Wie viele Flugkilometer legt ein Berater durchschnittlich im Jahr zurück? Eine genaue Zahl lässt sich nicht berechnen, aber es dürften sehr viele sein. Eine Meldung der deutschen VDI-Nachrichten erhärtet den Verdacht, enthüllte darin in seinem Artikel doch Frank Mattern, Chef McKinsey Deutschland, dass in seinem Unternehmen pro Kopf und Jahr wegen der Reisetätigkeit rund 20 t Kohlendioxid anfallen. Als umweltverträglich gilt lediglich ein Zehntel davon.

Das IPCC (Intergovernmental Panel on Climatic Change, deutsch auch oft Weltklimarat genannt) empfiehlt für eine langfristige Stabilisierung des Klimas die Reduktion der CO2-Emissionen auf 1 bis 2 t pro Kopf und Jahr. Zeichnet sich mit einem derartigen Sparpotenzial nicht ein geradezu ideales Betätigungsfeld für die ConsultingBranche ab?

Alibiübung «Kompensation»

Klar, Beratung kann schwerlich ohne Reisetätigkeit stattfinden. Wer die Sparempfehlungen aber mit einem «bringt nichts» abtut, macht es sich zu einfach. Sabina Döbeli, Co-Geschäftsführerin des Netzwerks für nachhaltiges Wirtschaften, Öbu, Zürich: «Auch kleine Massnahmen schärfen immerhin das Bewusstsein fürs Thema – und das ist ein guter erster Schritt.» Vielfliegern rät Döbeli: «Sinn und Zweck einer Flugreise gut überlegen, so wenig wie möglich fliegen, für innereuropäische Destinationen die Eisenbahn bevorzugen, andere Technologien wie etwa Videokonferenzen nutzen.» Last but not least: «Lässt sich die Reise nicht vermeiden, dann soll sie wenigstens kompensiert werden.»

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Das Kompensieren allerdings ist unter Fachleuten umstritten – sie wittern darin einen modernen Ablasshandel. Wer eine Flugreise «kompensiert», dafür also einen Obulus an eine Organisation wie MyClimate entrichtet, tritt die Reise ja dennoch an, generiert also unvermindert Kohlendioxid. Manche, so fürchtet die Kritik, lassen sich durch die Möglichkeit der Kompensation sogar zu erhöhtem Konsum verleiten. Dennoch, beharrt Döbeli: «Kompensation ist besser als gar nichts.»

Der fette Smart

Das Umdenken dürfte nicht allen gleich leicht fallen. Wer beruflich sehr viel fliegt, neige dazu, das Flugzeug auch im Privatleben als Transportmittel der Wahl zu betrachten, weiss Döbeli. Schliesslich wollen die vielen verdienten Gratismeilen ja auch bezogen werden. Hier mit Verboten zu arbeiten, hält die Umweltberaterin für falsch. Viel besser sei es, mit Anreizen zur CO2-Einsparung zu motivieren. Etliche Mitgliedsfirmen von Öbu haben zu diesem Zweck bereits Programme lanciert. Sie gewähren etwa Subventionen für den Kauf eines GA oder den Bau eines Minergiehauses, oder sie schicken ihre Mitarbeitenden in Kurse für umweltschonende Fahrweise. Unter Grossfirmen wie Swisscom, Coop oder Migros ist bereits ein Wettkampf im Einsparen entbrannt, was sich über die Website www.co2-monitor.ch verfolgen lässt.

Bezweifelt werden darf die Zielgruppenrelevanz des bei McKinsey Deutschland propagierten Wegs: Wer dort ein sparsameres Dienstauto wählt, erhält den eingesparten Betrag in Form einer besseren Ausstattung vergütet. Der McKinsey-Berater im Smart? Mit gewichtsträchtigen, sprich treibstofffressenden Zusatzeinbauten?

Zeit für neue Statussymbole?

Für imagebewusste Firmen empfiehlt sich als zeitgemässer Prestigeträger etwa das Videokonferenzsystem «Halo», kostet es doch ungefähr so viel wie ein Firmenjet. «Halo» besteht im Wesentlichen aus einem speziellen Raum mit Flachbildschirmen, in dem die Konferenzteilnehmer ihren – geografisch weit entfernten – Gesprächspartnern gegenübersitzen. Dank der von HP gemeinsam mit dem amerikanischen Filmstudio Dreamworks entwickelten Technologie werde jedes Augenzwinkern, jede Geste live übertragen. Bei HP sei sowohl die interne wie auch die externe Nachfrage nach «Halo» in letzter Zeit gestiegen, erklärt Pressesprecher Beat Welte. Allerdings führt er dies weniger auf den Anstieg der Treibstoffpreise zurück als auf das Bedürfnis nach Zeitersparnis und Komfort: «Keine Security-Checks, kein Herumsitzen in Abflughallen, kein Jetlag.» Womit bewiesen wäre: Klimaschutz kann total cool sein.

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