.. Denn bezüglich Promotion gilt: Je weiter wir uns ins Ausland vorwagen, desto wichtiger wird ein national geeinter Auftritt.

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Wie viele zusätzliche Angestellte brauchen Sie für eine wirksamere Promotion?

Küng: Osec hat gegenwärtig 85 Mitarbeitende, und mehr als ein halbes Dutzend zusätzliche Kräfte wären dafür nicht notwendig, zumal wir in der Standortpromotion viel mit externen Partnern zusammenarbeiten.

Was ist Ihre nächste Vision?

Küng: Ich sehe ein Aussenhandelsförderungszentrum, das nicht mehr zwischen Export, Import und Investitionen unterscheidet, sondern grundsätzlich alle Bemühungen zur Internationalisierung der Wirtschaft und zur entsprechenden Vernetzung unterstützt. Wir müssen aufhören zu denken, dass nur Export für uns gut ist. Natürlich ist Export gut, aber letztlich geht es um alles, was der Erhöhung der Wertschöpfung und des Wohlstands einer international ausgerichteten Volkswirtschaft dient.