Text- und Bildinformationen in wachsender Zahl überwuchern den Platz auf den Verpackungen. Qualitätsaussagen, praktische Hinweise, Warnungen, aber auch gesundheits- oder sozialpolitisch, ökologisch oder sonst wie ethisch motivierte Anliegen und Gutmenschenpostulate werden heute nicht nur in Textform, sondern durch Bildzeichen ausgedrückt. Mehr oder weniger einprägsam gestaltet, erläutern sie die von ihnen verkörperte Botschaft nicht immer fassbar.

Die Liste «Labels und labelähnliche Zeichen in der Schweiz» des Büros für Konsumentenfragen im EVD enthielt bereits im März 2009 insgesamt 183 Labels. Es wäre an der Zeit, den Wald der in überreicher Fülle vorhandenen Labels und Piktogramme auszuforsten. Doch er wächst ständig an. Das BAG rechnet damit, dass im 2. Halbjahr 2011 die neue Spielzeugverordnung (VSS) mit Änderungen der Warnhinweise in Kraft tritt, und spricht auch von einer «kleinen Revision» der Verordnung über kosmetische Mittel (VKos), die eventuell auch solche Änderungen mit sich bringt.

Anhang 3 der geltenden VSS gibt einen Eindruck von der bereits vorgeschriebenen Textmenge, die zu bewältigen ist - bei Gefahrenhinweisen und Gebrauchsanweisungen sogar in den drei Amtssprachen. Die Liste der Informationen, die entweder auf dem Spielzeug selbst oder auf der Verpackung angebracht werden müssen, umfasst zweieinhalb Verordnungsseiten. Die vorgeschriebene Menge von Text und die Piktogramme finden gar nicht Platz auf jedem Spielzeug. Dann müssen sie auf der Verpackung untergebracht werden. Bei kleinen Objekten führt das zu einer unverhältnismässig grossen Verpackung oder zu unleserlichen Informationen.

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Erläuterungsbedürftige Symbole

Wenn die Konsumentinnen und Konsumenten aus den zahlreichen Symbolen auf den Verpackungen nicht immer klug werden, ist es nicht ihr Fehler. Sie werden laufend mit neuen Bildzeichen eingedeckt, die meistens erläuterungsbedürftig sind. So sind beispielsweise die bisherigen quadratischen dunkelorangen Etiketten mit schwarzen Gefahrenpiktogrammen auf den Verpackungen von Chemikalien wie Wasch- und Reinigungsmittel, Klebstoffe, Farben, Grillanzünder, Heimwerkerprodukte am «Aussterben». Dabei hatte das BAG noch im Sommer 2009 eine Studie veröffentlicht, wonach das Publikum die Zeichen in den orangen Quadraten immer noch nicht genügend kenne und daher dringend eine Informationskampagne nötig sei.

Inzwischen wurden diese Pläne unterlaufen durch das schon damals absehbare GHS (Globally Harmonized System of Classification and Labelling of Chemicals) der Vereinten Nationen. Die neuen Gefahrenpiktogramme - neun an der Zahl - stehen in rot umrandeten schrägen Vierecken auf weissem Grund. Die alten Piktogramme sind aber noch bis Mitte 2015 gültig, was für Verwirrung sorgt. Zudem sind vier der neuen Piktogramme nur mit Begleittext verständlich.

Jedes Piktogramm wird ergänzt durch ein Signalwort, das auf die Schwere der Gefahr hinweist, sowie durch Gefahrenhinweise und Informationen über den sicheren Umgang mit Chemikalien in Textform. Das treibt die mit den Piktogrammen beabsichtigte, jedermann einleuchtende nonverbale Kommunikation mit Fremdsprachigen und Analphabeten ad absurdum und beweist, dass eben nicht jede Information bildlich «auf den Punkt» gebracht werden kann.

