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Güterverkehr
Ein erheblicher Handlungsbedarf

 

Vier Experten zu den Problemen im Schweizer Strassenverkehr. Sie verlangen adäquate Mittel für Schiene und Strasse.

Von Kurt Bahnmüller
am 19.02.2014

Fünf Fragen an vier Insider

  1. Welches sind derzeit die grössten Probleme, mit denen der Migros-Genossenschafts-Bund (MGB) im Schweizer Güterverkehr konfrontiert ist?
  2. elche Initiativen müssen ergriffen werden, um längerfristig eine effiziente Güterver­sorgung zu sichern?
  3. Sehen Sie in Zukunft Möglichkeiten, die Schiene mittels Kombiniertem Verkehr verstärkt in der Güter­versorgung nutzen zu können?
  4. Wie beurteilen Sie die zukünftige Ent­wicklung im Strassentransport? Genügt die derzeitige Struktur an Logistik­zentren oder sind hier Veränderungen notwendig?
  5. Genügt aus Ihrer Sicht das Strassennetz den Anforderungen und wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Bernhard Metzger, Leiter Direktion Logistik Transport, Migros-Genossenschafts-Bund (MGB), Zürich

1.
Auf der einen Seite werden die Zeitfenster am Abholort (Produktionsstätte oder Verteilzentrum) wie auch am Zustellort (Verkaufsstelle) zunehmend restriktiver. Das hängt mit den fortlaufenden Optimierungsbestrebungen, wie beispielsweise der besseren Personaleinsatzplanung oder auch mit den Platzverhältnissen (Rampenverfügbarkeit), zusammen. Auf der anderen Seite ist die zunehmend erschwerte Planbarkeit des Verkehrs- und Transportflusses bei Stras­sentransporten eine grosse Herausforderung. Eine weitere Problematik sind die hohen Mengenschwankungen, welche die kurzfristige, ausserordentliche Beschaffung von Transportkapazität bedingt. Zu den Herausforderungen der Branche zählt sicher auch der Mangel an qualifiziertem Fahrpersonal, auf das wir langfristig zählen können. Hier ist vor allem das Problem des Nachwuchses von ausgebildeten Chauffeuren zu erwähnen.

2.
Wir müssen abschätzen und simulieren, wie sich die Bevölkerungs-, Wohn- und Arbeitssituation der Gesellschaft und – davon ableitend – deren Bedürfnisse (Einkaufsverhalten, Ladenöffnungszeiten) entwickeln. Und wir müssen die Verkehrssituation in 2, 5, 10, 20, 50 Jahren und auch die Kapazitäten von heutigen und geplanten Infrastrukturen abschätzen. Es gilt dann zu planen, mit welchen Transportmitteln wir kurz-, mittel- und langfristig die Transportlogistikbedürfnisse befriedigen könn(t)en und möchten.

3.
Ja. Die grossen Vorteile von Bahntransporten gegenüber Strassentransporten sind die fixen Fahrpläne auf reservierten (Bahn-)Trassen, die zu einer höheren Pünktlich- und Planbarkeit führen. Zudem können neuralgische Stauzonen (zum Beispiel die Grossräume Zürich und Lausanne) elegant umfahren werden. Wir setzen – ergänzend zum konventionellen Stras­sentransport und zum Wagenladungsverkehr auf der Schiene – bereits heute den Kombinierten Verkehr (KV) für Transporte in alle Regionen der Schweiz ein.

4.
Logistikzentren gibt es genügend. Es stellen sich vielmehr Fragen, ob die Zentren an den richtigen Orten stehen, über die langfristig benötigten Kapazitäten verfügen und auch effizient arbeiten, um die Bedürfnisse der Kunden auch in Zukunft befriedigen zu können. Entscheidend ist, dass – wenn Unternehmen des Bundes Terminals planen – diese Planungen von vorneweg auch mit den Kunden abgestimmt und nachfrageorientiert erfolgen.

5.
Wir sind in unserem Land gefordert umzudenken, weil wir den Verkehr eben nicht isoliert auf Personen- und auf Güterverkehr oder auf einzelne Verkehrsträger wie Schiene und Strasse beurteilen dürfen, sondern integral (Stichwort: Gesamtkonzeption). Wichtig ist uns im Kontext von Finanzierungsvorhaben wie Fabi oder NAF, dass wir die Gesamtsicht behalten und eben adäquat Mittel für Unterhalt und Ausbau von Schiene und Strasse bereitstellen und damit langfristig optimale Voraussetzungen für den Fluss des Verkehrs schaffen.

