Der Schienengüterverkehr hat an Attraktivität gewonnen. Wie stark profitierte BLS Cargo im vergangenen Jahr von diesem Trend?

Dirk Stahl: Das vergangene Jahr war für BLS Cargo bis in den Herbst hinein ein sehr erfreuliches Jahr mit Neuverkehren und zweistelligen Wachstumsraten. Im letzten Quartal von 2008 hat uns der wirtschaftliche Abschwung dann jedoch stark betroffen. Die Verkehrsleistungen sind hierbei um zirka 15 bis 20% gegenüber den Vormonaten eingebrochen. Im Gesamtjahr 2008 haben wir jedoch ein immer noch erfreuliches Verkehrswachstum von 10% erzielt und Marktanteile gesteigert. Einen starken Einfluss vor allem auf das finanzielle Ergebnis hatte 2008 der volatile und tiefe Wechselkurs des Euro zum Schweizer Franken. Wir werden jedoch das Jahr 2008 wiederum positiv abschliessen.

Welche Ziele hat sich BLS Cargo für das Jahr 2009 vorgenommen?

Stahl: Eine Voraussage für das laufende Jahr ist derzeit äusserst schwierig. Da sind die vorliegenden Prognosen der verschiedenen Konjunkturexperten mit einer zu grossen Unsicherheit behaftet. Wir gehen aber davon aus, dass 2009 für den Schienengüterverkehr insgesamt, wie auch für BLS Cargo, ein äusserst herausforderndes Jahr wird, in dem wir mit deutlichen Verkehrsrückgängen gegenüber dem Jahr 2008 rechnen müssen. Daher erwarten wir frühestens für das Jahr 2010 mit einer Erholung der Nachfrage.

Schwergewicht für BLS Cargo bleibt der Nord-Süd-Verkehr. Inwieweit jedoch kann im Ost-West-Verkehr eine gewisse Kompensation erzielt werden?

Stahl: Gerade in Krisenzeiten ist es wichtig, in unserem Verkehrsangebot diversifiziert zu sein, um strukturelle Effekte ausgleichen zu können. Wir richten unseren Blick daher bereits heute verstärkt auf die Ost-West-Relationen und haben entsprechend auch schon neue Verbindungen aufgebaut. Eine wirkliche Kompensation der wegfallenden Nord-Süd-Verkehre ist allerdings kurzfristig nicht zu erwarten.

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Müssen die Kapazitäten in diesem Jahr dem rückläufigen Verkehrsvolumen angepasst werden?

Stahl: Ja, dieses Thema betrifft uns vor allem auf Seiten der Lokführer und Lokomotiven. Die BLS hat neben Überzeitabbau und internen Verschiebungen bereits einige Lokführer auf freiwilliger Basis an andere Bahngesellschaften in der Schweiz für mehrere Monate ausgemietet. Ferner werden in diesen Wochen aushilfsweise Züge der BLS im regionalen Personenverkehr und für die S-Bahn Bern von BLS Cargo-Loks gezogen. Für 2009 sind wir auf der Suche nach sinnvollen Lösungen, wir wollen aber auf jeden Fall unsere Flexibilität und unsere Kapazitäten erhalten, um im Bedarfsfall möglichst schnell wieder unmittelbar am Wachstum unserer Kunden partizipieren zu können.

Der Lötschberg-Basistunnel verkürzt den Transit durch die Schweiz. Wie sehen die bisherigen Erfahrungen von BLS Cargo aus?

Stahl: Von den rund 110 Trassen pro Tag stehen rund 70 für den Güterverkehr und 40 für den Personenverkehr zur Verfügung. Damit ist der Tunnel aber auch bereits weitgehend ausgelastet. Bis jetzt konnten wir das Verkehrsvolumen gut bewältigen, der Betrieb war operativ sehr stabil, und nur wenige Züge mussten über die Bergstrecke umgeleitet werden. Sorge bereitet uns der zunehmende Bedarf des Personenverkehrs, welcher mehr Trassen zulasten des Güterverkehrs benötigt. Hier müssen die Trassenkapazitäten für den Güterverkehr in Zukunft klar(er) und besser abgesichert werden.

Wie sieht die Situation im Raum Domodossola/Iselle aus?