Jetzt beauftragt ein Postulat der WAK-NR, das vom Nationalrat am 13. Dezember 2010 angenommen wurde, den Bundesrat auch noch damit, die Möglichkeit zur Verbesserung der Konsumenteninformation durch Labels zu prüfen, um den Anforderungen der nachhaltigen Entwicklung besser gerecht zu werden. Dabei besteht schon heute eine Überfülle an ökologisch motivierten Labels.

Sie kollidiert mit dem legitimen Kampf gegen Mogelpackungen und den ökologischen Bestrebungen, den Umfang der Verpackungen auf das Notwendige zu verkleinern. So verlangt die Allianz der Konsumentenorganisationen (Acsi, FRC und Stiftung für Konsumentenschutz) in ihrem Jahresprogramm 2011 von den Produzenten und Vermarktern eine Reduktion von Umfang und Menge der Verpackungen. Neben ökologischen Motiven argumentieren sie, die Konsumenten müssten zweimal für die Verpackung bezahlen: Das erste Mal beim Kauf des Produkts und das zweite Mal für die Entsorgung.

Lesehilfe auf Einkaufswagen

Bisher begnügten sich die gesetzlich vorgeschriebenen Mengen- und Preisangaben sowie die umfangreichen Informationen über die Lebensmittel mit lapidaren Anforderungen wie «deutlich lesbar und leicht erkennbar», «leicht sichtbar und gut lesbar» oder «an gut sichtbarer Stelle, in leicht lesbarer und unverwischbarer Schrift». Dass Konsumentinnen und Konsumenten die relevanten Informationen auf den Verpackungen mühsam suchen und entziffern müssen, steht auf einem anderen Blatt.

Die Lupen, mit denen Coop die Einkaufswagen als Lesehilfe nachrüstete, sind ein Eingeständnis des illegalen Zustandes. Es bleibt dahingestellt, wieweit dieser auf geschickten Camouflagemanövern der Designer beruht und welcher Anteil der Überfülle vorgeschriebener Informationen und Bildzeichen zukommt, die auf der Verpackungsfläche kaum mehr unterzubringen sind.

Neuerdings befasst sich der Gesetzgeber auch mit den Preisanschriften in der Werbung, während sich die Vorgaben gegenwärtig erst auf die Angaben auf den Verpackungen und die Regalanschriften erstrecken. Am 10. Mai 2010 schickte der Bundesrat Änderungen der Preisbekanntgabeverordnung (PBV) in die Vernehmlassung. Darin befinden sich präzise Vorgaben für die Preisangaben in der Werbung. Diese müssen «leicht sichtbar und gut lesbar» sein, und zwar «auf einem neutralen Hintergrund». Gemäss Erläuterungen des Seco müssen die Angaben je nach Werbemittel - Inserat, Plakat, TV oder Kino - für einen bestimmten Betrachtungsabstand konzipiert sein.

Widerstand der Wirtschaft

Der Vorschlag stiess in der Vernehmlassung auf Widerstand der Wirtschaft. Ob er in der PBV bleibt, wird der auf Mitte 2011 verheissene definitive PBV-Entwurf zeigen. Sicher ist, dass der «neutrale Hintergrund» als eines der - wenn auch nicht-gesetzlichen - Kriterien überleben wird, um die Lesbarkeit vorgeschriebener Informationen zu beurteilen, sei es in der Werbung oder auf den Verpackungen. Das gebietet schon der gesunde Menschenverstand.

Während eines halben Jahres wird jetzt auf den Milchpackungen von Coop auf die Präventionskampagne «Netcity» aufmerksam gemacht, die Kinder vor den Gefahren im Internet warnt. Die Kampagne will die Medienkompetenz der Kinder fördern, und Coop beabsichtigt, mit dem Verpackungsaufdruck das Thema auf den Familientisch zu bringen. Es ist abzuwarten, welche Themen für Tischgespräche sich die Migros und andere Konkurrenten von Coop einfallen lassen, jeweils zwangsläufig auf Kosten des verfügbaren Platzes auf den bereits mit Informationen vollgepflasterten Verpackungen von Frühstücksgetränken, Orangensaft oder Müesliflocken.