Josef A. Jäger, VR-Präsident der Camion Transport AG, Wil

1.
Darunter fallen sicher der scharfe Wettbewerb und der zunehmende Druck ausländischer Strassentransporteure. Zudem wird es immer schwieriger, geeignete Standorte für Logistikzentren zu finden, da sowohl ein Bahnanschluss als auch eine optimale Anbindung an die Autobahn vorhanden sein müssen. Ein weiteres Problem ist die Verkehrssituation in der Schweiz. Die Staus auf den Hauptverkehrsachsen, aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens und des fehlenden Ausbaus des Strassennetzes, führen dazu, dass für die Chauffeure längere Wartezeiten entstehen. Dies vermindert die Effizienz der Güterversorgung.

2.
Die Kapazitäten der Strasse wie auch der Bahn müssten ausgebaut werden, um dem höheren Verkehrsaufkommen gerecht zu werden. Der Ausbau des Strassennetzes allein reicht nicht. Gleichzeitig müsste auch die Kapazität der Bahn für den Güterverkehr verbessert werden, weil sonst die Verlagerung des Gütertransports auf die Schiene nicht möglich sein wird. SBB Cargo ist gegenüber dem SBB-Personenverkehr heute stark benachteiligt.

3.
Camion Transport nutzt bereits die Möglichkeiten des Kombinierten Verkehrs, verlagert also auf die Schiene, wenn dies ökologisch und ökonomisch sinnvoll ist. Sofern der ökologische wie auch ökonomische Nutzen gegeben sind, wird auch eine intensivere Nutzung der Schiene angestrebt. Dies bedingt aber wiederum, dass die Kapazitäten der Bahn für den Gütertransport ausgebaut werden. Durch die geografische Lage und schwierige Topographie unseres Landes sind aber die Möglichkeiten eingeschränkt. Ausserdem macht die Verlagerung auf die Schiene nicht in jedem Fall Sinn, abhängig vom Standort des Warenversenders, respektive des Warenempfängers.

4.
In Sachen Raumplanung müsste ein vernetztes nationales Denken Vorrang haben. In Industriezonen mit guten Anbindungen müssten explizit auch Areale für Logistikzentren reserviert werden. Sonst werden die Bedürfnisse der Landesversorgung für die Zukunft ungenügend abgedeckt sein.

5.
Das heutige Schweizer Strassenverkehrsnetz genügt den Anforderungen zu wenig. In den grösseren Agglomerationen, beispielsweise im Raum Zürich und Bern, ist die Verkehrsinfrastruktur ungenügend und müsste ausgebaut werden. Auf den Abschnitten der Hauptverkehrsachse A1 Winterthur–Bern und Lausanne–Genf würde eine sechsspurige Verkehrsführung Entlastung bringen. In der Folge würden weniger Staus verursacht, sprich weniger Treibstoff verbraucht und damit Natur und Umwelt geschont. Aus verkehrstechnischen wie auch ökologischen Gründen müsste also dringend ein Fonds zur Finanzierung und zum Ausbau der Strasseninfrastruktur geschaffen werden.

Nils Planzer, VR-Präsident und Chief Executive Officer (CEO) Planzer Transport AG, Dietikon

1.
Von grossen Problemen würde ich nicht sprechen, eher von Herausforderungen, welche in den kommenden Jahren angepackt werden müssen. Der Dialog und die Zusammenarbeit unter den Stakeholdern funktioniert derzeit sehr gut. Dass Schiene und Strasse zusammengehören, ist heute allgemein anerkannt, auch von der Politik. Positiv zu werten ist, dass die derzeitigen Probleme im Schweizer Güterverkehr konstruktiv und in einem gegenseitigen Dialog diskutiert werden.