Stahl: In Domodossola sind in jüngster Zeit verschiedene Ausbauten, wie neue Transitgeleise, vorgenommen worden. Wir müssen aber immer wieder in Italien darauf drängen, dass die Infrastruktur auch in Zukunft weiter ausgebaut wird.

BLS Cargo hat sich auf der Gotthardroute zu einem starken Anbieter im Schienengüterverkehr entwickelt. Wie wird sich dieser Verkehr in Zukunft entwickeln?

Stahl: Der Nord-Süd-Verkehr wird unser Hauptverkehrsgebiet bleiben. Diesen bieten wir in Kooperation mit DB Schenker auf beiden Achsen - Lötschberg und Gotthard - an. Wir stehen hierbei im intensiven Wettbewerb mit anderen Anbietern, wollen aber unsere Marktposition festigen und wenn möglich ausbauen.

In Italien verfolgt BLS Cargo eine Partnerschaftsstrategie mit drei Bahngesellschaften (Ferrovia Nord, Trenitalia, Railion Italia). Zusätzlich erhielt BLS Cargo Italia S.r.l. die Lizenz, als italienisches Eisenbahnunternehmen tätig zu sein. Wie erfolgreich war diese Zusammenarbeit bisher, und welche Ziele verfolgt man mit der EVU-Lizenz?

Stahl: Wir sehen die bisherige Zusammenarbeit mit den genannten Partnern als erfolgreich an und werden auch in Zukunft mit ihnen weiter zusammenarbeiten. Die eigene EVU-Lizenz ist in erster Linie darauf ausgerichtet, im Raum Domodossola Rangierverkehre durchführen zu können.

Sind 2009 neue UKV-Verbindungen in Europa geplant?

Stahl: Im derzeitigen Marktumfeld ist der Aufbau von neuen Strecken ausgesprochen schwierig. Wir sind mit unseren Kunden und Partnerbahnen in engem Kontakt, jedoch werden derzeit viele Projekte aufgrund der Unsicherheit eher verschoben.

Wie stellt man sich zur Rollenden Autobahn?

Stahl: Wir sehen uns als wichtigen Akteur der Verlagerungspolitik und tragen massgeblich zum Verlagerungsziel bei. Wir erachten hierbei die Rola unverändert als sinnvolles Ergänzungsprodukt, mit dem ein gewisses Gütervolumen zusätzlich auf die Schiene verlagert werden kann.

Muss nicht auch das Trassenpreis-System neu geregelt werden?

Stahl: Absolut, an dieser Stelle ist eine grundlegende Überarbeitung zwingend erforderlich. Es sieht so aus, dass bereits für das Jahr 2010 ein erster Schritt vorgesehen ist. Wichtig ist aus unserer Sicht, dass das Missverhältnis zwischen den Trassepreisen des Personenverkehrs und denen des Güterverkehrs speziell mit schweren Zügen endlich beseitigt wird. Heute zahlt ein Güterzug im Vergleich zu einem Personenzug für die Trassenqualität, die er erhält, einfach zu viel.

Politiker fordern immer wieder einen Zusammenschluss von SBB Cargo und BLS Cargo. Wie denkt man bei BLS Cargo darüber?

Stahl: Wir haben uns im Rahmen der Diskussionen letztes Jahr hierzu klar ablehnend positioniert. BLS Cargo hat ein funktionsfähiges Geschäftsmodell. Eine reine Fusion BLS Cargo - SBB Cargo würde auch die Probleme der SBB im Güterverkehr nicht lösen. Sinnvoll sind aus unserer Sicht Kooperationsformen, mittels derer eine allfällige Zusammenarbeit zwischen den beiden Firmen gefunden werden kann.

Im Rahmen der Partnersuche von SBB Cargo hat DB Schenker mit BLS Cargo ein gemeinsames Partnerschaftskonzept für eine vertiefte Zusammenarbeit mit SBB Cargo eingereicht. Welches Ziel verfolgt man damit?

Stahl: Das gemeinsame Konzept zeigt aus unserer Sicht attraktive Wege auf, wie man in der Produktion der internationalen Transitverkehre auf der Achse Deutschland-Schweiz-Italien gemeinsame Optimierungen und Synergien realisieren kann, um gemeinsam Kosten zu sparen.