2.
In Zukunft müssen die richtigen Prioritäten gesetzt werden. Die Probleme im Schweizer Güterverkehr können nur mit gemeinsamen Initiativen gelöst werden, in denen jeder Verkehrsträger seinen Vorteilen entsprechend zum Einsatz gelangt. Die Probleme und Aufgaben des innerschweizerischen Güterverkehrs müssen stärker als bisher in den Vordergrund gerückt werden. Vor allem im Agglomerationsverkehr müssen die Kapazitäten dringend erweitert werden, sollen die Staus nicht noch mehr anwachsen. Der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur muss durch flexiblere Verfahren beschleunigt werden.

3.
Rund 60 Prozent der Güter im schweizerischen Binnenverkehr transportiert Planzer auf der Schiene. Der klassische Kombiverkehr, das heisst der Transport von Wechselbehältern, kann in der Schweiz nur dann wirtschaftlich sinnvoll betrieben werden bei einer Paarigkeit des Verkehrs und wenn Bündelungseffekte genutzt werden können. Wenn nicht mindestens fünf gut ausgelastete Eisenbahnwagen auf einer täglich befahrenen Relation bewegt werden können, kann Kombiverkehr nicht effizient betrieben werden. Kleine Voluminas können in der Schweiz mit Wechselbehältern auf der Schiene nicht kostendeckend befördert werden.

4.
Die Schweizer Volkswirtschaft wird in Zukunft – nicht zuletzt aufgrund der Zuwanderung – wachsen, unter anderem wird dadurch der Bedarf an logistischer Infrastruktur zunehmen. Davon hängt auch die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Industrie in hohem Masse ab, die sich verstärkt auf ihre Kerngeschäfte konzentriert und logistische Aufgaben an professionelle Dienstleister auslagert. Diese wiederum benötigen für einen effizienten Warenfluss entsprechend geeignete regionale Logistikeinrichtungen.

5.
Die Grossräume Zürich, Genf und Lausanne, aber auch die Ostschweiz und das Tessin sind zu oft überlastet. Dort muss die Verkehrsinfrastruktur ausgebaut werden. Hier besteht ein nicht unerheblicher Handlungsbedarf. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass die täglichen Kapazitätsengpässe nur während einiger Stunden auftreten. Wir müssen auch im Bereich Verkehrsmanagement kreative Lösungen anstreben, um den Verkehr effizienter zu lenken. Zudem müssen die Gelder, welche der Strassenverkehr jährlich abliefert, auch in den Ausbau der Strasseninfrastruktur investiert werden.

Stefan Luginbühl, Leiter Paket National/International und Mitglied der Geschäftsleitung PostLogistics, Bern

1.
Die rege Bautätigkeit am Schienennetz verursacht Streckensperrungen, die kostenintensive Umgehungstransporte nach sich ziehen. Zum Beispiel im Rheintal, im Wallis oder zwischen Zürich und Winterthur.

2.
Die Güterversorgung ist mit der heutigen Infrastruktur auch zukünftig gesichert. Die entscheidende Frage ist, ob der Bahnanteil gesteigert werden kann oder muss. Zur Gewährleistung einer stabilen Güterversorgung ist es allerdings unabdingbar, dass die Instandhaltung der bestehenden Infrastrukturen – sowohl Schiene wie Strasse – nicht vernachlässigt wird.

3.
Wenn sich der Personenverkehr weiterentwickelt wie bisher, wird die Trassenverfügbarkeit für Gütertransporte eher ab- als zunehmen. Waren früher die Personen tendenziell am Tag und die Güter nachts unterwegs, so zeigt sich heute ein anderes Bild: 24 Stunden lang Personentransporte und nachts muss am Netz gebaut werden, sei es für eine Reparatur oder einen Ausbau. Der Güterverkehr reiht sich da dazwischen ein. Bei Verspätungen wird der Güterverkehr dann gegenüber dem Personenverkehr auf der Strecke mit zweiter Priorität behandelt, obwohl die Pünktlichkeit auch in der Güterversorgung eine qualitativ und kostenmässig wichtige Rolle spielt.

4.
Als Trend im Bereich Logistik und Lager ist eine Konzentration der Lagerstandorte zu beobachten. Der Transport auf der Strasse dürfte tendenziell zunehmen.

5.
Die Verkehrsdichte in und um die Agglomerationen sowie auf einzelnen Autobahnen ist heute ein Hindernis für die Erbringung unserer Dienstleistungen. Zur Lösung dieses Problems wird es nicht nur eine Massnahme benötigen, sondern einen wohlgeplanten Strauss von Ideen.

 

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